Keith Mines hat Bürgerkriege auf der ganzen Welt studiert - er warnt: Die USA steuern geradewegs auf einen zu

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CHARLOTTESVILLE
Keith Mines hat Bürgerkriege auf der ganzen Welt studiert - er warnt: Die USA steuern geradewegs auf einen zu | Joshua Roberts / Reuters
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  • Zumindest für kurze Zeit haben in Charlottesville bürgerkriegsähnliche Zustände geherrscht
  • Der US-Sicherheitsexperte Keith Mines hat jahrzehntelang Bürgerkriege auf der ganzen Welt studiert
  • In seinem Heimatland findet er nun einige Bedingungen vor, die ihn alarmieren

Neonazis mit Fackeln, tags darauf Rechtsextreme, mit Knüppeln und Sturmgewehren bewaffnet. Doch auch die linken Gegendemonstranten hatten sich vorbereitet, sie trugen Helme und Schilder.

Die Szenerie in der US-Kleinstadt Charlottesville glich am vergangenen Wochenende der Vorstufe zu einem Bürgerkrieg. Nicht ohne Grund rief der Gouverneur von Virginia den Notstand aus und schickte die Nationalgarde in den Ort, um die Protestierenden zu trennen - und um so die Kontrolle über das Städtchen wiederzuerlangen.

Keith Mines hat für die US-Armee, die Vereinten Nationen und das US-Außenministerium jahrzehntelang Bürgerkriege analysiert. Von Afghanistan und den Irak über Kolumbien bis Sudan.

Nach sechzehn Jahren im Ausland ist der Sicherheitsexperte nun in die USA zurückgekehrt. Dort findet er Bedingungen vor, die er schon zuvor andernorts gesehen hat. "Das jagt ihm einen Schrecken ein", schildert das US-Magazin "The New Yorker".

Schon im März erklärte er gegenüber dem Politik-Fachmagazin "Foreign Policy", er sehe die Wahrscheinlichkeit bei 60 Prozent, dass in den USA ein Bürgerkrieg ausbricht. Andere damals befragte Experten bewerteten dies mit 5 bis 95 Prozent, wobei der Durchschnitt bei 35 Prozent lag.

"Und das war fünf Monate vor Charlottesville", wie "The New Yorker" betont.

Mehr zum Thema: Radikale Rechte gegen Linke: Warum die Spaltung in den USA ein gefährliches Ausmaß erreicht hat

Fünf Bedingungen für einen neuen Bürgerkrieg in den USA

Mine definiert Bürgerkrieg als großflächigen Gewaltausbruch, bei dem die traditionelle politische Autorität nicht anerkannt wird - und bei der die Nationalgarde einschreiten muss. Genau das ist am vergangenen Wochenende in Charlottesville passiert.

Der Sicherheitsexperte legte in seiner Analyse bei "Foreign Policy" fünf Bedingungen vor, die in den USA für einen Bürgerkrieg eintreffen müssten:

Nationale Polarisierung der Bürger, ohne dass sich diese für eine offene Diskussion zusammenfinden können.

Die Berichterstattung der Presse wirkt zunehmend spaltend. Zudem wird es immer leichter mit Informationen Unruhe zu stiften.

Gewalt wird als Methode akzeptiert, um Streitigkeiten zu lösen.

Mines betonte bei diesem Punkt:

"Der Präsident (Donald Trump, Anm. d. Red.) hat Gewalt zu einem Mittel erhoben, um sich politische Vorteile zu schaffen. Außerdem hat er während und nach dem Wahlkampf verbale Angriffe legitimiert.

Geht man von den jüngsten Ereignissen aus, so ist die Linke ebenso vollständig an Bord - denkt man nur an die Veranstaltungen an Universitäten, wo Professoren und Sprecher niedergebrüllt und bedrängt wurden, aggressive Anti-Israel-Proteste und die Anarchisten auf Anti-Globalisierungs-Demonstrationen.

Es ist wie 1859 (kurz vor dem US-Bürgerkrieg, der von 1861 bis 1865 dauerte, Anm. d. Red.), jeder ist wütend über irgendetwas und jeder hat eine Waffe."

Schwache Institutionen, insbesondere die Presse und die Justiz werden immer weiter geschwächt.

Ein "totaler Ausverkauf" seitens der Führung der Republikanischen Partei. Das heißt, die Politiker müssten alle genannten Faktoren nicht nur akzeptieren, sondern diese sogar zusätzlich anheizen.

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"Tiefe Gräben zwischen ethnischen und ideologischen Gruppen"

Um Mines pessimistische Mutmaßung zu testen, befragte das "New Yorker"-Magazin fünf Bürgerkriegs-Historiker.

Zwar sahen alle durchaus Parallelitäten zwischen den 1850er und 1860ern Jahren und der heute. Aber sie bezweifelten, dass sich die Geschichte wiederholen würde.

So erklärte Eric Foner, Historiker von der Columbia University und Pulitzer-Preis-Gewinner, dem "New Yorker": "Offensichtlich haben wir sehr tiefe Gräben zwischen verschiedenen ethnischen und ideologischen Gruppen oder zwischen Stadt und Land." Doch in den USA von 2017 gebe es auch starke Gravitationskräfte, die gegen das wirke, was man derzeit sehe.

Foner unterstrich, dass die Menschen bei den Protesten in Charlottesville - die sich am Abriss eines umstrittenen Südstaaten-Denkmals entzündeten - nicht über den Bürgerkrieg stritten. "Sie stritten über die heutige US-Gesellschaft und die Ethnien."

Der Historiker Gregory Downs von der University of California bemerkte darüber hinaus, dass die Rassisten und Neonazis eher die "Boten", und nicht die "Architekten" eines Zusammenbruchs des Landes seien.

Allerdings werden diese noch öfters ihre menschenverachtende Botschaft verbreiten: Allein an diesem Wochenende sind 9 rechtsextreme Kundgebungen in den USA geplant.

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