In Deutschland finden immer mehr Betriebe keine Auszubildenden - das kann drastische Folgen für die Wirtschaft haben

Veröffentlicht: Aktualisiert:
TRAINEE
In Deutschland finden immer mehr Betriebe keine Auszubildenden - das kann drastische Folgen für die Wirtschaft haben | monkeybusinessimages via Getty Images
Drucken
  • In Deutschland wollen immer weniger junge Menschen eine Ausbildung machen
  • Jeder dritte Betrieb schafft es nicht, die benötigten Lehrstellen zu besetzen
  • Das kann drastische Folgen für die deutsche Wirtschaft haben - und uns alle viel kosten

“Earn while you learn” - heißt das Motto der neuen Bildungsinitiative von US-Präsident Donald Trump. 200 Millionen Dollar will er in neue Lehrstellenprogramme stecken. Das Innovative an Trumps Programm: Auszubildende sollen gleichzeitig an einer Schule lernen und in einem Betrieb Geld verdienen können.

Doch der US-Präsident ist nicht aus dem Nichts auf diese geniale Idee gekommen. Er hat sie abgeschaut. Und zwar bei Deutschland.

Das deutsche Konzept der dualen Ausbildung ist ein Exportschlager. Doch ausgerechnet im Mutterland ist die duale Ausbildung in Gefahr. Denn in Deutschland gibt es aktuell mehr Lehrstellen als Bewerber. Und diese Entwicklung könnte - über kurz oder lang - zum echten Problem für die deutsche Wirtschaft werden. Und die ganze Bevölkerung müsste draufzahlen.

Duale Ausbildung als Vorbild

Das deutsche Ausbildungskonzept dient als Vorbild für die ganze Welt. Nicht nur für Trump auch für Franzosen, Italiener, Portugiesen, Letten oder Slowaken. In China, Indien und lateinamerikanischen Ländern gibt es bereits Pilotprojekte.

Was sich diese Länder von der dualen Ausbildung versprechen? Hauptsächlich eine niedrige Jugendarbeitslosigkeit.

Denn die ist in Deutschland so gering wie nirgendwo sonst in der EU. Hier sind laut Eurostat nur 6,7 Prozent der unter 25-Jährigen ohne Job. Zum Vergleich: In Griechenland sind es mehr als 45 Prozent.

Diese Werte verdanke Deutschland in hohem Maße der dualen Berufsausbildung, schreiben die Autoren der Studie “Jugendarbeitslosigkeit im europäischen Vergleich” der Bertelsmann-Stiftung. Denn enge Bindung an den Arbeitgeber und viel Praxiserfahrung sichern meist auch nach der Ausbildung einen Job.

jugendarbeitslosigkeit

”Uns geht der Nachwuchs aus”

Trotz der guten Chancen sinkt die Zahl derjenigen, die eine Ausbildung machen wollen, kontinuierlich. Etwa 31 Prozent der deutschen Betriebe konnten laut einer Studie des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) ihre Lehrstellen nicht besetzen.

"Fast jeder zehnte Ausbildungsbetrieb hat noch nicht einmal eine einzige Bewerbung erhalten", monierte DIHK-Präsident Eric Schweitzer in einer Pressemitteilung zu der Studie. "Uns geht der Nachwuchs aus."

Das Hotel- und Gastgewerbe leidet besonders unter den mangelnden Azubi-Interessenten. 58 Prozent der Lehrstellen blieben hier unbesetzt. Auch im Baugewerbe blieben 42 Prozent der Stellen vakant.

Die Gründe für den Trend sind vielseitig. Zum einen sind die Ansprüche der Lehrbetriebe oft nicht mit den Qualifikationen der Bewerber vereinbar.

1,33 Millionen Azubis, 2,75 Millionen Studenten

Die jungen Menschen, die gut qualifiziert sind, entscheiden sich immer häufiger für ein Studium. Innerhalb von sieben Jahren hat sich der Anteil der Auszubildenden an den Beschäftigten mehr als halbiert, die Zahl der Studierenden hat sich im Gegenzug seit 2000 laut der Bertelsmann-Stiftung um eine Million erhöht.

Es stehen 1,33 Millionen Azubis mittlerweile 2,75 Millionen Studenten gegenüber.

Der Grund dafür sei aber auch, dass Deutschland jahrelang nur auf der Suche nach einer höhere Akademikerquote war, sagt Hubert Schöffmann von der bayerischen IHK der Wochenzeitung "Die Zeit”. Die OECD, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, sprach schon mehrmals eine Rüge aus gegen Deutschland - wegen einer zu niedrigen Quote von Studienabschlüssen. In Deutschland liegt die bei rund 30 Prozent, in Großbritannien zum Beispiel bei 50 Prozent.

