"Die haben uns hier alles weggenommen": Wie ein ganzer Landkreis in Ostthüringen ums Überleben kämpft

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  • Während die deutschen Großstädte boomen, veröden anderswo ganze Landstriche
  • Im thüringischen Landkreis Greiz ist die Entwicklung besonders besorgniserregend
  • Viele Menschen hier fühlen sich beraubt und im Stich gelassen

Greiz ist schön. Fast malerisch. Der Stadt mit ihren zwei Schlössern ist der Reichtum der Vergangenheit anzusehen. Schon Ende des 19. Jahrhunderts war Greiz ein mächtiger Handelsstandort, noch zu Zeiten der DDR beschäftigte die Textilindustrie hier mehr als 10.000 Menschen.

Heute sind die Fabriken in der ostthüringischen Stadt geschlossen. Handel treibt hier kaum noch jemand - und die Menschen verlassen Greiz in Scharen.

Die Dörfer im Umland sterben aus. Der Landkreis ist der am stärksten schrumpfende in Ostdeutschland: Seit der Wiedervereinigung haben ihm über 35.000 Bewohner den Rücken gekehrt.

Für ganze Landstriche geht es hier um die schiere Existenz.

Nur 19 von 196 Dörfern im Kreis Greiz haben laut Forschern eine Zukunft

Die kleine Gemeinde Kühdorf liegt nur eine kurze Strecke über die B92 von Greiz entfernt. Groß war das Dorf noch nie: Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg lebten hier 107 Menschen; zur Jahrtausendwende waren es 79. Jetzt sind es 63.

Es ist zwölf Jahre her, dass in Kühdorf ein Kind geboren wurde. Das Statistischen Landesamt Thüringen prognostiziert, dass im Jahr 2035 nur noch 45 Menschen in Kühdorf leben werden.

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Kühdorf ist vom Aussterben bedroht

Das Dorf ist kein Einzelfall.

Im Kreis Greiz verlor jede dritte Gemeinde mit maximal 500 Einwohnern zwischen 2003 und 2008 zwischen 10 und 30 Prozent seiner Einwohner. Forscher des Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung haben herausgefunden, dass nur 19 dieser 196 kleinen Dörfer des Landkreises eine sichere Zukunft haben. 40 dagegen droht der Exodus.

"Die Leute haben alle kein Geld, es gibt keine Arbeit"

In den Siedlungen entlang der Schnellstraße zeigt sich der Verfall deutlich. Bildschöne Altbauten wechseln sich mit eingefallen Wohnhäusern ab.

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In diesem Haus im Dorf Großsaara lebt niemand mehr

Die Jalousien vieler Gasthäuser sind geschlossen. Wer hier übernachten will, braucht Geduld. Eine Pension ist entgegen der angeschlagenen Öffnungszeiten geschlossen. Die Betreiberin macht am Telefon klar, dass sich das nicht mehr ändern wird.

Die Menschen in der Kreishauptstadt Greiz kennen diese Probleme seit langem.

Nur wenige Schritte vom Rathaus entfernt liegt ein kleiner Imbiss, fast versteckt in einer Unterführung. Gäste habe sie kaum, klagt die Wirtin. Nur von der Laufkundschaft könne sie nicht leben: “Die Leute haben alle kein Geld, es gibt keine Arbeit. Die Jungen ziehen weg, es bleiben nur die Alten.”

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In der Greizer Innenstadt sind Familien mit Kindern ein eher seltener Anblick

Sieben Tage die Woche liefert sie Essen auf Rädern aus, am Wochenende bietet sie einen Partyservice an. Zum Leben reiche das kaum, sagt die Frau. “Am Ende des Monats ist es oft sehr schlimm.”

Eine Perspektive sieht sie nicht: “Nur wenn die hier wieder eine Fabrik aufmachen würden, kämen die Leute vielleicht wieder.”

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Der Industriestandort Greiz hat die Wende nicht überlebt

Fabriken, wie die der Georg Schleber AG, die einst rund 1400 Arbeiter beschäftigte. Oder die des Textilkombinats VEB Greikas, bei dem zu DDR-Zeiten rund 6000 Menschen arbeiteten. Heute ist der Landkreis Greiz einer der wirtschaftsschwächsten in ganz Deutschland. Der Industriestandort Greiz hat die Wende nicht überlebt.

