Baby-Led Weaning: Ärzte warnen vor der neuen Ernährungsmethode für Kinder

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Kinder nach dem Stillen gleich nur feste Nahrung zu geben, halten viele Experten für den falschen Weg. | 1905HKN via Getty Images
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  • Neuer Trend aus Großbritannien: Mit Baby-Led Weaning bekommen Kinder nach der Stillzeit statt Brei feste Nahrung
  • Was sie dabei zu sich nehmen, sollen die Kinder selbst entscheiden
  • Experten aber warnen vor der neuen Ernährungspraxis

Unbeholfen nagt der kleine Rory an einem Stück Karotte. Dann lacht er, patscht auf dem Plastikeinsatz seines Hochstuhls herum und schaut mit aufmerksamem Blick durch das Esszimmer.

Was auf den ersten Blick wie ein sorgloses Mittagessen wirkt, hat ein entscheidendes Manko: Rory isst während des ganzen Prozederes fast nichts.

Auf YouTube lässt seine Mutter Chloe ihre Zuschauer in einem gut fünfminütigen Zusammenschnitt daran teilhaben, wie sich ihr sechs Monate alter Sohn Brokkoli, Spaghetti und Avocado in den Mund schiebt - oder zumindest in die Nähe davon. Denn statt in seinem Bauch landet ein Großteil der Nahrung mal auf dem Boden, mal aus Versehen im halben Raum.

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Wenn ein Kind mit fünf bis sechs Monaten langsam an die Beikost gewöhnt wird, bekommt es zusätzlich zur Muttermilch normalerweise erstmal fein pürierten Brei im Fläschchen serviert. Bei Rory und anderen Kindern ist das anders.

Breifreie Beikost: Rory wird nach der Baby-Led Weaning-Methode ernährt

Baby-Led Weaning heißt der Trend aus Großbritannien, bei dem Kinder nach der Stillphase direkt an feste Nahrung herangeführt werden, die sie dann selbständig zu sich nehmen. Nicht die Eltern entscheiden also, was das Kind isst, sondern die Kinder wählen selbst aus, was ihnen schmeckt.

Hinter diesem Trend steckt die britische Gesundheitsberaterin Gill Rapley. Sie habe mit ihrer Methode die Machtkämpfe zwischen Eltern und Kleinkindern beenden wollen, die viele Familien regelmäßig am Esstisch ausfechten, erzählt sie in einem Interview mit dem "Spiegel": "Es ist einfach falsch, wenn wir Essen in den Mund von Babys stecken."

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Die Methode soll - sofern die Eltern ihren Kindern denn ausgewogene Auswahlmöglichkeiten geben - ein gesundes Essverhalten fördern und Übergewicht vorbeugen. Dabei geht Rapleys Konzept davon aus, dass Kinder instinktiv wissen, welche Nährstoffe ihr Körper in einer bestimmten Wachstumsphase braucht und dementsprechend intuitiv zum richtigen Nahrungsmittel greifen.

Bloggerin und Autorin Susanne Mierau sieht das ähnlich: Mit Verweis auf eine Studie des bekannten Kinderarztes Herbert Renz-Polster schreibt sie auf ihrem Blog, Kinder hätten schließlich schon immer gegessen, was auf dem mütterlichen Speiseplan stand - mundgerecht zerlegt oder vorgekaut.

Baby-Led Weaning habe also durchaus seine Vorteile: "Was nicht schmeckt oder nicht im Mund zerkleinert werden kann, wird wahrscheinlich schnell wieder ausgespuckt. Erspart bleibt einem auch das schwierige Füttern."

Auch Rorys Mutter schreibt unter ihrem YouTube-Clip: “Das Video dokumentiert, wie sich die Fähigkeiten (zur selbständigen Nahrungsaufnahme; Anm.d.Red.) natürlich entwickeln."

Doch: Viele Experten sehen den Ernährungstrend äußerst kritisch. Was Rapley als Kampf für die Autonomie des Kindes inszeniert, halten viele schlicht für Quatsch und einige sogar für gefährlich.

"Baby-Led Weaning überfordert die Kinder!", sagen Experten

"Kinder in diesem Alter mal Obst und Gemüse essen zu lassen, ist ja völlig in Ordnung", sagt Berthold Ko­letz­ko, Lei­ter der Ab­tei­lung für Stoff­wech­sel und Er­näh­rung im Hau­ner­schen Kin­der­spi­tal in Mün­chen. "Das Gefährliche ist die dogmatische Sichtweise, dass die Ernährung ausschließlich so funktioniert. Damit überfordert man das Kind."

Kinderärzte und Experten warnen zudem vor Mangelernährung und Nährstoffmangel.

"Die Kinder werden durch diese Art der Ernährung nicht satt", sagt Kinderärztin Margarete Jäger. "In diesem Alter sehen sie das Essen als Spiel und weniger als Nahrungsaufnahme. Mit dieser Methode kommt man kaum auf die Kalorienzahl, die das Kind braucht."

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"Dazu kommt, dass die wichtigen Nährstoffe wie Eisen, Jod und Zink in Fingerfood kaum enthalten sind. Und man kann den Babys ja keinen Hamburger in die Hand geben", bestätigt auch Koletzko.

Ulrike Zimmek, Beauftragte für Stillen und Ernährung des Bayerischen Hebammen Landesverbandes e.V., hingegen entschärft die Aussagen. "Wichtige Nährstoffe bekommt das Kind im Idealfall noch durch die Muttermilch. Und wenn man es entsprechend aufbereitet, kann man dem Kind auch durchaus Fleisch anbieten."

Kinder brauchen genug Eisen, Zink und Vitamin B12

Die wissenschaftlichen Untersuchungen, die es bisher zu dem Thema gibt, bestätigen jedoch, dass Kinder, die nach der Baby-Led Weaning-Methode gefüttert werden, weniger Eisen, Zink und Vitamin B12 im Körper haben als andere.

Zu diesem Ergebnis kommt beispielsweise die Studie einer Forschungsgruppe um Anne-Louise Health, Professorin am Institut für Ernährung an der Universität Otago in Neuseeland.

Eisenmangel führt im Extremfall nicht nur zu Blutarmut, sondern kann auch schädigend auf die Gehirnentwicklung der Kinder wirken. "Ich empfehle statt der festen Nahrung einen Brei aus mit Eisen angereichertem Getreide", sagt Koletzko.

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(lk)

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