Deutschland ist ein wirtschaftlich gespaltenes Land - doch ganz anders, als viele denken

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Deutschland ist ein wirtschaftlich gespaltenes Land - doch ganz anders als viele denken | Getty
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  • Deutschland hat wirtschaftlich starke und schwache Regionen
  • Meist wird eine Trennlinie zwischen den alten und den neuen Bundesländern gezogen
  • Doch nun zeigt der britische "Economist", dass das Gefälle zwischen Nord und Süd viel größer ist

28 Jahre trennte die Mauer Deutschland in Ost und West, noch viel länger waren beide Teile politisch getrennt.

Selbst fast drei Dekaden nach der Wiedervereinigung scheint es nach wie vor große Unterschiede zu geben: Die Arbeitslosigkeit ist in den neuen Bundesländern höher, umgekehrt liegen die dortigen Löhne, Renten und der Beamtensold unter dem West-Niveau.

Nahezu alle Umfragen und Statistiken teilen Deutschland in West und Ost. Allerdings ist das Land - zumindest wirtschaftlich - mittlerweile viel deutlicher in Nord und Süd gespalten. Warum das so ist, legte das britische Wochenmagazin "Economist" in einer breiten Analyse dar.

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Karte von Deutschland mit der Einteilung der Bundesländer in Norden und Süden (Quelle: Eigene Darstellung nach "The Economist")

Das Blatt splittet Deutschland in zwei Hälften. Die Bundesländer, die nördlich einer imaginären Linie von der Eifel bis in die Oberlausitz liegen, zählen zum Norden, die sieben südlich davon zum Süden.

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Zwei gleich große Teile, aber unterschiedliche Aussichten

Die Einteilung ist nicht willkürlich gewählt, wie der "Economist" darlegt. Denn die Grenze zwischen Nord und Süd entspricht in etwa der Uerdinger Linie. Damit trennen Linguisten die nieder- von den hochdeutschen Dialekten.

Außerdem haben beide Teile …

… in etwa die gleiche Einwohnerzahl,

… jeweils gleiche viele große urbane Regionen (nämlich jeweils fünf),

… sowie in etwa auch einen gleich großen Anteil an Bewohnern aus den neuen Bundesländern.

Dennoch hebt der "Economist" hervor, dass Süddeutschland die wesentlich besseren Aussichten hat. Dort würden die Menschen bessere Schulen besuchen, leichter Arbeit finden, mehr verdienen und länger leben.

Dass die Kluft zwischen Nord und Süd immer weiter auseinander geht, ist keine ganz neue Erkenntnis. So erklärte etwa der Berliner "Tagesspiegel" schon 2014: "Egal ob bei Steuereinnahmen, Löhnen oder Lebenserwartung – der Süden ist dem Rest der Republik uneinholbar davongeeilt."

Allerdings belegt nun das britische Fachblatt mit Zahlen, wie dramatisch die Unterschiede tatsächlich sind.

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Sachsen und Thüringen haben aufgeholt

Ein Grund für die große Differenz: Die ostdeutschen Bundesländer Thüringen und Sachsen haben zu den Klassenbesten im Süden, Bayern und Baden-Württemberg, aufgeschlossen.

So belegen beide Länder die Spitzenpositionen in der Bildung, wie eine aktuelle Studie des IW Köln im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft zeigt.

Und auch die Arbeitslosenquote liegt in beiden Ost-Bundesländern teils unter dem einiger westlicher Länder. Ebenso hat Sachsen derzeit bundesweit den mit Abstand niedrigsten Schuldenstand.

Infografik: Sachsen hat das beste Bildungssystem | Statista

Norden und Süden wirtschaftlich extrem unterschiedlich stark

Der "Economist" zeigt mit Hilfe einiger Kennzahlen, wie weit Norden und Süden auseinanderklaffen:

Verschuldung: Die Verschuldung des Nordens ist mit 371 Milliarden Euro mehr als doppelt so hoch wie die des Südens (170 Milliarden Euro)

Unternehmertum: Von den DAX30 Unternehmen befinden sich 18 im Süden, 12 im Norden. Zugleich werden im Süden fast doppelt so viele Patente wie im Norden angemeldet und weniger Firmen melden Insolvenz an. Nicht zu vergessen: Auch die wichtigste Börse und die wichtigsten internationalen Flughäfen liegen im Süden (Frankfurt/Main und München).

Infografik: Deutschlands Tech-Hochburgen: München, Karlsruhe, Darmstadt | Statista

Export: Der Süden exportiert jährlich Waren im Wert von fast 560 Milliarden Euro, der Norden im Wert von 390 Milliarden Euro. Auch deshalb ist das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf und Jahr im Süden 4500 Euro höher als im Norden.

Bildung: Neben Sachsen und Thüringen gehören auch die Schulsysteme in Bayern, Baden-Württemberg und im Saarland zu den besten in Deutschland. Hinzu kommt: Auch die besten deutschen Universitäten befinden sich im Süden des Landes.

"Auf mittlere Sicht wird das Nord-Süd-Gefälle das Ost-West-Gefälle ersetzen"

Aber natürlich gibt es entscheidende Ausnahmen - in beiden Regionen. Im Süden darbende ehemalige Kohleorte im Saarland oder "aussterbende sächsische Dörfer, die von nationalistischer Politik geplagt werden", wie der "Economist" schreibt.

Umgekehrt gibt es im Norden High-Tech-Standorte wie Hamburg oder Düsseldorf - beide Städte gehören zu den reichsten - und teuersten - in Europa.

Den Hauptgrund für das starke Nord-Süd-Gefälle macht die britische Wochenzeitung am kriselnden Nordrhein-Westfalen auf der einen und den boomenden Ländern Baden-Württemberg und Bayern auf der anderen Seite fest.

Glaubt man André Wolf vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut, dann könnte "auf mittlere Sicht das Nord-Süd-Gefälle auf jeden Fall das (aktuelle) Ost-West-Gefälle ersetzen".

Und das könnte zu Problemen führen. Denn anders als etwa der Solidaritätszuschlag für den Osten, wäre ein solches Vorhaben für den Norden politisch viel schwerer zu verkaufen, bemerkt "The Economist". Noch weiter geht der Demographic Risk Atlas. Er zeigt in einer Studie über die Bevölkerungsentwicklung, dass Deutschlands Nord-Süd-Gefälle noch größer als jenes in Italien werden könnte.

Dass es soweit gar nicht kommen muss, zeigt ein Blick in das vergangene Jahrhundert: Als in den 1960ern die Kohle- und Stahlregion NRW boomte, war Bayern der ärmste Teil der Republik.

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(sk)

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