Die Goethestraße in Bremerhaven gilt als Deutschlands Armenhaus - wer hinfährt, erlebt eine Überraschung

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  • Die Goethestraße in Bremerhaven-Lehe gilt seit Jahren als Problembezirk
  • Ein Investor will das Viertel retten
  • Nicht für alle, die hier leben, ist das eine gute Nachricht

Im Discounter in der Bremerhavener Goethestraße ist die Schlange vor dem Pfandautomaten länger, als die an der Kasse. Vor dem Supermarkt streitet sich eine fünfköpfige Familie. Vater und Mutter schreien, die Kinder stehen etwas verloren daneben.

100 Meter weiter, an der Ecke Kistnerstraße. Ein kleiner Junge brüllt sich die Seele aus dem Leib. Sein Bruder, selbst noch ein Kind, versucht mit aller Gewalt, ihn zurück in den Kinderwagen zu zerren. Von seinem Balkon schreit ein alter Mann die beiden an, ein tätowierter Glatzkopf geht dazwischen.

Seit Jahren gilt Bremerhaven-Lehe als das Armenhaus von Deutschland. Als “ärmster Stadtteil Deutschlands” (“Bild”-Zeitung), als “Brennpunktviertel” (ZDF) und “Stadt der armen Schlucker” (“Hamburger Morgenpost”).

Besonders die Goethestraße ist zum Symbol des Elends geworden. Doch wer durch die breite Allee läuft, wer hier mit den Menschen spricht, spürt, dass gerade eine dramatische Entwicklung im Gange ist.

Eine, die das ganze Viertel von Grund auf verändern wird.

Ein Investor wird zum Hoffnungsträger

Die Entwicklung hat einen Namen: Rolf Thörner. Ein freundliches Gesicht mit Dreitagebart, über der modischen schwarzen Brille wuchern die Augenbrauen.

Rolf Thörner ist Investor, einer der anpackt. Er hat in und um die Goethestraße für mehrere hunderttausend Euro Immobilien gekauft. Jetzt will er sie “denkmalschutztauglich” restaurieren.

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Rolf Thörner will die Goethestraße umkrempeln

Wenn Thörner durch die Goethestraße schlendert, wirkt er wie ein Bürgermeister. Er grüßt Passanten und scherzt mit den Bauarbeitern, die seine Altbauten aufmotzen. “Mit einem Tischler musste ich heute richtig schimpfen. Der hat hier vernickelte Schrauben benutzt, statt welchen mit Messing-Linsenkopf. Das geht natürlich gar nicht”

Thörner will aus der Goethestraße wieder einen durchmischten, attraktiven Stadtteil machen.

Denn attraktiv ist die Goethestraße schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Vielen, die hier wohnen, geht es schon lange nicht mehr um Lebensqualität, sondern um die bloße Existenz. 29 Prozent der Menschen im Ortsteil Goethestraße sind arbeitslos, viele der anderen hangeln sich von Minijob zu Minijob. Dazu kommt Kriminalität: 59 Einbrüche gab es im vergangenen Jahr allein in der Straße.

Oft stellt das Sozialamt hier die Wohnungen. Seit Jahrzehnten zerfallen die eigentlich wunderschönen Prachtbauten aus der Gründerzeit. Weil sich niemand kümmert. Weder die Stadt, noch die Besitzer in Hamburg und München.

Bis Thörner kam.

Neue Nachbarn für eine neue Nachbarschaft

“Als ich gesagt habe, dass ich nach Bremerhaven-Lehe gehe, haben mich alle für verrückt erklärt”, sagt der Investor. “Doch ich bin positiv verrückt. Ein Altbau-Fanatiker.”

Zwanzig Jahre lang hat Thörner historische Gebäude in Berlin wieder hergerichtet. Jetzt hat er sich in Lehe eine neue Herausforderung gesucht.

Er steht vor der Goethestraße 60, der “Mutter aller Schrottimmobilien”, seinem Lieblingshaus. Hier will er bald selbst wohnen.

