"Flüchtlinge machen in ihrer Heimat Urlaub": Eine Meldung zeigt, wie die AfD die Öffentlichkeit manipuliert

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  • Flüchtlinge sollen angeblich in Scharen in ihrer Heimat Urlaub machen
  • Die Meldung ist ein Lehrstück über AfD-Propaganda

Der Bericht sorgte deutschlandweit für Wirbel und Empörung:

Zwei Lokalzeitungen hatten Ende vergangener Woche berichtet, dass laut den Ausländerbehörden in Baden-Württemberg 153 Flüchtlinge erfasst wurden, die seit 2014 zum Teil mehrfach in ihre Heimatstaaten gereist seien, um "Urlaub" zu machen.

Darunter auch Iraker und Syrer. Nach der Rückkehr hätten sie ihren Schutzstatus als Asylbewerber behalten.

Große Medien in ganz Deutschland griffen die Meldung auf. Für Gegner der aktuellen Flüchtlingspolitik war die vermeintliche Enthüllung ein gefundenes Fressen. Wer in seiner Heimat Urlaub machen könne, sei kein richtiger Flüchtling, so der Tenor.

Viel Spekulation und eine falsche Zahl

Das Problem: Die Meldung war in wichtigen Punkten überzogen.

So erklärte das ZDF in einem Faktencheck:

Ein Mitarbeiter des Innenministerium in Baden-Württemberg schrieb: Dass anerkannte Flüchtlinge wirklich zu "Urlaubszwecken" in ihre Heimatländer reisen, sei reine Spekulation. Vielleicht besuchten sie auch unter großen Gefahren ihre Angehörigen.

20 der Flüchtlinge machten in der Heimat außerdem gar keinen "Urlaub", sondern blieben gleich dort, erläutert das ZDF.

Fazit: Weder die Zahl stimmte genau, noch die Behauptung, dass die Flüchtlinge Urlaub machen. Was allerdings richtig ist: Immer wieder reisen einzelne Flüchtling in ihre Heimatländer. Das berichtete schon im vergangenen Jahr die "Welt".

Anfrage der AfD löst Berichte aus

Aber wie kam die Meldung zustande, dass Flüchtlinge in ihren Heimatländern Urlaub machen? Die Antwort kennt die AfD.

Die Zahlen über urlaubende Flüchtlinge basierten auf einer kleinen Anfrage der AfD im Landtag von Baden-Württemberg. Die Anfrage war mit dem Titel "Heimaturlaube anerkannter Asylbewerber" überschrieben. Achtmal taucht der Begriff "Urlaub" in unterschiedlichen Zusammenhängen im Dokument auf.

Mehrere Medien übernahmen in der Folge das Wort "Urlaub" in ihrer Berichterstattung, wie das Branchenportal "Übermedien" schreibt.

Als dann sogar noch das Innenministerium in Baden-Württemberg auf die vermeintlichen "Flüchtlingsurlaube" reagierte, schienen sie wie eine Tatsache - und nicht wie eine Zuspitzung der AfD.

Thema soll nach der Bundestagswahl auf die Tagesordnung

Innenminister Thomas Strobl (CDU) beurteilte die Reisen von in Deutschland lebenden Flüchtlingen in ihre Herkunftsländer kritisch. "Dorthin in Urlaub zu fahren und gleichzeitig einen Schutzstatus zu genießen, das passt jedenfalls nicht zusammen", sagte Strobl der Deutschen Presse-Agentur vergangenen Freitag.

Das Thema will Strobl nach der Bundestagswahl auf die Tagesordnung bringen. In der Frage gebe es, insbesondere wenn jemand einen Schutzstatus habe, eine komplexe Rechtslage in der Europäischen Union.

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz (SPD), zeigte unter gewissen Umständen Verständnis für solche Reisen.

"Es kann gewichtige Gründe geben, warum ein anerkannter Flüchtling für kurze Zeit in seine Heimat reisen will", sagte sie den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Als potenzieller Ausnahmefall gilt beispielsweise der Tod naher Angehöriger.

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(mf)

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