Trend demokratische Kitas: Ein Kinderpsychologe erklärt, ob Kinder so früh schon mitentscheiden sollten

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In der Kita Dolly Einstein in Pinneberg dürfen die Kinder demokratisch mitentscheiden | iStock
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  • Pinneberg in Schleswig-Holstein hat die erste demokratische Kita Deutschlands
  • Kinder dürfen dort in vielen Fragen des Alltags mitentscheiden
  • Ein Kinderpsychologe erklärt, wieviel Freiheit in der Erziehung tatsächlich gut ist

Das Wort Demokratie lässt an die alten Griechen und den Bundestag denken - nicht unbedingt an einen Kindergarten.

Eine Kita in Schleswig-Holstein aber zeigt nun, was passiert, wenn man kleine Kinder mit demokratischen Abläufen zusammenbringt.

In Dolli Einstein Haus in Pinneberg dürfen die Kleinen in vielen Fragen mitbestimmen - und zwar sogar mit Hilfe einer eigenen Verfassung.

Wir haben mit dem Münchner Kinderpsychologen Harald Buchberger darüber gesprochen, wie viel Mitbestimmung einem Kind gut tut und ab wann freie Wahlmöglichkeiten kontraproduktiv für die Erziehung werden.

Er sagt: mitbestimmen ja, aber nur bis zu einem gewissen Punkt. "Kinder brauchen Strukturen - ohne sie können sie sich nicht orientieren."

Das Konzept stammt von der “Kinderstube der Demokratie”

Entworfen hat das Modell in Pinneberg das Institut für Partizipation und Bildung in Kiel - das Dolli Einstein Haus ist die erste Kita, die für die Umsetzung des Konzepts “Die Kinderstube der Demokratie” ausgezeichnet wurde.

Mehr zum Thema: Eine Kindergärtnerin erklärt, was Kinder heute können müssen, um in der Schule erfolgreich zu sein

Auch wenn es auf den ersten Blick so wirkt - mit antiautoritärer Erziehung hat die Idee relativ wenig zu tun. Vielmehr sollen Kinder innerhalb eines von Erwachsenen festgelegten Rahmens gewisse Entscheidungsfreiheiten bekommen.

Etwa: Was möchte ich zum Frühstück essen? Wer darf mich wickeln?

Ob sie gewickelt werden, ist aber nicht verhandelbar. So berichtet es zumindest die "Süddeutsche Zeitung", die die Kita Dolli Einstein besucht hat.

Auch wenn die Kinder vieles mitentscheiden dürfen, ist klar, dass sie sich an Regeln zu halten haben. Denn dass kleine Kinder die benötigen, ist offenbar auch den Leitern der Kita in Pinneberg bewusst.

Kinder brauchen Strukturen

"Kinder brauchen auf jeden Fall Strukturen", bestätigt Kinderpsychologe Buchberger. "Das ist für sie sehr wichtig. Die Frage ist: Wie engmaschig ist eine Struktur? Gibt man ununterbrochen etwas vor? Oder ist innerhalb einer Struktur ein gewisser Freiraum vorhanden?"

Im Dolli Einstein Haus lassen die Erzieher den Kinder die Möglichkeit, innerhalb eines begrenzten Freiraumes Demokratie zu lernen und eigene Entscheidungen zu treffen. Ein Ansatz, den Buchberger grundsätzlich begrüßt, denn Kinder wüssten zumeist sehr genau, was sie wollen.

"Ich finde es gut, jedes Kind grundsätzlich zu fragen, was es will", sagt er. "Erwachsene wissen manches natürlich besser, doch der erste Weg muss immer sein, das Kind zu fragen."

Aber der Kinderpsychologe sagt auch: "Manchmal sind Kinder so durch den Wind, dass sie sich zwischen zwei Sachen nicht entscheiden können. Damit muss man dann als Erwachsener umgehen."

Auch für die Erwachsenen bedeutet das Mitspracherecht für Kinder eine Umstellung. Deswegen müssen die Erzieher, die in der Kita Dolli-Einstein arbeiten, auch selbst lernen eine "partizipative Haltung" einzunehmen und lernen, Denkmuster zu durchbrechen und noch mehr auf die Kinder einzugehen.

So erklärte es Michael Selck, Geschäftsleiter der Arbeiterwohlfahrt Schleswig-Holstein, dem "Pinneberger Tageblatt".

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Kinder sollten miteinbezogen werden

Für Buchberger ist das Entscheidende dabei gar nicht, dass Kinder all ihre Wünsche erfüllt bekommen. Viel wichtiger sei, dass sie die Möglichkeit haben, diese Wünsche zu artikulieren.

