Warum in muslimischen Ländern mehr Frauen Naturwissenschaften studieren als bei uns

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MUSLIM WOMAN UNIVERSITY
Warum in vielen muslimischen Ländern der Anteil von Frauen in technischen Berufen so hoch ist | Esam Al-Fetori / Reuters
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  • Frauen in naturwissenschaftlichen Studienfächern sind noch immer selten in westlichen Ländern
  • In muslimisch geprägten Staaten sieht das ganz anders aus
  • Das hat mehrere Gründe - von denen sich der Westen nicht alle abschauen sollte

Die USA haben ein Problem: Es gibt zu wenige Ingenieure im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Jennifer De Boer von der Purdue University im US-Bundesstaat Indiana sagt: "Der Mangel an Ingenieuren schwächt die globale Position des Landes als Marktführer und schränkt die Kapazitäten ein, wichtige infrastrukturelle Herausforderungen zu lösen."

Frauen sind unter den ohnehin raren Naturwissenschaftlern eine noch seltenere Spezies: Sie stellen in den USA nur bis zu 20 Prozent der Studenten.

In Deutschland sieht es ähnlich düster aus. Laut Statistischem Bundesamt liegt der Frauenanteil in den Mint-Fächern, wie die Unterrichts- und Studienfächer der Gruppe Mathematik, Informatik und Naturwissenschaft genannt werden, bei 32 Prozent. Und nur jeder Vierte Ingenieurstudent ist weiblich. Obwohl fast die Hälfte aller Studenten Frauen sind.

Anders sieht es in einigen muslimischen Ländern aus. Je nach Land und Fach liegt der Anteil bei Frauen in Mint-Fächern dort bei über 70 Prozent.

In Tunesien ist er im Schnitt bei 50 Prozent, in Jordanien teilweise bei 75 Prozent, und sogar im Iran haben Frauen in manchen Ingenieurs-Bereichen die Hörsäle zu 70 Prozent erobert.

Wissenschaftler der Washington State University und der Purdue University untersuchen seit September vergangenen Jahres, warum das so ist.

Zum Klischee jedenfalls wollen die Zahlen nicht passen. Schließlich lautet das weitverbreitete Vorurteil, der Islam unterdrücke Frauen.

Aber so pauschal stimmt das nicht.

Ausgerechnet die Religion könnte ein wichtiger Grund für den hohen Frauen-Anteil in Mint-Fächern in muslimisch geprägten Ländern sein. Um genau zu sein, berufen sich mehrere muslimische Strömungen auf eine Aussage des Propheten Mohammed: “Das Streben nach Bildung ist eine Pflicht für jeden Muslim, Mann oder Frau.”

Beim Thema Bildung sind Mann und Frau also erstmal gleichberechtigt.

Tatsächlich sind auch in der islamischen Wissenschaftsgeschichte viele Frauen zu finden: Zum Beispiel wurde eine der ältesten Universitäten der Welt, die al-Qarawīyīn Universität im marokkanischen Fes, 859 von einer Frau gegründet - lange bevor Frauen im Westen überhaupt studieren durften.

Außerdem ist der Stellenwert naturwissenschaftlicher Berufe in muslimischen Ländern ein anderer. Dort verbinde man mit dem Wort Ingenieur nicht automatisch einen Mann, sondern oft sogar eine Frau, sagte Julie Kmec dem britischen Fachmagazin "The Engineer". Die Soziologie-Professorin der Washington State University ist ebenfalls an der Studie beteiligt.

“Industriell hoch entwickelte Länder sind oft verhältnismäßig unterentwickelt, wenn es um die Aufnahme von Frauen in die einflussreichen technischen und naturwissenschaftlichen Studiengänge geht“, sagte Britta Schinzel, emeritierte Informatik-Professorin an der Uni Freiburg dem Fachblatt “Mint-Magazin”. Weil Lehrtätigkeiten als typisch weiblich angesehen werden, gibt es an den Unis auch in den Naturwissenschaften sehr viele Dozentinnen - was wiederum junge Frauen beflügelt und inspiriert, es diesen “Role Models” gleich zu tun.

Im Labor sieht die Frauen niemand

Ein Grund für die hohe Frauenquote, sagt Schinzel, sei auch, dass naturwissenschaftliche Berufe in den muslimischen Ländern nicht das gleiche Prestige haben, wie es in Deutschland oder den USA der Fall ist.

“Natur- und Ingenieurwissenschaften haben in islamisch geprägten Staaten keinen so hohen Stellenwert wie Philosophie und Religion“, sagte Schinzel. Und diese Fächer, die Geisteswissenschaften, seien hauptsächlich in Männerhand.

Für den Männerüberschuss in den Geisteswissenschaften muslimischer Länder gibt es noch einen weiteren Grund: “Ich weiß, dass Frauen in Saudi-Arabien eher davon abgehalten werden, zum Beispiel in Kommunikationswissenschaften ihren Abschluss zu machen, weil sie das zu sehr in die Öffentlichkeit stellen würde”, sagte Kmec dem “Engineer”.

Im Klartext: Im Labor sieht die Frauen kaum jemand, als Sprecher eines Unternehmens würden sie aber ständig im Rampenlicht stehen. Gerade in Saudi-Arabien sollen Frauen das ja bekanntlich nicht.

Dieses Argument müssen sich westliche Gesellschaften nicht abschauen. In anderen Bereichen aber können muslimische Länder als Vorbilder dienen, wenn es darum geht, Frauen für naturwissenschaftliche Berufe zu begeistern.

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(lk)