Mangel an Bademeistern: Experten fürchten um Sicherheit von Kindern in Schwimmbädern

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SCHWIMMBAD
Der Mangel an Fachkräften in Schwimmbädern kann verheerende Folgen haben. | iStock
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  • Deutschen Bädern mangelt es an Schwimmmeistern
  • Dies kann schlimme Folgen haben, wie der Fall eines ertrunkenen Jungen vom Sommer 2016 zeigt
  • Gewerkschaften und Verbände beklagen, dass die Kommunen bei den Bädern sparen und Kinder immer schlechter schwimmen können

Es ist eine besorgniserregende Entwicklung: Die Zahl der Menschen, die beim Schwimmen ertrinken, nimmt zu. Insgesamt gab es deutschlandweit 2016 rund 500 tödliche Badeunfälle.

Die Todesfälle ereignen sich nicht nur in unbewachten Gewässern. Auch die Zahl der Ertrunkenen in Schwimmbädern steigt. 2015 gab es elf Fälle, 2016 bereits 19. Unter den Verunglückten waren auch Kinder. So ertrank im Sommer 2016 etwa ein zehnjähriger Junge im bayerischen Oberammergau.

Nun stehen die beiden damals verantwortlichen Aufsichtspersonen vor Gericht - wegen fahrlässiger Tötung, wie die “Süddeutsche Zeitung” berichtet. Die beiden Mitarbeiter sind aber keine ausgebildeten Fachkräfte, sondern nur Rettungsschwimmer.

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Beide Angeklagte geben an, dass es zu dem tragischen Fall nur kommen konnte, weil es an diesem Tag sehr voll war und sie für die Größe des Schwimmbads völlig unterbesetzt waren. Das Schwimmbad hat Konsequenzen gezogen und setzt nun mehr Aufsichtspersonal ein.

Mangel an Bademeistern

Dass Bademeister in deutschen Schwimmbädern fehlen, ist kein Einzelfall, beklagt die Gewerkschaft Verdi. Auch Peter Harzheim, Präsident des Bundesverband Deutscher Schwimmmeister (BDS), der selbst seit 42 Jahren als Schwimmmeister arbeitet, schlägt Alarm. "Bei 5500 Bädern in Deutschland sind rund 2500 Stellen offen", sagte er der HuffPost.

Der Fachkräftemangel habe verschiedene Gründe. "Die Aufsichtspflicht kann in den Bädern wegen des Mitarbeitermangels oft nicht gewährleistet werden", sagt Harzheim. Die Folge: Es bleiben einzelne Becken oder gleich das ganze Schwimmbad geschlossen, damit es nicht erneut zu tragischen Ereignissen wie im Sommer 2016 in Oberammergau kommt.

Das Chorweilerbad in Köln zum Beispiel musste im Juli wegen Personalmangel für drei Wochen schließen.

Das Bild des Bademeisters sei von Vorurteilen geprägt, bemängelt Harzheim: "Viele Menschen denken, wir stehen den ganzen Tag am Beckenrand oder sitzen in der Sonne, schimpfen mit Badegästen, trinken Limonade und flirten mit den Gästen." Doch in der Realität sehe der Job völlig anders aus.

Schwimmmeister als Beruf

"Die Verantwortung ist groß und das Berufsbild vielfältig", erklärt er. "Der Beruf umfasst sowohl die Badeaufsicht als auch Schwimmunterricht, Animation, Saunaaufgüsse und das Prüfen der Wasserqualität. Auch technische Wartung rund um die Schwimmanlagen, Personalwesen und Marketing sind Teil des Berufsbildes."

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Deshalb ist der Job auch ein Ausbildungsberuf. Doch Bademeister wolle kaum noch jemand werden, was auch an den Arbeitsbedingungen liege, sagt Harzheim. "Dann zu arbeiten, wenn Ferienzeit ist, an den Wochenenden und im Schichtdienst, ist für viele nicht attraktiv", sagte Harzheim der HuffPost.

Die normale Fluktuation, wenn ältere Fachkräfte in Rente gehen, könne nicht mehr aufgefangen werden, warnt er, da sich wenige junge Menschen dazu entschieden, Schwimmmeister zu werden.

