"Da will keiner drüber reden": Unterwegs in Herne, wo immer mehr Menschen an ihren Schulden verzweifeln

Veröffentlicht: Aktualisiert:
HERNE
Unterwegs in Herne, wo immer mehr Menschen an ihren Schulden verzweifeln | Lennart Pfahler
Drucken
  • In keiner Stadt Deutschlands schießt die Schuldenquote so schnell in die Höhe wie in Herne
  • Fast jeder fünfte Bewohner der Stadt ist überschuldet
  • Grund ist nicht nur die hohe Arbeitslosigkeit

“Watt? Beim Bodowski die Bude? Scheeeiße!”

In der Bielefelder-Straße in Herne wird eine verlotterte Wohnung zwangsversteigert. Der Mieter kann seine Schulden nicht bezahlen. Die Fenster des Hauses haben Risse, das Zimmer zum Hinterhof ist vollkommen verwahrlost.

In der Kneipe nebenan weiß niemand davon. Der Mann, der sich um seinen Kumpel Bodowski zu sorgen scheint, nimmt einen Schluck aus dem Weizenglas.

Der Kollege an der Theke schüttelt mit dem Kopf: “Da will keiner drüber reden. Würde ich auch nicht machen, wenn ich Schulden hätte.”

Schulden hat in Herne nahezu jeder Fünfte. Es gibt Städte, in denen noch mehr überschuldete Menschen leben, als hier.

Doch es gibt keine einzige Stadt in Deutschland, in der die Verschuldung von Privatleuten in den vergangenen Jahren so dramatisch angewachsen ist. Seit 2004 ist die Schuldenquote in der Stadt um 4,9 Prozent gestiegen.

Das bedeutet: Immer mehr Menschen in Herne verlieren ihr Geld, womöglich ihr Eigentum - und damit die Kontrolle über ihr Leben. Sie verspielen ihre Zukunft. Und Hilfe zu bekommen, ist schwer.

”Die Gesellschaft in Herne ist in Schieflage geraten”

Denn es gibt in Herne nur einen einzigen Ort, an den sich verschuldete Menschen wenden können: die Schuldnerberatung von Susanne Wolf.

Sie kümmert sich in der Overwegstraße um die schwierigen Fälle. Schon vor drei Jahren warnte sie: “Die Gesellschaft ist in Herne in Schieflage geraten.”

herne
Viele Menschen brauchen Hilfe, doch nicht alle bekommen sie

Im vergangenen Jahr waren in der Stadt 12.500 Menschen in der Zwangsvollstreckung. Allein beim Amtsgericht laufen jedes Jahr um die 2500 Verfahren. “Dass es weniger wird, sehe ich nicht”, sagt eine Sprecherin des Gerichts.

Schuld ist eine gefährliche Mischung aus Arbeitslosigkeit, ungezügeltem Konsum und niedrigen Löhnen. Im aktuellen Jahresbericht der Herner Schuldenberatung heißt es: "Einkommensarmut hat den Spitzenplatz der Verschuldungsursachen eingenommen - noch vor Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Scheidung."

Das belegt auch eine neue Studie des Instituts für Wirtschaftsforschung in Köln (IW). Demnach hängt Einkommensarmut in kaum einer anderen Stadt so sehr mit der Schuldenquote zusammen wie in Herne.

Das heißt: Viele Bewohner von Herne können sich wenig leisten - und wenn sie es doch wollen, dann verschulden sie sich.

innenstadt
In der Innenstadt gibt es nicht viel Abwechslung

Für "Kredite und alle möglichen Kommunikations- und Versandrechnungen", erklärt der auf Schulden- und Insolvenzfragen spezialisierte Anwalt Hans-Joachim Bußmann.

Ziemiak: “Wir müssen Jugendlichen beibringen, mit Geld umzugehen”

Gerade für junge Menschen ist Herne ein Ort der Versuchung.

In der Innenstadt gibt es mehr Spielotheken als Modeläden, mehr Wettbüros als Cafés. Dazwischen die Handyläden, die mit scheinbar günstigen Flatrate-Verträgen und Finanzierungsangeboten werben.