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Lange hat sich keiner um die Gebäude gekümmert

Er hat eine genaue Vorstellung davon, wer seine Nachbarn werden. Thörner will Menschen zurück in das Viertel locken, “die selbst für ihre Wohnung zahlen”. Junge Leute, Studenten, Familien. “Denen muss man was bieten.”

Der Investor will daher aufwendig sanieren, verspricht Schieferböden, hölzerne Fensterrahmen, Deckenheizungen und Stuckfassaden. Als Sozialarbeiter versteht er sich nicht.

Dennoch kommt Thörners Tatendrang an.

”Tagelang in Dreck und Scheiße gesessen”

Wer bei der Stadt nachfragt, was gerade in dem Viertel gemacht werde, dem schlägt Euphorie entgegen. Vor allem wegen Thörner, wie ein Sprecher am Telefon erklärt – “der hat da gerade etwas richtig tolles vor.”

Das finden auch einige Bewohner in der Goethestraße. “Da kommt man richtig in Wallungen, wenn man sieht, wie schön das alles gemacht wird”, sagt eine Frau, die schon seit 40 Jahren hier lebt.

Mit ihrer Hausverwaltung habe sie nur Ärger, denen müsse man immer hinterhertelefonieren. “Vor 9 Jahren hatten wir einen Wasserschaden. Da haben wir tagelang in Dreck und Scheiße gesessen.”

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Viele alte Prachtbauten aus der Gründerzeit stehen in der Goethestraße

Ähnliche Geschichten können viele Anwohner erzählen. “Es passiert hier zu wenig, gerade mit den Häusern. Das Geld wird in die Havenwelten reingebuttert, und hier verwahrlost alles”, klagt eine Sozialarbeiterin, die hier tagsüber Kinder betreut.

Doch nicht überall stoßen Rolf Thörners Pläne auf Begeisterung. Die Angst vor der Gentrifizierung ist groß.

Der alte Mann, der vorhin noch von seinem Balkon die Kinder zusammengeschrien hat, zündet sich die nächste Zigarette an. “Der findet eh keine Leute, die hier bleiben wollen”, sagt er. Seine Stimme ist voller Verachtung.

Der Alte befürchtet, dass die Mieten in der Goethestraße bald steigen werden. “Aber ich zieh sicher nicht nochmal um - da muss sich der Staat dann was einfallen lassen.”

Ein Mann, der gerade seine Garage entrümpelt, sieht das ähnlich. “Du kannst von so einer Oma nicht einfach mehr Miete verlangen. Schlimm ist das”, sagt er.

Das Ende der alten Goethestraße

Wer Thörner auf die steigenden Mieten anspricht, bekommt eine trotzige Antwort. Das mit der Gentrifizierung sei “Blödsinn”.

“Wenn die Mieten steigen, dann steigt auch die Lebensqualität”, sagt der Investor. Wenn er hier nicht seine Projekte machen würde, dann würden die leerstehenden Gebäude in der Straße einfach abgerissen. Überhaupt: Bis sich so ein Viertel umdrehe, brauche es mindestens 30 Jahre.

Doch die Entwicklung in der Goethestraße wird sich nicht aufhalten lassen. Auch bei der Stadt heißt es, in den renovierten Wohnungen werde die Miete pro Quadratmeter wohl um bis zu 3 Euro steigen. Viele der Menschen hier können sich das nicht leisten.

Die alte Goethestraße verschwindet. Eine neue entsteht.

Am Eingang zur Gaststätte “Die kleine Hexe” wird das deutlich. Hier wird zur Kneipenandacht für Gaby aufgerufen. Jemand hat zwei weiße Rosen in einen leeren Brausetablettenbehälter gesteckt.

Auf dem Gedenkzettel steht: “Ein Herz von Lehe steht still.”

Die HuffPost ist noch eine Woche in Gegenden Deutschlands unterwegs, in denen vom Aufschwung der vergangenen Jahre nicht viel angekommen ist. Verfolgt die Deutschland-Tour unserer Reporter Lennart Pfahler und Josh Groeneveld bei Twitter.

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(ll)

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