Auch Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung gibt der Studiumsfreudigkeit vieler junger Menschen Schuld am Azubi-Mangel. “Schon in der Schule bei der Berufsberatung wird kaum wert auf spannende Ausbildungsberufe gelegt”, sagt Brenke der HuffPost.

“Die Jugendlichen bekommen gar nicht mit, was es für spannende Berufe gibt. Die kennen nur Metzger und Bäcker und wissen gar nicht, dass man zum Beispiel als Feinmechaniker nicht nur einen spannenden Job mit guten Beschäftigungschancen hat, sondern auch noch gut verdient.”

Viele Jugendliche wüssten oft auch nicht, was es für Weiterbildungsmöglichkeiten mit einer Ausbildung gebe, auch dass viele Betriebe mittlerweile Auslandsaufenthalte während der Lehre anbieten würden, sei nicht weit bekannt.

Mehr zum Thema: Viele Zuwanderer arbeiten in Berufen, die nicht ihrem Abschluss entsprechen - das können sie tun

”Gefährliche Abwärtsspirale”

Die Autoren der Studie der Bertelsmann-Stiftung geben den Betrieben eine Teilschuld. Der Anteil an Ausbildungsbetrieben sank laut Studie 2016 auf 19 Prozent, 2005 waren es noch 23 Prozent. Im Osten bilden teilweise nur noch elf Prozent der Betriebe aus.

Der DIHK widerspricht dem - die Betriebe seien nicht dafür verantwortlich, dass die Ausbildungsbegeisterung zurückgehe.

DIHK-Präsidenten Schweitzer warnt vor einer “gefährlichen Abwärtsspirale”. Die Zahl der Ausbildungsbetriebe würden immer weiter zurückgehen, wenn die Betriebe weniger Bewerbungen erhalten würden.

Schon jetzt sei der Fachkräftemangel für jedes zweite Unternehmen ein Geschäftsrisiko, sagt Schweitzer. Und das sei “eine gefährliche Entwicklung für die Gesellschaft” - denn es würde sich auf das Wirtschaftswachstum und schließlich den Wohlstand auswirken.

Brenke ist da optimistischer: “Die Wirtschaft funktioniert immer so, dass irgendwelche Knappheiten beseitigt werden.” Wenn die Betriebe keine Lehrlinge finden, würden sie mit höheren Löhnen reagieren, sagt der Ökonom der HuffPost.

”40 Jahre Mangel, jetzt Lehrstellenüberschuss”

Das würde natürlich zu höheren Preisen für die Kunden führen. “Besonders das Gastgewerbe leidet unter Bewerbermangel - was ich auch allein schon wegen der Arbeitszeiten verstehen kann”, sagt Brenke. “Um wieder attraktiver für Bewerber zu werden, werden die Betriebe vermutlich höhere Löhne zahlen. Und das schlägt sich dann auf die Preise für Speis und Trank nieder.”

Außerdem wird die Bewerberknappheit Brenke zufolge zu einer veränderten Einkommensstruktur führen. Die Betriebe würden ihren Auszubildenden mehr zahlen, Akademiker würden vielleicht weniger verdienen.

Um dagegen anzukämpfen müssten Industrie und Politik an einem Strang ziehen, sagt Brenke. Er schlägt neben einer viel besseren Berufsberatung zum Beispiel staatliche Zuschüsse vor, die Auszubildende bekommen, wenn sie ihre Lehrjahre in eher unbeliebten Gegenden verbringen. Außerdem müsse man die Nachbarländer, in denen die Jugendarbeitslosigkeit sehr hoch ist, miteinbeziehen.

“Wir hatten 40 Jahre lang einen Lehrstellenmangel. Jetzt dreht sich das zu einem Bewerbermangel - und da müssen alle Beteiligten umdenken.”

Mehr zum Thema: Ich kann verstehen, warum junge Leute keine Ausbildung machen wollen

Jedes Kind braucht die Chance auf Bildung

Egal wo auf der Welt: Ohne Bildung haben Kinder aus armen Familien in der Regel keine Chance. Doch die ist mitunter teuer - und so vergrößert sich vielerorts das Ungleichgewicht. Dieses Problem versuchen Organisationen in aller Welt zu lösen. Wie ihr selbst aktiv werden könnt, erfahrt ihr bei unserem Kooperationspartner Betterplace.


(ll)