Erdogans Ausraster gegenüber Gabriel: So kommentieren es die deutschen Medien

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ERDOGAN
Zeitungen über Erdogan: "Er beutet aus, was anderen wertvoll ist" | Murad Sezer / Reuters
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  • Das Verhalten des türkischen Präsidenten Erdogan erinnert deutsche Kommentatoren an das Gebaren eines Halbstarken
  • Er missbrauche internationales Recht, um gegen die Meinungsfreiheit vorzugehen
  • Alle fordern eine klare Antwort an Erdogan

Die deutsche Presse ist sich einig wie selten: Das Verhalten des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan ist inakzeptabel – und auffallend oft fühlen sich die Kommentatoren an das unreife Gepöbel von Jugendlichen erinnert.

Da ist von überheblichen, selbstherrlichen Attacken und "politischem Kampf auf Kindergartenniveau" zu lesen wie im "Trierischen Volksfreund", von "Spuren von Größenwahn" in der "Rhein-Neckar-Zeitung", von der würdelosen Wortwahl eines "pubertierenden Halbstarken", von "Hybris" wie im "Reutlinger General-Anzeiger".

Was war passiert?

Erdogan hatte den Deutschtürken geraten, nicht CDU, SPD oder die Grünen zu wählen und jede Kritik an dieser Einmischung in den deutschen Wahlkampf mit Aggression quittiert.

Außerdem war der deutsche Schriftsteller Dogan Akhanli auf Betreiben der Türkei in Spanien festgenommen worden – obwohl türkische Gerichte ihn vor Jahren freigesprochen hatten.

Was der Vorfall für alle Deutschen bedeuten könnte

Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" sieht darin einen Präzedenzfall. "Bislang hatte sich die türkische Führung damit zufrieden gegeben, in der Türkei deutsche (und andere) Geiseln zu nehmen oder sie dort wenigstens vorübergehend festzuhalten. Nun dehnt Erdogan seine Verhaftungswelle aber auf Drittstaaten aus."

Wenn Spanien Akhanli ausliefere, müssten künftig alle Erdogan-Kritiker Angst vor Reisen haben.

Der "Spiegel" bringt die Stimmung in Deutschland gegenüber Erdogan so auf den Punkt: "Erdogan ist bei den Deutschen in etwa so beliebt wie ein Zeckenbiss."

Auch die "Welt" warnt: "Aufgrund der Struktur von Interpol kann es jedem Erdogan-Kritiker so ergehen wie jetzt dem deutschtürkischen Schriftsteller Dogan Arkhanli, der im Spanien-Urlaub aufgrund einer Anzeige aus der Türkei zwischenzeitlich festgenommen wurde."

Erdogan geht es um Macht im Ausland ...

Für die Presse ist klar, dass Akhanli – nach dem Journalisten Deniz Yücel und dem Menschenrechtler Peter Steudtner – nur ein weiteres Opfer ist, um einen ebenso großen wie perfiden Plan Wirklichkeit werden zu lassen.

"Die juristische Attacke", schreibt die "Sächsische Zeitung", "gilt tatsächlich ganz anderen. Es ist ein Signal an Europa und an Deutschland, in der politischen Auseinandersetzung um unsere eigenen Moral- und Wertvorstellungen nachzugeben und die vielen gegensätzlichen Positionen Erdogans zu akzeptieren."

"Er beutet aus, was anderen wertvoll ist", heißt es im "Kölner Stadtanzeiger". "Er tritt mit Füßen, was Europa in Ehren hält."

Erdogan missbraucht nach dieser Argumentation nicht nur Einzelpersonen, sondern auch internationale politische Einrichtungen wie Interpol. "Eigentlich sollen sie die Durchschlagskraft der Rechtsordnung über die nationalen Grenzen hinaus ausdehnen", heißt es im "Kölner Stadtanzeiger".

"In den Händen eines Unrechtsregimes aber werden Instrumente der Rechtspflege zu Waffen der Zerstörung. Einer Zerstörung von innen."

... und in der Türkei

Das Ziel der umstrittenen Wahlempfehlungen ist klar: "Erdogans Agenten in Deutschland", steht in der "Welt", wollen die hier lebenden Türken als fünfte Kolonne instrumentalisieren, um Kritiker einzuschüchtern und die Atmosphäre zwischen Deutschland und der Türkei durch Provokationen weiter zu vergiften."

Der "Trierische Volksfreund" verweist darauf, dass diese Taktik typisch für Autokraten sei: "Um vor allem innenpolitisch ihre Macht zu sichern, konstruieren sie äußere Gegner und Feindbilder, werden Konflikte mit anderen immer wieder neu geschürt."

Wie sich Deutschland verhalten soll

Die Antwort auf diese Provokationen, auf diese Angriffe, muss deutlich sein, meinen die Kommentatoren.

"Es ist das Wesen der Autokraten, dass sie sich wie Halbstarke gebärden", heißt es in der "Süddeutschen Zeitung". "Man muss darauf stark reagieren, nicht halbstark; stark heißt: differenziert, pointiert und konzentriert."

Konkret heiße das, dass man Unhöflichkeiten wie dem Gepöble gegenüber Gabriel nicht mit Entgegnungen aufwertet. "Und es gibt Aktionen Erdogans, die verlangen nach scharfer Reaktion - so die Verhaftung deutscher Staatsbürger aus politischen Gründen."

Die "Sächsische Zeitung plädiert dafür, "Erdogan dauerhaft jene Grenzen aufzuzeigen, die außerhalb seines Machtbereichs nach wie vor gelten." Die "Neue Westfälische" aus Bielefeld sähe gerne eine etwas deutlichere Reaktion als bislang.

Die Chancen der deutschen Regierung, ganz cool zu reagieren, stehen nach Einschätzung der "Badischen Neuesten Nachrichten" gut: "Schon eine an sich sehr unspektakuläre Entscheidung wie das von Kanzlerin Merkel angekündigte Nein zur Ausweitung der Zollunion zwischen EU und Türkei kann erhebliche Folgen für die Türkei haben. Für die türkische Wirtschaft ist das Vertrauen ausländischer Investoren ein sehr kostbares Gut."

Gefährliche Konsequenzen von konsequentem Handeln

Die "Stuttgarter Zeitung" sieht auch die EU in der Pflicht. "Die Europäische Union ist herausgefordert. Sie muss sich Erdogans ständigen Provokationen geschlossen entgegenstellen."

Doch so einfach ist das nicht, warnt die Zeitung. "Nähme die EU ihre eigenen Regeln ernst, hätte sie die Beitrittsverhandlungen mit Ankara längst aussetzen müssen. Doch bricht die EU alle Brücken zu Ankara ab, verliert sie den Einfluss auf die Entwicklung in der Türkei."

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