Wie die AfD Bitterfeld-Wolfen eroberte – obwohl es der Stadt auf den ersten Blick gut geht

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  • In der Stadt Bitterfeld-Wolfen hat die AfD einen ihrer größten Erfolge in Deutschland gefeiert
  • Dabei scheint der Strukturwandel in dem Ort auf den ersten Blick zu gelingen
  • Die Gründe für den Frust der Bürger liegen tiefer

Wo sich einst die DDR als Industriestaat feierte, zerfallen heute Plattenbauten.

Wer die Straße der Chemiearbeiter nach Wolfen Nord hineinfährt, sieht leerstehende Beton-Ungetüme, eingeschmissene Fenster. Der Rasen wuchert ungemäht und struppig vor den grauen Häusern. Die Geschäfte sind mit Brettern vernagelt. Mitten auf der Straße steht ein Auto, der linke Vorderreifen ist platt. Vom Fahrer fehlt jede Spur.

Wolfen Nord: 16.500 Einwohner, mehr als 60 Prozent Geringverdiener, die höchste Langzeitarbeitslosenquote in Sachsen-Anhalt.

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Eines der tristen Gebäude in Wolfen Nord

Fast ein Drittel der Wähler im Wahlbezirk Wolfen haben bei der Landtagswahl im März 2016 für die AfD gestimmt. Es war das beste Ergebnis der Partei in einem Wahlkreis in Sachsen-Anhalt.

Wer auf diese Zahlen und die kaputten Plattenbauten schaut, mag denken: typisch Osten. Das eine Klischee bedingt das andere.

Doch so einfach ist es nicht.

Bitterfeld-Wolfen: Lehrstück über die gescheiterte Lokalpolitik der etablierten Parteien

Denn hauseigene AfD-Themen wie die Flüchtlingskrise treiben die Menschen hier kaum um. Der Erfolg der Rechtspopulisten in Bitterfeld-Wolfen ist vielmehr ein Lehrstück darüber, wie weit die etablierten Parteien sich von den Wählern entfernt haben.

Und wie die etablierten Parteien in der Lokalpolitik scheitern - und die AfD davon profitiert.

Für die Lokalpolitik ist in Wolfen der ehrenamtliche Ortsbürgermeister Andre Krillwitz vom Bürgerverein Pro Wolfen zuständig. Er sagt: “Ein Problem mit rechts haben wir nicht.”

Mehr von der HuffPost-Tour durch Deutschland Thema: "Die haben uns hier alles weggenommen": Wie ein ganzer Landkreis in Ostthüringen ums Überleben kämpft

Wolfen sei keine AfD-Hochburg, versichert Krillwitz. Auch, wenn das immer und immer wieder geschrieben werde. Bei den Kommunalwahlen 2014 sei die Partei nur drittstärkste Kraft geworden.

Überhaupt habe sich in den letzten Jahren in seinem Stadtteil einiges zum Positiven gewendet. “Wir haben viel erreicht”, sagt der Lokalpolitiker. Er habe etwa verhindert, dass das alte Bahnhofsgebäude abgerissen wird – indem er es kaufte. “Vielleicht gibt es den einen oder anderen Missstand, doch wir müssen uns nicht vor anderen Städten verstecken.”

Wer über die löchrigen Bodenplatten der Straße der Chemiearbeiter fährt, dem fällt es schwer, den Worten von Krillwitz zu glauben.

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Kaum jemand will noch in den alten Plattenbauten leben

Die von ihm angesprochenen Missstände sind hier nicht zu übersehen, von der positiven Entwicklung allerdings fehlt jede Spur. Und es scheint, als hätten die etablierten Parteien den Stadtteil für die Bundestagswahl schon aufgegeben: Auf jedes Plakat der SPD kommen in Wolfen Nord sieben der AfD.

Macht Krillwitz Besuchern also etwas vor, wenn er von seiner Stadt schwärmt? Wenn er leugnet, dass Perspektivlosigkeit und Zerfall die Menschen in die Hände der Rechten getrieben haben?

In den Plattenbauten von Wolfen-Nord ist der Aufschwung niemals angekommen

Die Antwort ist komplizierter als ein simples Ja oder Nein. Wer Krillwitz Aussagen nachvollziehen will, muss in die Statistiken schauen.

Tatsächlich sinkt die Arbeitslosigkeit im Stadtverbund Bitterfeld-Wolfen stetig. Im Juni 2016 waren hier nur noch 1841 Menschen als arbeitslos gemeldet. Im Stadtteil Wolfen waren es sogar nur 690 - 147 weniger als noch im September des Vorjahres.

Der gesamte Landkreis Bitterfeld gilt schon seit Jahren als Beispiel für einen gelungenen Strukturwandel nach der Wende. Aus der Kohle- und Chemieregion ist ein modernes Technikzentrum geworden. Viele der modernsten Glasfaserkabel kommen aus Bitterfeld, große Pharmakonzerne wie Bayer stellen hier Tabletten her.

Hier aber hört die Wahrheit von Krillwitz auch schon auf. Denn in den Plattenbauten von Wolfen-Nord ist dieser Aufschwung niemals angekommen. Seit der Wiedervereinigung sind fast 27.000 Menschen von hier weggezogen.

“Wolfen schrumpft. Es wird abgerissen. Leerstand kommt weg”, sagt Petra Baier. Sie arbeitet in einem kleinen Second-Hand-Bekleidungsgeschäft des Roten Kreuzes in Wolfen Nord. Baier glaubt, es könnte noch schlimmer kommen: “Ich denke mal, das wird noch nicht das Ende sein.”