"Erwachsene sollten grundsätzlich immer versuchen, mit Kindern zu kommunizieren und sie miteinzubeziehen", sagt er. "Das kann durch einfache Fragen geschehen wie 'Wie geht es dir jetzt?' 'Wie fühlst du dich jetzt?' 'Hast du das Bedürfnis zu schlafen oder ist dir nach etwas anderem?'"

Und tatsächlich ist eine der Regeln der Demokratie-Kita in Pinneberg, dass jedes Kind jederzeit seine Meinung äußern darf.

Mehr zum Thema: Warum es so wichtig ist, dass Kinder selbstständig lernen

Auch kann das Kind selbst entscheiden, wann, ob und mit wem es kuscheln möchte. Ebenso liegt es bei den Kleinen selbst, ob und wann sie schlafen möchten. Auch da sei aber das Feingefühl der Erzieher gefragt, betont Buchberger.

Gibt es Joghurt oder Kuchen zum Nachtisch?

"Gerade bei Kinder, die Schwierigkeiten in bestimmten Bereichen haben, muss man sich mehr Zeit nehmen und abwägen, wenn das Kind zwei unterschiedliche Bedürfnisse hat", erklärt er. "Etwa: Auf der einen Seite möchtest du gerne mit deiner Freundin spielen, auf der anderen Seite bist du auch sehr müde und möchtest schlafen."

Diesen Zwiespalt zu erkennen und das Kind dabei zu unterstützen, die Entscheidung zu treffen, die ihm gut tut - das ist die Aufgabe der Erzieher.

"Es ist wichtig, innere Bedürfniskonflikte anzusprechen und dem Kind so zu helfen, sie zu lösen", sagt Buchberger.

Über Entscheidungen wiederum, die die Allgemeinheit betreffen, wird im Dolli-Einstein Haus ganz demokratisch abgestimmt. So wird mit Hilfe von Zettelchen anonym etwa darüber entschieden, ob es zum Nachtisch Kuchen oder Joghurt geben soll.

Jedes Kind legt einen Zettel unter das Symbol für Kuchen oder Joghurt, während die anderen Kinder ihm den Rücken zudrehen. Auf diese Weise wird altersgerecht Demokratie gelebt.

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Politische Bildung beginnt bei der Geburt

Auch ungewohnt: Es gibt in der Kita in Pinneberg einen Kinderrat, bestehend aus den sogenannten Weitersagern. Das sind Kinder, die von den anderen dazu bestimmt werden, ihre Interessen zu vertreten.

Die Weitersager sind zumeist Vorschulkinder, da sie schon länger Erfahrung mit den demokratischen Abläufen sammeln konnten.

Das Institut für Partizipation und Bildung glaubt so, demokratisch verantwortungsvolle Bürger heranziehen zu können. Auf der Homepage des Instituts heißt es:

“Politische Bildung durch die Erfahrung demokratischen Handelns beginnt bereits mit der Geburt und erfährt mit dem Eintritt in die öffentliche Institution Kindertagesstätte eine neue, erweiterte Qualität.”

Egal, ob man das Konzept der demokratischen Kita nun gut oder schlecht findet - ein Problem lässt sich nicht beschönigen: Die Kita dauert für gewöhnlich nur drei Jahre und danach kommen die Kinder in die Schule, wo sie mit einem immer noch starren Regelwerk konfrontiert werden.

In der Schule wird häufig etwas anderes geboten

Auch Buchberger sieht hier eine Problematik: "Das mit dem demokratischen Kindergarten klingt sehr gut, aber die Schule bietet in den meisten Fällen etwas ganz anderes."

Wie gut Kinder in der Schule zurecht kommen, die Selbstbestimmung gewohnt sind, hängt seiner Erfahrung nach stark von der Lehrkraft ab. "Es gibt Lehrer, die sehr gut mit Kindern umgehen können, die schon viel selbst bestimmen", sagt Buchberger.

"Es gibt aber auch Lehrer, die das gar nicht können. Selbst bei Schulen, in denen es diese Richtung gibt, wie etwa Montessori oder Waldorf, habe ich erlebt, dass es immer auf die einzelne Person ankommt."

Für Kinder sei die Umstellung nach dem Kindergarten daher oft schwierig. Letztlich reicht es daher nicht, wenn die Kindergärten demokratisch werden, in der Schule dann jedoch etwas ganz anderes vermittelt wird.

"Grundsätzlich finde ich es gut, wenn die Meinung der Kinder mehr miteinbezogen wird", sagt der Kinderpsychologe. "Allerdings müsste das dann aufbauend weitergehen und nicht nach der Kita enden, sondern in der Schule so fortgesetzt werden."

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(lk)

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