"Das ist asozial hier": Zu Besuch in Leverkusen-Alkenrath, wo die Hälfte der Kinder in Armut aufwächst

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LEVERKUSEN
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  • Im Leverkusener Stadtteil Alkenrath ist jedes zweite Kind von Armut bedroht
  • Nur wenige Kinder können dem Hartz-IV-Milieu entkommen
  • Ein Pfarrer berichtet von seinem mühsamen Kampf gegen den Kreislauf der Verwahrlosung

Man sieht dem kleinen Stadtteil Alkenrath in Leverkusen nicht an, dass hier etwas gewaltig schief läuft.

Wer durch die Alkenrather Straße läuft, der muss alle paar Meter einem Kinderwagen ausweichen. Auf den Grünflächen und Bordsteinen zwischen den Häuserreihen spielen überall Kleinkinder wie in einer Art Freiluftkita.

Jugendliche spielen in den Gärten hinter den Häusern Fußball, ein paar alte Herren trinken an einem Kiosk ihr Feierabendbier. An der Kreuzung knutscht ein junger Mann seine Großmutter zum Abschied.

Kleinbügerlich wirkt das alles. Irgendwie idyllisch.

Doch so sorgenfrei, wie es scheint, ist das Leben vieler Menschen hier nicht. Das gilt besonders für die rund 800 Kinder, die in Leverkusen-Alkenrath leben.

Rund die Hälfte von ihnen ist akut von Armut bedroht. In kaum einer Gegend in der Bundesrepublik ist die Kinderarmut vergleichbar groß.

Viele Kinder haben ihre Eltern noch nie arbeiten gesehen

“Es gibt im Ruhrgebiet Gegenden, da wird nicht mal mehr Privatfernsehen geschaut, da laufen nur noch Porno-DVDs”, sagt Pfarrer Jürgen Dreyer. Er engagiert sich seit Jahren für die Kinder und Familien in Alkenrath – und hat so den sozialen Abstieg des Viertels hautnah miterlebt.

“Die zweite Generation Hartz-IV-Empfänger in Alkenrath, die vielleicht 30 oder 35 Jahre alt sind, hat sich vollkommen abgekapselt”, klagt Dreyer. In Alkenrath lag die Arbeitslosigkeit bei der letzten Erhebung im September 2016 bei 14,2 Prozent.

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Pfarrer Jürgen Dreyer. Quelle: leverkusen.de

Viele Kinder haben ihre Eltern noch nie arbeiten gesehen - und viele werden es selbst kaum zu einer guten Ausbildung bringen.

Dreyer warnt: Die Kinderarmut ist eng mit Bildungsarmut verbunden. "Das ist ein ganz böser Kreislauf: Nur eine kleine Quote der Kinder schafft es auf das Gymnasium, die Leute bleiben dann in Niedriglohnjobs oder im Hartz-IV-Milieu."

Hinzu komme die Scham vor der eigenen Armut. "Niemand will zugeben, dass er auf Hilfe angewiesen ist", sagt Dreyer.

"Kanacken, Deutsche, hier sind alle gleich", sagt ein Anwohner

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Eines der typischen Mietshäuser in Leverkusen-Alkenrath

An einem Sandkasten hinter einem der großen Mehrfamilienhäuser findet ein Nachbarschaftstreffen statt. Auf einer kleinen Bank drängen sich zwei ältere Männer, eine Frau und ein Jugendlicher. Alle tragen Joggingkleidung.

Der größere der beiden Kerle, ein Glatzkopf mit praller Plauze und tätowierten Oberarmen, will nicht gestört werden. Auf Fragen reagiert er trotzig. "Das ist hier keine tolle Gegend, aber auch nicht das letzte Ghetto", sagt er. Alkenrath sei ganz normal. "Kanacken, Deutsche, hier sind alle gleich. Mal mehr, mal weniger schlimm."

Drüben - auf der anderen Straßenseite - sei das anders. "Da sind alle unzufrieden."

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Kleinbürgerliche Idylle an der Alkenrather Straße

Die Menschen auf der Nordseite der Alkenrather Straße geben das offen zu. An einem Spielplatz hat sich eine Gruppe junger Mütter versammelt. "Das ist schon asozial hier, das kann man nicht anders sagen", sagt eine, bevor sie ihren Kinderwagen zum nächsten Hauseingang schiebt.

Ihre Freundin erzählt, dass sich das Viertel in den vergangenen Jahren stark verändert habe. Sie sitzt auf dem Boden und stochert im Kies herum. "Früher haben hier nur Senioren und Familien gelebt. Jetzt kann man hier nachts nicht mehr rausgehen."

Pfarrer Dreyer: "Die Strukturen sind verloren gegangen"

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Eingang zum Alkenrather Familientreff Alfa

Alkenrath ist ein Viertel im ständigen Wandel.

Einst hat der Pharmakonzern Bayer seine Mitarbeiter in den senfgelben Mietshäusern untergebracht, dann kamen und gingen die Gastarbeiter. Heute leben hier vor allem Geringverdiener, Zuwanderer und Sozialhilfe-Empfänger.

Mal mehr, mal weniger lang. Das soziale Zusammenleben im Viertel leidet darunter.

"Viele Strukturen sind verloren gegangen", sagt Pfarrer Dreyer, "ob das Schützenvereine, Stadtteilfeste oder andere Veranstaltungen sind." Die Arbeit mit Jugendlichen sei irgendwann einfach eingestellt worden.

Erst in den vergangen Jahren reagierten die Behörden. Die Stadt Leverkusen hat den Ernst der Lage begriffen. "Dass da viel getan werden muss, wissen wir alle", sagt eine Sprecherin der Stadt am Telefon.

Sommerfeste, Familientreffs, Schuldnerberatungen: All das gibt es mittlerweile wieder in Alkenrath. Seit 2009 bemüht sich ein Zusammenschluss von Fachleuten aus der Kinder- und Jugendhilfe, das Netzwerk Kinderarmut, um die Menschen im Viertel.

Viel getan hat sich nicht bisher - zumindest, wenn es nach den Statistiken geht. Noch immer ist es für Sozialarbeiter schwierig, im Alkenrather Milieu etwas zu bewegen. Als Pfarrer gelingt es Jürgen Dreyer immerhin, den Kontakt mit den Leuten zu halten.

Wenn er mit ihnen spricht, dann nicht nur über Ausflüge, Sommerfeste oder Schulunterricht. Oft geht es für die Familien und Kinder in Alkenrath um das Allerwesentlichste. Dreyer sagt: “Ich werde angerufen, wenn der Kühlschrank leer ist.”

Die HuffPost ist noch eine Woche in Gegenden Deutschlands unterwegs, in denen vom Aufschwung der vergangenen Jahre nicht viel angekommen ist. Verfolgt die Deutschland-Tour unserer Reporter Lennart Pfahler und Josh Groeneveld bei Twitter.

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(ll)

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