Alternative Fakten für Deutschland: 8 irre Fake-News der AfD aus dem Bundestagswahlkampf

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GAULAND WEIDEL
Das Logo der AfD. | TOBIAS SCHWARZ via Getty Images
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  • Immer öfter werden Lügen und Propaganda zum Handwerkszeug im Wahlkampf der AfD
  • Hier sind acht Beispiele, mit denen die Partei versuchte, die Öffentlichkeit in die Irre zu führen

Lügen, verdrehte Fakten, gefälschte Studien: Kurz vor der Bundestagswahl schwemmt eine schmutzige Welle Fake-News durch die sozialen Netzwerke.

Heute erst schürt AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel in einem Interview mit der "Jungen Freiheit" Ängste vor Flüchtlingen.

Nur wenige Tage, nachdem AfD-Vize Beatrix von Storch ein falsches Zitat von Bundesjustizminister Heiko Maas verbreitet hatte.

Stimmenfang mit Falschnachrichten

Freilich verbreiten auch andere Parteien Falschnachrichten. Etwa die Junge Union Bayern, die Schulz das Zitat in den Mund legte, Linksextremismus sei ein "aufgebauschtes Problem".

Doch die AfD ist mit falschen Behauptungen, Übertreibungen und verdrehten Zitaten besonders auffällig.

Hier sind 8 Beispiele aus der AfD-Fake-News-Fabrik:

Fake: Gruppenvergewaltigungen erst seit Kurzem in den Statistiken

Für AfD-Spitzenkandidaten Alice Weidel ist es ein Fakt von vielen, der belegen soll, wie viel unsicherer Deutschland durch Flüchtlinge geworden ist.

Der Wochenzeitung "Junge Freiheit" sagte sie in einem Interview:

Das Delikt Gruppenvergewaltigungen – stellen Sie sich vor, das gab es bis vor kurzem als eigene Rubrik noch gar nicht. Doch "dank" eines Anstiegs um 130 Prozent innerhalb der Tätergruppe Asylbewerber in nur einem Jahr ist sie nun offenbar nötig.

Einziges Problem: Es stimmt nicht. Weidel stellt einen Zusammenhang her, den es so nicht gibt.

Gruppenvergewaltigungen sind nicht erst durch die Flüchtlingskrise zu einem ernsten Problem geworden und unter besonderer polizeilicher Beobachtung.

"Diese Delikte werden seit den 80er Jahren in der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) ausgewiesen", teilt das Bundeskriminalamt (BKA) auf HuffPost-Anfrage mit. Schon lange vor der Flüchtlingskrise wurden hunderte solcher Fälle dokumentiert. Nicht "erst seit Kurzem", wie Weidel falsch behauptet.

Fake: Käßmann vergleicht deutsche Familien mit Nazis

Vor drei Monaten zitierte die Partei die Theologin Margot Käßmann mit den Worten: "Wo Deutsche Kinder bekommen, da weht ein brauner Wind."

Eine verkürzte Darstellung, denn in Wahrheit hatte Käßmann auf dem Evangelischen Kirchentag in Berlin aber was ganz anderes gesagt.

Die AfD-Forderung nach einer höheren Geburtenrate erinnere sie an den "kleinen Arierparagrafen der Nationalsozialisten", sagte sie in Berlin. "Zwei deutsche Eltern, vier deutsche Großeltern: 'Da weiß man, woher der braune Wind wirklich weht.'"

Das fand kaum Beachtung - erst, als die AfD eine Falschmeldung daraus drehte. Das zeigt eine Analyse der "Stiftung Neue Verantwortung".

Wie das falsche Zitat plötzlich die Aufmerksamkeit in den sozialen Medien auf sich zog, lässt sich aus folgender Grafik herauslesen:

käßmann

Zahlreiche AfD-Politiker teilten den Beitrag und kritisierten Käßmann. Die Theologin widersprach vehement und erwog rechtliche Schritte.

Fake: Polizei wird offiziell dazu angehalten, die Straftaten von Flüchtlingen zu vertuschen

Es ist ein frei erfundenes Schreiben, das vor Kurzem für Wirbel sorgte.

