"Ein Fehler, und sie sind tot": Flüchtlinge wählen immer riskantere Wege, um nach Deutschland zu kommen

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  • Für Flüchtlinge gibt es kaum noch eine Möglichkeit, illegal die deutsche Grenze zu überqueren
  • Sie reisen deshalb zunehmend auf Güterzügen nach Deutschland ein
  • Exklusive Aufnahmen einer Zugkontrolle seht ihr im Video oben

Deutschland hat dichtgemacht. Jedenfalls an der deutsch-österreichischen Grenze.

Seit der Hochphase der Flüchtlingskrise im Sommer 2015 wird keine andere deutsche Grenze so stark kontrolliert wie die zum südlichen Nachbarn - dank einer Sondergenehmigung, die im November ausläuft. Täglich sind hunderte Polizisten im Einsatz, um Flüchtlinge zu stoppen.

Die Beamten entdecken die meisten Migranten bei Überprüfungen von Autos und Fernreisebussen. Drei Autobahn-Kontrollstellen hat die Polizei eingerichtet. Sie sind 24 Stunden besetzt, sieben Tage die Woche.

Auch alle Züge, die aus Österreich kommen, werden durchsucht, teilweise mit Hilfe vorgelagerter Grenzkontrollen wie in Salzburg oder Kufstein.

Seit Anfang des Jahres hat die Bundespolizei in Bayern fast 9500 Migranten ohne gültige Einreisepapiere registriert. Jeden Monat zwischen 1100 und 1325, die Zahlen sind recht konstant. Im Vergleich zu 2015 hat sich die Zahl drastisch reduziert: Damals kamen allein pro Woche tausende Flüchtlinge über die Grenze, meist unkontrolliert.

Illegal nach Deutschland kommt aktuell fast kein Flüchtling mehr. Fast.

Denn in Folge der stärkeren Kontrollen suchen sich Flüchtlinge immer ausgefallenere Wege, um nach Deutschland zu gelangen - und gefährlichere.

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Einer dieser neuen, riskanten Wege: Die Flüchtlinge klettern bereits in Italien auf Güterzüge und machen sich auf die lebensgefährliche Reise nach Deutschland.

Und es werden immer mehr, die diesen Weg wählen.

Das zeigen Zahlen der Bundespolizei, die der HuffPost vorliegen: Seit Januar 2017 hat die Bundespolizei in Bayern über 520 Flüchtlinge auf Güterzügen aufgegriffen.

Waren es in den ersten Monaten dieses Jahres nur etwa zwei Dutzend Migranten monatlich, sprang die Zahl im Juli laut Bundespolizei auf über 170 Migranten, im August wurden bisher 129 Flüchtlinge auf Güterzügen gezählt. Allein am 17. August befanden sich auf einem einzigen Zug 30 Menschen, davon 18 unbegleitete Minderjährige - ein Extremfall.

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Quelle: Bundespolizei

"Die meisten verstecken sich unter Sattelaufliegern und in Lkw-Anhängern"

Nun versucht die Polizei, dieses vermeintlich letzte Schlupfloch zu schließen. Mit Schwerpunktkontrollen mitten in der Nacht und am frühen Morgen.

"Viele Flüchtlinge kommen mit Zügen aus Verona", erklärt Jeannine Geißler, Sprecherin der Bundespolizei in Rosenheim. Sie hätten von den Schleppern nicht gesagt bekommen, dass sie auf einem Güterzug reisen sollen. "Das hätten die Migranten erst realisiert, als sie vor dem Zug standen", berichtet Geißler.

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Viele lassen sich von der Verheißung auf ein freies, sicheres und besseres Leben in Deutschland locken und klettern auf die Züge. "Die meisten verstecken sich unter Sattelaufliegern und in Lkw-Anhängern", schildert Geißlers Kollegin Yvonne Oppermann die Lage.

Doch die Kontrollen der Züge dienen nicht nur dazu, die Flüchtlinge bei ihrer illegalen Einreise zu stoppen: "Bei einer Fahrt mit einem Güterzug besteht absolute Lebensgefahr", betont Oppermann.

"Ein Fehler und sie sind tot"

Die Polizistin erklärt: "Wir haben einerseits die Hochspannung in den Oberleitungen, andererseits fährt der Zug sehr schnell. Dazu kommt, dass die Waggons teilweise nach unten durchlässig sind, sodass die Menschen leicht aufs Gleis fallen könnten. Ein Fehler und sie sind tot."

Das ist tatsächlich schon passiert. Im Juni stürzte ein Migrant bei Großkarolinenfeld im Nordosten von Rosenheim vom Auflieger.

Außerdem wird es zunehmend kälter. Besonders nachts, wenn die meisten Güterzüge fahren, fallen die Temperaturen drastisch.

Hermann Neun, der als freischaffender Arzt für die Ambulanz Rosenheim tätig ist, hat schon Dutzende Flüchtlinge untersucht, die nach ihrer gefährlichen Reise zu ihm kamen.