“Die haben uns hier alles weggenommen”, klagt ein Mann, der am Burgplatz auf einer Parkbank sitzt. "Die", damit meint er alle, die Greiz im Stich gelassen haben. Politiker, Unternehmer – alle eben.

Zwischen ein paar Schlücken Pils und Kräuterlikör erklärt der Mann das Schicksal der Stadt. “Hier gibt es ja nix mehr”, sagt er. Früher habe es eben die Textilfabriken gegeben, das Billard-Café und die Brauereien - außerdem die Likörbrennerei.

“Jetzt soll hier eine Whisky-Bar aufmachen. Was wollen wir denn damit? Kann sich eh keiner leisten.” Die Spielothek sei in Greiz jetzt der einzige Ort, an dem man noch etwas machen könne.

Greiz' Bürgermeister Gerd Grüner (SPD) will von einem Aussterben seiner Stadt nichts wissen. Er betont stolz, 120 Geburten seien für 2016 geplant gewesen, zur Welt gekommen seien aber 160 Kinder. Das gleiche sich mit der Sterberate aus - “pari-pari”.

Fakt ist jedoch: Von 2000 bis 2015 sind in Greiz laut offiziellen Statistiken jedes Jahr mindestens 170 Menschen mehr gestorben, als geboren wurden. Im letzten Jahr, das das Statistische Landesamt von Thüringen erhoben hat, steht eine -208 unter dem Strich: Die Bevölkerung schrumpft.

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Selbst Wohnungen in guter Innenstadtlage stehen in Greiz leer

Auch, wenn in den letzten Jahren nicht mehr so viele Leute abgewandert sind, wie zuvor. “Dass die jungen Leute hier wegziehen, das ist doch so eine Pauschalisierung aus den 90ern”, sagt Grüner deshalb.

Überhaupt: Das Dörfersterben sei ja kein unübliches Problem im Osten. “Da können sie ja überall hingehen”, sagt Grüner, “das ist keine Besonderheit.”

Wie die Lage in den Dörfern um seine Stadt herum ist, kann oder will Grüner nicht beurteilen. Es könne schon sein, dass es da ein Problem gebe.

"Außer etwas frischer Farbe nicht viel Entwicklung"

Angesichts der dramatischen Entwicklungen im Kreis Greiz ist Grüners Gleichmut schwer nachzuvollziehen. Bis 2030 wird Thüringen laut einer Bevölkerungsprognose der Bertelsmann Stiftung um 215.000 Einwohner schrumpfen. Die Stadt Greiz soll in dieser Zeit fast ein Viertel ihrer Einwohner verlieren; der gesamte Kreis nahezu ein Fünftel.

Die Bürgerinitiative “Weil wir Greiz lieben” will das verhindern. Die Mitglieder wollen ihre Stadt wieder zu einem lebenswerten Ort für alte und neue Bewohner machen. Sie träumen von jungen Unternehmen, einer Freien Universität und einer Amüsiermeile.

In den sozialen Netzwerken treffen diese Vorschläge auf Zuspruch, aber auch auf Skepsis. Ein ehemaliger Bewohner der Stadt stellt fest: “Bei den seltenen Besuchen in Greiz konnte ich außer etwas frischer Farbe nicht viel Entwicklung sehen.”

Ein Eindruck, der sich am Pushkinplatz am Fuße des Greizer Schlossbergs bestätigt. Dass man in der Stadt nicht viel unternehmen kann, mag sogar ein Taxifahrer nicht recht leugnen. Sein Vorschlag an Besucher: “In die Kneipe gehen und saufen.”

Die HuffPost ist noch eine Woche in Gegenden Deutschlands unterwegs, in denen vom Aufschwung der vergangenen Jahre nicht viel angekommen ist. Verfolgt die Deutschland-Tour unserer Reporter Lennart Pfahler und Josh Groeneveld bei Twitter.

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(ll)

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