Lohn-Schere: Ein großer Teil der Bürger profitiert nicht vom Wirtschaftsboom - das sind die Gründe

Veröffentlicht: Aktualisiert:
LOHN SCHERE
Lohn-Schere: Ein großer Teil der Bürger profitiert nicht vom Wirtschaftsboom - das sind die Gründe | dpa
Drucken
  • Ein großer Teil der Bevölkerung profitiert nicht vom Wirtschaftswachstum
  • Der Grund: Die Löhne entwickeln sich in Deutschland extrem unterschiedlich
  • Das stellt das Wirtschaftsministerium in einem internen Papier fest

Es sind ungewöhnlich deutliche Worte, die derzeit aus dem Bundeswirtschaftsministerium kommen: In Deutschland tut sich eine gefährliche Lohn-Schere auf, warnen die Experten.

Das Bundeswirtschaftsministerium sieht dadurch sogar den gesellschaftlichen Zusammenhalt im Land bedroht, wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtet.

In einem internen Papier untermauern die Beamten ihre Warnungen:

1. Die Lohnungleichheit verharrt auf einem historisch hohen Niveau, schreiben sie unter anderem.

2. Vor allem die Bezieher niedriger und mittlerer Einkommen hätten vom Wirtschaftswachstum in Deutschland zu lange nicht profitiert.

3. Besonders alarmierend ist die Feststellung, dass im Jahr 2015 die realen Bruttolöhne der unteren 40 Prozent der Bevölkerung zum Teil deutlich niedriger als 1995 waren.

4. Ein großer Teil der Bevölkerung hat damit heute weniger Kaufkraft als vor 20 Jahren.

Das bedeute, dass ein Großteil "unserer Bevölkerung nicht mehr vorankommt", sagt Wirtschafts-Staatssekretär Matthias Machnig (SPD) der "Süddeutschen Zeitung". "Den Kindern geht es auf einmal schlechter als ihren Eltern. Das ist nicht gerecht und ein Stachel im Zusammenhalt Deutschlands."

Wahlkampfhilfe aus dem Wirtschaftsministerium

Sicher: Ein Zufall ist es nicht, dass das von der SPD-Politikerin Brigitte Zypries geleitete Ministerium mit seiner Warnung genau jetzt an die Öffentlichkeit geht. Denn es ist Wahlkampf und SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz kann jede Hilfe brauchen.

Die Botschaft des Zypries-Ministeriums passt dabei perfekt zur Forderung für mehr Gerechtigkeit von Martin Schulz.

Allerdings: Das Wirtschaftsministerium hat mit seiner Kritik an der Lohnentwicklung durchaus einen Punkt. Auch wenn Wirtschaftsforschungs-Institute wie das DIW zuletzt auch festgestellt haben, dass sich viele Menschen aus unteren Lohngruppen in besser bezahlte Stellen hocharbeiten.

Schon im vergangenen Jahr warnte der “Spiegel” in einem Artikel: In kaum einem Industrieland öffnet sich die Lohnschere mit solcher Geschwindigkeit.

Und auch ein wirtschaftsliberales Blatt wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" kritisiert seit Wochen die ungleiche Lohnentwicklung in Deutschland.

"In Deutschland herrscht fast Vollbeschäftigung. Aber die Löhne steigen allenfalls mäßig. Irgendetwas läuft seit langem gründlich schief", schimpfte die Zeitung kürzlich. Sie sieht die Zeit für satte Lohnsteigerungen gekommen.

Die "FAZ" konstatiert: "Die Löhne steigen in geringerem Ausmaß als in früheren Zeiten rückläufiger Arbeitslosigkeit."

Gewerkschaften und sinkende Produktivität

Gründe für diese Entwicklung gibt es viele.

1. Zum einen sieht die "FAZ" die Macht der Gewerkschaften schwinden. Sie könnten nicht mehr so hohe Lohnsteigerungen aushandeln wie früher.

2. Außerdem steige die Produktivität in den Unternehmen nicht mehr so schnell wie früher. Das schränke den Spielraum bei Lohnerhöhungen ein.

3. Zudem falle ein nicht unerheblicher Teil des wirtschaftlichen Wachstums auf eine wenige große Unternehmen wie Amazon, Google und Co. Die würden zwar ein Teil ihrer Gewinnen an die Angestellten weitergeben - allerdings fließen die Gewinne auch an Aktionäre.

4. Als weiterer Grund kommt hinzu: Zwar steigen die Löhne in Deutschland kontinuierlich. Aber die hohe Inflation frisst die Lohnsteigerung wieder auf.

5. Einen weiteren Grund nennt der Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, Gustav Horn, im Gespräch mit der "Frankfurter Rundschau": Viele der neuen Jobs sind im Niedriglohnsegment und im Teilzeitbereich entstanden. Hier kommen die Tarifabschlüsse kaum an.

So klar die Gründe für die Lohn-Schere sind, so unklar sind die Lösungen. Linke Ökonomen fordern mehr Einfluss für die Gewerkschaften. Die OECD schlägt eine stärkere Steuerfinanzierung des Sozialsystems vor.

Denn Abgaben für die Kranken-, Pflege-, Arbeitslosen- und Rentenversicherung belasten vor allem die Geringverdiener und die Mittelschicht. Das kritisierte zuletzt auch eine Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung. Eine Entlastung bei den Abgaben könnte der negativen Entwicklung bei den Löhnen entgegensteuern.

Das Problem: Keine der großen Parteien will das Problem der Lohn-Schere nach der Bundestagswahl angehen.

Bisher verspricht Finanzminister Wolfgang Schäuble Steuererleichterungen von rund 15 Milliarden Euro, die SPD will vor Familien entlasten, unter anderem mit kostenlosen Kitas.

Die Sozialabgaben freilich senken diese Maßnahmen nicht.

Wie ungerecht ist Deutschland? Das sagen Experten und Betroffene:

Martin Schulz kämpft für soziale Gerechtigkeit - aber wie schlecht geht es Deutschland wirklich?
"Wir fühlen uns schuldig für unsere Armut" - was es bedeutet, in einer armen Familie zu leben
Wie gerecht geht es in Deutschland zu? Diese Zahlen zeigen es
Lieber Martin Schulz: Wenn Sie Gerechtigkeit wollen, müssen Sie diesen Millionen Menschen in Deutschland helfen
Eine Grafik zeigt die erschütternde Ungleichheit in den USA - sie muss auch den Deutschen eine Warnung sein

2017-07-23-1500833626-3203653-DerHuffPostWhatsAppNewsletter6.png
Die wichtigsten News des Tages direkt aufs Handy - meldet euch hier an.


(ll)

Korrektur anregen