"Sechs bis neun Stunden auf einem offenen Zug bei 140 km/h, liegend oder hockend zwischen Reifen und Stahlträgern, auf Metall sitzend und zitternd bei Temperaturen, die in den Alpen vor allem nachts auch im Sommer in den einstelligen Bereich sinken können, vielleicht sogar noch mit Regen – das zehrt stark an den Kräften selbst junger, fitter Kerle", berichtete er "Focus Online".

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Deshalb untersuchen am frühen Donnerstagmorgen 40 Polizisten die ankommenden Güterzüge im oberbayerischen Raubling, um mögliche mitfahrende Migranten aufzuspüren. Der kleine Bahnhof kurz hinter der deutsch-österreichischen Grenze liegt günstig.

An diesem Tag kontrollieren sie vier Züge. Mindestens eine halbe Stunde dauert das pro Zug. Die Kontrollen sind mit der Deutschen Bahn und den betroffenen Eisenbahnverkehrsunternehmen abgesprochen. Aus Sicherheitsgründen muss jedes Mal der Bahnverkehr gestoppt und der Strom in den Oberleitungen abgestellt werden.

Die Suchaktionen haben erhebliche Auswirkungen auf den Zugverkehr, vor allem Berufspendler klagen über die Kontrollen. Bei der Polizei gehen täglich zahlreiche Beschwerden ein.

"Menschenleben gehen vor"

"Die Verspätungen nerven schon", sagt eine Auszubildende, die jeden Tag ins etwa eine Stunde entfernte München fährt und auch am Donnerstag wieder länger auf ihren Zug warten muss. An einigen Tagen sei sie sogar vom Lärm des Polizeihelikopters aufgewacht.

Aber die angehende Apothekerin betont: "Menschenleben gehen nun einmal vor."

Das ist auch die Sicht der Polizei.

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Während der Kontrollen gehen die Polizisten den gesamten Zug ab, leuchten in alle Lücken, schauen in die unverplombten Anhänger auf den Waggons und inspizieren jeden Hohlraum. Unterstützt werden sie vom Hubschrauber mit einer Wärmebildkamera.

Doch selbst die erfasst nicht alles, wie sich bei der letzten Kontrolle des Tages herausstellt.

Im vorletzten Waggon kauern zwei Menschen. Verängstigt blickt ein Junge nach draußen, als sich die Polizisten nähern. Schnell zieht er seine Kapuze ins Gesicht. Neben ihm kauert ein Mädchen, eingewickelt in einen dicken Wintermantel.

"This is the German police, please come out (Das ist die deutsche Polizei, kommen Sie bitte heraus)", sagt einer der Polizisten. Er lehnt sich in den Zug und versucht, den Jungen zu sich zu ziehen. Mit Flipflops an den Füßen kriecht er unter dem Anhänger hervor, Polizisten stützen ihn.

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Kurze Zeit später kommt das junge Mädchen hervor. Es humpelt und klagt über Bauchweh.

Beide werden noch auf dem Bahnsteig befragt. Es stellt sich heraus: Die Polizei hat eine 14-Jährige aus Somalia und einen 15-Jährigen aus Eritrea erwischt.

Für Polizistin Oppermann wenig überraschend: "Die meisten Menschen, die wir auf den Güterzügen aufgreifen, kommen aus Afrika. Die Hauptherkunftsländer sind Nigeria, Guinea und Eritrea."

Was für sie Routine ist, bedeutet für die beiden Flüchtlinge ein Stückchen Hoffnung.

Alle in Raubling aufgegriffenen Migranten werden in die Kaserne der Bundespolizei nach Rosenheim gebracht.

Dort nehmen die Beamten Fingerabdrücke und machen Fotos, um die Identität zu klären. Bei Bedarf werden die Flüchtlinge von Ärzten untersucht. Mit Hilfe von Dolmetschern werden sie weiter befragt.

Beantragen sie tatsächlich Asyl - "was sie selbstständig sagen müssen", wie Oppermann unterstreicht - dann werden sie mit einer Bescheinigung zur zentralen Anlaufstelle des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf) nach München geschickt.

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Anders verhält es sich bei unbegleitet reisenden Minderjährigen - wie am Donnerstag. Die Polizei hat die beiden in die Obhut des Jugendamtes übergeben.

"Falls die Migranten kein Asyl beantragen oder sie dieses bereits in einem anderen Land getan haben, werden sie zurückgeschickt", erläutert Oppermann den Ablauf. "Im Falle Österreichs übergeben wir die Migranten den Beamten direkt an der Grenze."

Wie erfolgsversprechend das ist, lässt sich nicht sagen. Nur erahnen.

Denn Oppermann gibt zu: "Viele greifen wir doppelt auf." So begeben sich manche sogar zwei Mal auf die lebensgefährliche Reise in ein vermeintlich besseres Leben.

Flüchtlingskrise: Helft den Helfern!

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Wie ihr selbst aktiv werden könnt, erfahrt ihr bei unserem Kooperationspartner Betterplace..


(ll)

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