Ein dreiseitiges Papier enthält eine Sonderregel für straffällig gewordenen Flüchtlinge. Eine Anweisung an die Behörden, angeblich vom NRW-Innenminister Herbert Reul persönlich.

Als sich der Brief als Fälschung herausstellt, hatten es schon zahlreiche AfD-Politiker sowie nach rechts gedriftete Publizisten wie Matthias Matussek weiter verbreitet. Und das, obwohl das Dokument extrem schlampig erstellt war und zig Fehler enthält.

Auf Facebook schrieb Innenminister Reul: „Diese perfide Fälschung führt uns erneut vor Augen, wie dreist geistige Brandstifter Stimmung gegen Ausländer machen.“

Der Zeitpunkt der Veröffentlichung vor der Bundestagswahl sei kein Zufall. Er könne die Bürger „nur bitten, auf derartige Propaganda nicht hereinzufallen und bei angeblichen Nachrichten in Sozialen Netzwerken kritisch zu sein.“

Fake: Maas: „Meinungsfreiheit gilt für Facebook nicht“

Mit den Worten "Auf Facebook gilt Meinungsfreiheit nicht" zitiert AfD-Vize Beatrix von Storch Bundesjustizminister Heiko Maas auf Twitter.

Dazu die Frage, warum "dieser Mann nicht in Haft" sei und ein Link zu einem Video, dass das Zitat belegen soll.

Dass Maas die Meinungsfreiheit auf Facebook einschränkt, werfen ihm nicht nur Rechtspopulisten wie von Storch vor. Der Minister steht durch sein Netzdurchsuchungsgesetz scharf in der Kritik.

Nur ein Problem gibt es bei der Geschichte: Maas hat den zitierten Satz so nie gesagt. In den drei Minuten des Videos fällt der Satz kein einziges Mal.

Von Storch hat es für den SPD-Politiker frei erfunden.

Das änderte nichts daran, dass der Beitrag hunderte Male verbreitet wurde, unter anderem vom Hauptkanal der Partei.

Fake: 1000 Migranten feiern Grapschparty auf Volksfest in Schorndorf

Die ersten Meldungen von den Ausschreitungen in Schorndorf waren nur wenige Stunden alt, da verbreitete die AfD schon fragwürdige, angebliche Fakten.

In der Stadt bei Stuttgart kam es vor gut einem Monat zu sexuellen Übergriffen und Krawallen. Die wenigen Erkenntnisse, die die Polizei bislang sammeln konnte, teilte sie in einer Pressekonferenz mit.

Unter anderem sagten die Beamten, dass sich rund 1000 junge Leute im Schlosspark der Stadt versammelten, es kam zu Ausschreitungen, Randalierer bewarfen Besucher und Einsatzkräfte mit Flaschen.

Aus dieser letzten Zahl - 1000 junge Menschen - machten einige AfD-Politiker einfach 1000 Migranten. Ohne, dass es dafür irgendeinen Beleg gab.

AfD-Vize Beatrix von Storch schrieb etwa von einer "islamische Grapschparty"

Polizeichef Roland Eisele sagte dazu in der Pressekonferenz:

"Mit solchen Zahlen muss man vorsichtig sein, weil sie sich nicht verifizieren lassen. Wir können den Anteil der Migranten in der Gruppe nicht feststellen. Sie waren dort auch vertreten, aber eben nicht nur."

Im Klartext: Niemand konnte zu dem Zeitpunkt wissen, wie viele Migranten tatsächlich an den Ausschreitungen beteiligt waren. Niemand konnte außerdem wissen, wie viele davon Flüchtlinge waren. Auch nicht die AfD.

Fake: Zahlreiche Flüchtlinge machen Urlaub im Heimatland

Der Bericht sorgte deutschlandweit für Wirbel und Empörung:

Zwei Lokalzeitungen hatten Ende vergangener Woche berichtet, dass laut Ausländerbehörden in Baden-Württemberg 153 Flüchtlinge erfasst wurden, die seit 2014 zum Teil mehrfach in ihre Heimatstaaten gereist seien, um "Urlaub" zu machen.