(Text geht unter dem Video weiter)

Petra Baier: "Bald wird Wolfen keine Stadt mehr sein"

Viele große Betriebe seien weggebrochen. “Auch in der letzten Zeit, in der man sich Hoffnung gemacht hatte”, erzählt die Verkäuferin.

Erst vor zwei Jahren musste die Solarfirma Q-Cells schließen. Hunderte Arbeitsplätze gingen damals verloren. Viele dieser zunehmend älteren Arbeitnehmer in Bitterfeld-Wolfen können seitdem nur noch Jobs in Leiharbeit finden. Das bedeutet: Der Weltmarkt bestimmt jetzt, wer hier Arbeit bekommt.

Frustpotenzial, das die AfD für sich zu nutzen weiß. Und doch erklärt allein das nicht den Erfolg der Partei.

Die AfD befeuert den Unmut der Menschen - ohne Lösungen anzubieten

Im Wolfener Büro der AfD herrscht Chaos. Aufgerissene Kisten voller AfD-Prospekte, Kugelschreiber und Wahlkampf-Buttons liegen auf dem Fußboden verstreut. Der AfD-Landtagsabgeordnete Daniel Roi lehnt sich in seinem Schreibtischstuhl zurück.

“Die Politik handelt hier nicht im Sinne der Bürger”, sagt der 29-Jährige. Seine Empörung klingt routiniert. “Wir sind im Tal angekommen. Es geht nicht mehr tiefer.” Er spricht von Hungerlöhnen, Arbeitsbedingungen, die “unter aller Sau” seien, von geschönten Arbeitslosenstatistiken.

Und von einem See, der Goitzsche.

Wer die Bitterfeld-Wolfener verstehen und den Erfolg der AfD nachvollziehen will, der muss die Geschichte dieses Sees kennen. “Die kann Ihnen hier jeder erzählen”, sagt Roi, “der Alkoholiker auf der Parkbank oder der Unternehmer, der eine Million auf dem Konto hat.”

Im Jahr 2002 beschloss der Stadtrat, einen ehemaligen Kohleschacht zu fluten. Vier Jahre später wurde das Gewässer zu einem Naherholungsgebiet ausgebaut. Mehr als 300 Millionen Euro kostete das Projekt - finanziert wurde es vor allem aus Steuergeldern.

Die besten Grundstücke in Seelage wurden dann 2013 verkauft. An private Investoren, die dort nun Luxusanwesen aufbauen. 2,9 Millionen Euro Kaufpreis: Für eine Stadt, die 70 Millionen Euro Schulden hat, ist das wenig.

Für Roi und die AfD ist das ein Riesenskandal. Er redet über fast nichts anderes. Der Exodus in Wolfen Nord und die schwierigen Arbeitsverhältnisse in der Stadt geraten da zur Nebensache.

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Ein bisschen Farbe, aber viel Tristesse

Im Gespräch wird klar: Die AfD macht sich in ganz Bitterfeld-Wolfen den Unmut der Leute über die verfehlte Kommunalpolitik zunutze, ohne wirkliche Lösungen zu präsentieren.

Bitterfelds Jugend nimmt Reißaus

“Die nutzen ihren Brennpunkt hier, um Stimmung zu machen”, sagt Morris Krause. Der junge SPD-Politiker hat gerade sein Abitur gemacht und sitzt im Jugendbeirat der Stadt. Es gehe der AfD immer nur um “die Goitzsch”, wie die Wolfener ihren ungeliebten See nennen.

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Krause versucht etwas zu ändern – aber stößt an Grenzen

Doch auch Krause muss zugeben, dass die Rechtspopulisten in Bitterfeld-Wolfen etwas in Bewegung gesetzt haben. “Das Schlimme ist, dass die AfDler die einzigen sind, die hier überhaupt was machen”, erklärt er. Veranstaltungen in der Innenstadt, Werbung, Bürgergespräche.

Viele andere Politiker seien in ihrem Job zu beschäftigt, um auch noch nebenbei in der Fußgängerzone zu stehen und mit Wählern zu reden. Und auf die Jungen höre sowieso niemand.

“Als wir im Stadtrat vorgetragen haben, dass wir einen Club wollen, wurden wir ausgelacht”, erzählt Krause verbittert. “Wofür braucht ihr einen Club? Könnt ihr nicht auf Bäume klettern”, habe es geheißen. Da war der letzte Club in Bitterfeld gerade zwei Jahre geschlossen.

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Viel gibt es nicht mehr zu unternehmen in Wolfen

Dass junge Menschen aus Bitterfeld fliehen, ist da kein Wunder.

Krause und seine Mitstreiter im Jugendbeirat haben im vergangenen Sommer 2000 Jugendliche aus der Region befragt. Das alarmierende Ergebnis: Fast 6 von 10 der Schüler gaben an, die Stadt direkt nach ihrem Abschluss verlassen zu wollen. Bei den Gymnasiasten waren es 9 von 10.

Es zieht sie nach Berlin, Dresden oder Leipzig - überall dorthin, wo es Arbeit und etwas zu Erleben gibt. Auch Krause geht zum Studieren nach Leipzig. “Ich packe gerade meine Sachen”, sagt er.

Mit Krause geht einer der Politiker, der dem jungen AfD-Mann Roi etwas entgegenzusetzen hätte. Der will den Frust der Menschen jetzt nutzen, um Stimmen für die Bundestagswahl zu sammeln. Er könnte damit Erfolg haben.

Die HuffPost ist noch eine Woche in Gegenden Deutschlands unterwegs, in denen vom Aufschwung der vergangenen Jahre nicht viel angekommen ist. Verfolgt die Deutschland-Tour unserer Reporter Lennart Pfahler und Josh Groeneveld bei Twitter.

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(ll)

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