Leere Kassen, geschlossene Bäder

Das liege mitunter auch daran, dass der Beruf mit all seinen Facetten nicht sehr bekannt sei. Aber auch daran, dass öffentliche Bäder sich oft nur durch Subventionen halten können und das Geld in den Kommunen für Fachkräfte fehle. "Dies führt dazu, dass Bäder zuerst am Personal sparen", sagt Harzheim. "Statt Fachkräften stellen die Bäder dann oft nur Rettungsschwimmer mit dem DLRG-Silberabzeichen ein."

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Ein weiterer Punkt: das schlechte Gehalt. Die Bezahlung habe sich den wachsenden Aufgaben nicht angepasst und so würde den Schwimmmeistern sehr wenig Wertschätzung entgegen gebracht, kritisiert der Präsident des BDS.

Einsteiger verdienen rund 2000 Euro brutto pro Monat, als Meister steigt das Gehalt auf bis zu 3200 Euro.

Bei privaten Betreibern würden Fachkräfte manchmal nur knapp 1500 Euro verdienen, sagt Harzheim - kein Wunder, dass so viele den Beruf nicht lange machen wollen.

Hinzu kommt: Viele Kommunen müssen sparen - und das tun sie unter anderem bei den öffentlichen Schwimmbädern. Die Folge sei ein Fachkräftemangel, der es schwierig mache, der Aufsichtspflicht nachzukommen, beklagt auch die Gewerkschaft Verdi.

Keine sicheren Schwimmer

Was die Situation in den Schwimmbädern zusätzlich zur mangelnden Betreuung so gefährlich macht: Jeder zweite Grundschüler ist kein sicherer Schwimmer, wie die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) angibt. 59 Prozent der Zehnjährigen können demnach nicht ausreichend gut schwimmen.

Eine Forsa-Umfrage, die im Juni in Hannover vorgestellt wurde, kam zwar zu dem Ergebnis, dass 77 Prozent der Schüler ein “Seepferdchen”-Schwimmabzeichen haben, das sagt laut DLRG aber noch nicht viel aus.

Als sicherer Schwimmer gilt man erst, wenn die Anforderungen eines Bronze-Schwimmabzeichens erfüllt werden können: 200 Meter in 15 Minuten schwimmen. Ein Seepferdchen gebe es schon für 25 Meter.

“Die Schwimmfähigkeit der Kinder im Grundschulalter ist weiterhin ungenügend", schreibt Achim Haag, Vizepräsident der DLRG, in einer Pressmitteilung. "Im Durchschnitt besitzen nur 40 Prozent der Sechs- bis Zehnjährigen ein Jugendschwimmabzeichen."

Zusammenhang zwischen Budgetkürzungen und Schwimmfähigkeit

Vor diesem Hintergrund ist es noch bedenklicher, dass es so wenige Schwimmmeister in deutschen Bädern gibt.

Schuld am Rückgang der Schwimmfähigkeit bei den Kindern sind laut DLRG sowohl die Eltern als auch die Schule. Außerdem spiele eine Rolle, dass immer mehr Bäder komplett schließen müssen.

Allein in Bayern mussten laut einem Bericht der "Welt" seit 2004 ganze 63 Bäder aus finanziellen Gründen schließen, 51 weiteren droht die Schließung.

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"Wer Bäder schließt, um Kosten zu senken, handelt fahrlässig und verantwortungslos", schreibt Haag zur Forsa-Umfrage. "Die DLRG sieht in diesem Umfrage-Ergebnis eine Bestätigung ihrer Position und versteht das Ergebnis als Auftrag, ihre Arbeit für den Fortbestand der Schwimmbäder auf allen Ebenen fortzusetzen."

BDS-Präsident Harzheim warnt sogar: "Deutschland könnte ein Land der Nichtschwimmer werden."

Hinweis für Eltern: Da oft der schulische Schwimmunterricht nicht mehr gewährleistet ist, bietet zum Beispiel die DLRG Schwimmkurse für verschiedene Altersgruppen an. Auf der Website der DLRG sind die Angebote der jeweiligen Ortsgruppen verzeichnet.

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(lk)

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