Große Medien in ganz Deutschland griffen die Meldung auf.

Das Problem: Die Meldung war in wichtigen Punkten überzogen.

So erklärte das ZDF in einem Faktencheck:

Ein Mitarbeiter des Innenministeriums in Baden-Württemberg schrieb: Dass anerkannte Flüchtlinge wirklich zu "Urlaubszwecken" in ihre Heimatländer reisen, sei reine Spekulation. Vielleicht besuchten sie auch unter großen Gefahren ihre Angehörigen.

20 der Flüchtlinge machten in der Heimat außerdem gar keinen "Urlaub", sondern blieben gleich dort, erläutert das ZDF.

Fazit: Weder die Zahl stimmte genau, noch die Behauptung, dass die Flüchtlinge Urlaub machen.

Aber wie kam die Meldung zustande? Die Antwort kennt die AfD.

Die Zahlen über urlaubende Flüchtlinge basierten auf einer kleinen Anfrage der AfD im Landtag von Baden-Württemberg. Die Anfrage war mit dem Titel "Heimaturlaube anerkannter Asylbewerber" überschrieben. Achtmal taucht der Begriff "Urlaub" in unterschiedlichen Zusammenhängen im Dokument auf.

Mehrere Medien übernahmen in der Folge das Wort "Urlaub" in ihrer Berichterstattung, wie das Branchenportal "Übermedien" schreibt.

Als dann sogar noch das Innenministerium in Baden-Württemberg auf die vermeintlichen "Flüchtlingsurlaube" reagierte, schienen sie wie eine Tatsache - und nicht wie eine Zuspitzung der AfD.

Fake: Reisewarnung für Schweden

Vor einem halben Jahr sah sich sogar das Auswärtige Amt veranlasst, auf eine Falschmeldung der AfD zu reagieren.

Landesverbände wie jener in Berlin verbreiteten eine Reisewarnung für Schweden, nachdem US-Präsident Donald Trump in einer Rede von Flüchtlingsausschreitungen in dem Land gesprochen hatte.

"Schweden: Es gilt eine massive Reisewarnung, gültig seit dem 1. März. Herausgegeben vom Auswärtigen Amt, also der Behörde Sigmar Gabriels. "Komisch, dass wir darüber nichts in den Medien erfahren...", hieß es in dem Post.

Umgehend schrieb das Auswärtige Amt auf Facebook: "Achtung, Fake-News! Es gibt keine Reisewarnung für Schweden." Vielmehr sei die Warnstufe im März 2016 auf "erhöhte Gefahr" herabgesetzt worden.

Fake: Rote Flora wirbt mit Steinewerfern

Nach den G20-Krawallen verbreitete die AfD ein Fotomontage, die angeblich für den Verbleib der in die Kritik geratenen Roten Flora warb. Darauf zu sehen: Eine Frau mit einem Stein in der Hand.

Schnell stellte sich die Montage als Fake heraus. Nicht nur war sie ein Jahr alt - auch zeigte sie die Hamburger JU-Vorsitzende, die nicht im Verdacht steht, Steine zu werfen.

Auch Politiker anderer Parteien hatten den Tweet vebreitet - etwa CDU-Vize Julia Klöckner. Anders als Klöckner hielt die AfD allerdings an der falschen Darstellung fest.

Auf Nachfrage, warum die AfD den Tweet geteilt hat, sagt deren Pressesprecher Christian Lüth dem ARD-Magazin Faktenfinder: "Das Bild zeigt, wie krawallbereit die Antifa ist. Es geht um die Message." Wer da wen dargestellt und was derjenige für einen persönlichen Hintergrund hat, spiele keine Rolle.

"Wenn die Message stimmt, ist uns eigentlich egal, woher das Ganze kommt oder wie es erstellt wurde. Dann ist es auch nicht so tragisch, dass es Fake ist", sagte Lüth.

An dem Zitat zeigt sich die perfide Strategie der Partei.

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