Soziologe Nassehi warnt: "Die Parteien verpassen gerade eine gigantische Chance im Wahlkampf"

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MERKEL SCHULZ
Soziologe Nassehi warnt: "Die Parteien verpassen gerade eine gigantische Chance im Wahlkampf" | Francois Lenoir / Reuters
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  • Eine Umfrage zeigt: Fast die Hälfte der Wähler ist noch unentschlossen
  • Der Münchner Soziologe Armin Nassehi hat dafür eine beunruhigende Erklärung

Einen Monat vor der Bundestagswahl fühlt es sich so an, als sei die Wahl schon gelaufen.

Die Kanzlerin liegt in Umfragen weit vorn, die FDP kann sich für die Regierung warmlaufen und Rot-Rot-Grün für ihre Aufgaben in der Opposition.

Wenn es da nicht diese eine Unbekannte gäbe: Die Zahl der Nichtwähler und Unentschiedenen. 46 Prozent der Wähler wissen noch nicht, wen sie am 24. September wählen sollen.

So viele waren es so kurz vor der Wahl zuletzt vor zwanzig Jahren, berichtet die „FAZ“.

Würden diese Menschen eine Partei bilden, wären sie laut einer aktuellen Auswertung des Umfrage-Instituts Allensbach, auf die sich die "FAZ" bezieht, die mit Abstand stärkste politische Kraft.

Statt mehr und mehr Menschen zur Wahl zu bewegen oder für sich zu gewinnen, haben es die Parteien also mit ihrem Wahlkampf geschafft, die Deutschen zu verunsichern.

"Parteien verpassen eine gigantische Chance"

Damit "verpassen die Parteien eine gigantische Chance", kritisiert Armin Nassehi, Professor für Soziologie an der Universität München, im Gespräch mit der HuffPost.

Die Chance nämlich, "all jene Wähler zurückgewinnen, die sich in den vergangenen Jahren von den Volksparteien abgewendet haben, in dem sie gar nicht oder eine Protestpartei wie die AfD wählten."

Dabei ist die Gelegenheit günstig wie nie.

Die AfD zerlegt sich in Machtkämpfen selbst, sie agiert laienhaft in den Landesparlamenten und schockiert mit rechtsextremen Auswüchsen.

Mehr zum Thema: Zwischen Chaospolitik und Skandalen: Was die AfD für die Menschen tut, die sie gewählt haben

In Umfragen haben sich die Werte der AfD in den vergangenen Monaten fast halbiert. Die Partei wäre laut der aktuellen Allensbach-Umfrage gar schwächste Kraft im Bundestag.

"Themen, die für Deutschland wirklich wichtig sind, gehen im Wahlkampf unter"

"Statt die Gelegenheit zu nutzen, reden die Parteien an den zentralen Themen der Bevölkerung vorbei", sagt Nassehi.

Sei es die soziale Gerechtigkeit, Migration, Mobilität, Europa und die Zukunft der Wirtschaft: Die Themen, die für Deutschland wirklich wichtig sind, gingen in diesem Wahlkampf durch die Parteien unter.

"Immer noch gibt es zum Beispiel in Teilen der Bevölkerung große Sorgen und Ängste beim Thema Migration. Antworten darauf sucht man allerdings bei den Parteien vergebens."

Statt vieler Mini-Vorschläge, die kaum einen Wähler erreicht haben, hätte sich der Soziologe einen Vorschlag für ein Einwanderungsgesetz gewünscht. Das hätte Migrationskritiker wie auch Befürworter abgeholt.

Über den Wahlkampf der einzelnen Parteien sagt er:

"Die SPD hat es mit einem Gerechtigkeits- und Zukunftswahlkampf versucht, der aber gänzlich verpufft ist."

"Die Union hofft, die Wahl durch Schweigen zu gewinnen", sagt er weiter. Die Strategie der Partei sei es, Fehler zu vermeiden. Kontroverse Vorschläge könne man von Merkel aus taktischen Gründen derzeit nicht erwarten.

Die Grünen wiederum sind stark zerstritten. Sie könnten sich nicht entscheiden, ob sie eine Bürger- oder Protestpartei sein wollen. "Das führt zu einem Programm, das wenig Tiefenschärfe hat", sagt der Münchner Soziologe.

Bei der FDP stehe der Spitzenkandidat im Fokus, "nicht die Inhalte".

Das alarmierende Fazit: "Sollte die Flüchtlingskrise in den öffentlichen Fokus zurückkehren, wäre das vor allem für die AfD ein Geschenk."

Flüchtlingskrise: Helft den Helfern!

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

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(ben)

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