Der CDU-Bundestagskandidat für Herne-Bochum, Paul Ziemiak, kennt das Problem. “Wir müssen in Schulen ansetzen und den Jugendlichen beibringen, wie sie mit Geld umgehen”, fordert er.

Es sei außerdem wichtig, gut bezahlte Arbeitsplätze zu schaffen und in die Qualifikation der Menschen zu investieren, sagt der Chef der Jungen Union der HuffPost.

ziemiak
Jemand hat ein Plakat von Paul Ziemiak beschmiert

Hehre Worte - doch noch ist die Realität in Herne eine andere. Wie diese aussieht, erfährt man an der Langen Theke, einer Innenstadtkneipe direkt am Bahnhof.

”Ich bin 53, kriege Hartz IV. Das war’s.”

Hier sitzt ein alter Trinker schon mittags am Tresen. Vor ihm stehen ein Bier und zwei leere Pinneken.

Der Mann schiebt der Kellnerin einen Zettel hin. Kurz darauf schallt Roy Blacks Hit “Ganz in Weiß” durch das Lokal. Früher hätte ihm das immer die Karina angemacht, murmelt der Alte. “Aber Karina kommt nicht mehr.”

Stattdessen stiefelt ein großer, kräftig gebauter Mann in den Laden – breiter Schnäuzer, Typ Handwerker. Bei Bier und Cognac erzählt er, er sei viel herumgekommen, habe schon alles gemacht: Lkw-Fahrer, Tierschützer, Bauarbeiter, Automechaniker.

“Ich kann dir 'nen Trans Am komplett zerlegen, wieder zusammenbauen und damit wegfahren”, sagt er. "Theoretisch."

Denn jetzt habe er Athrose, mit der schweren Arbeit sei es nun vorbei. Beim Arbeitsamt wolle man ihm keine der Qualifikationsmaßnahmen genehmigen, die er vorgeschlagen habe. "Ich bin jetzt 53, kriege Hartz IV. Das war’s."

Müntefering: “Verschuldung gehört zu unserer Lebenswirklichkeit”


Verschuldung und Arbeitslosigkeit gehören in Deutschland zur Lebenswirklichkeit vieler Menschen. "Gerade auch in unserer Stadt", gibt Michelle Müntefering, SPD-Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis Herne, zu.

"Etwa 4 von 5 Arbeitslosen in Herne sind langzeitarbeitslos. Dagegen hat bislang noch kein Instrument der Arbeitsmarktpolitik geholfen", sagt sie der HuffPost. Arbeit und faire Entlohnung seien aber der Schlüssel zur Vermeidung von Armut und Überschuldung.

unrat
Viele Wohnungen in Herne werden zwangsgeräumt

Für manche kommen diese Überlegungen zu spät. Die Wohnung in der Bielefelder Straße ist längst nicht die einzige, die in Herne zwangsweise unter den Hammer kommt. Wöchentlich sind es oft ein Dutzend.

Wohnungen wie die in der Vinckestraße. Ein Gutachter hat ihr einen “unbewohnbaren und verwahrlosten” Zustand attestiert. Trotzdem wohnt hier noch jemand.

Hinter eingeschlagenen Fenstern, über einem Hinterhof, in dem sich der Müll stapelt.

Die HuffPost ist noch eine Woche in Gegenden Deutschlands unterwegs, in denen vom Aufschwung der vergangenen Jahre nicht viel angekommen ist. Verfolgt die Deutschland-Tour unserer Reporter Lennart Pfahler und Josh Groeneveld bei Twitter.

Hier die bisherigen Geschichten:

"Die haben uns hier alles weggenommen": Wie ein ganzer Landkreis in Ostthüringen ums Überleben kämpf

Fast nirgendwo ist die AfD stärker als in Bitterfeld-Wolfen – eine Spurensuche

Die Goethestraße in Bremerhaven gilt als Deutschlands Armenhaus - wer hinfährt, erlebt eine Überraschung

Mehr zum Thema: "Das ist asozial hier": Zu Besuch in Leverkusen-Alkenrath, wo die Hälfte der Kinder in Armut aufwächst

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

(ll)