Dieser Wahlkampf hat nichts mit politischer Willensbildung zu tun - er ist reine Volksverblödung

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  • Viele Plakate beleidigen die Intelligenz der Wähler mit belanglosem Unsinn
  • Die Parteien verschwenden damit unsere Steuergelder
  • Die sind zur politischen Willensbildung da, nicht für Foto-Modelling leere Phrasen und Wunschdenken

Hand aufs Herz: Wer zahlt schon gerne Steuern? Im besten Fall sieht man sie als notwendiges Übel. Und tröstet sich damit, dass dafür so vieles kostenlos ist bei uns. Schulen etwa. Universitäten. Und natürlich auch Straßen.

Straßen? Genau da beginnt das Problem seit einigen Tagen.

Wenn ich durch Berlin laufe, komme ich mir für blöd verkauft vor. Als Steuerzahler. Und als Bürger.

Was da an Wahlplakaten die Straßen verunstaltet, kann ich nicht anders werten denn als Beleidigung meiner Intelligenz.

Die Parteien bekommen Steuergelder für den Wahlkampf, weil das der politischen Willensbildung dient.

Dass ich für diesen Wahlkampf Steuern zahlen muss, macht mich wütend

So oder so ähnlich habe ich das irgendwann im Sozialkundeunterricht gelernt.

Und jetzt sehe ich das.

Politische Willensbildung? Eher Volksverblödung. Und dass ich dafür mit meinen Steuern auch noch die Zeche bezahlen muss, macht mich wütend.

Mir fiel fast der Fahrradlenker aus der Hand, als ich auf der Kantstraße in Charlottenburg auf dieses Plakat stieß: Völlig inhaltsfrei und überlebensgroß prahlt mein örtlicher CDU-Kandidat auf dem Mittelstreifen – und hält ein Schild in der Hand, auf dem seine Partei steht und „Für Charlottenburg-Wilmersdorf wieder in den Bundestag“.

cdu

Mein erster Gedanke war angesichts dieser Plakate: Da bietet jemand den „Wachturm“ der Zeugen Jehovas an. Erwachet!

Doch bei genauerem Nachdenken erinnert das Plakat eher an Betteln als an politischen Kampf oder Religionswerbung: „Ich will wieder ins Parlament.“

Sind unsere Politiker schon so tief gesunken? Betteln ums Mandat statt Kampf um Stimmen?

Je genauer man die Plakate ansieht, umso trostloser wird einem zumute.

„Ohne Waffen Neues schaffen“, werben etwas weiter die Piraten. Was für eine Binse! Kein Wunder, dass die in der Bedeutungslosigkeit versunken sind.

piraten

„Frieden“ plakatiert die Linke. Als ob irgendjemand Krieg wolle. Nur das Rezept der Partei ist strittig: Denn ob Abrüsten wirklich hilft, wie ihr Plakat suggeriert, oder es eher kontraproduktiv ist beim Sichern des Friedens angesichts von aufrüstenden Autokraten um uns herum, darüber kann man trefflich streiten.

afd

Aber eigentlich ist das schon etwas Erfreuliches in diesen Tagen: Ein Wahlplakat, über das man streiten kann.

Völlig unmöglich wäre das etwa bei einem der Leitmotive, das die CDU plakatiert:

cdu

Was soll das denn? Ist irgendjemand gegen ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben?

Wenn schon Verdummung, dann richtig: „Für ein Deutschland in dem es allen immer gut geht und die Sonne immer scheint“ – das wäre die konsequentere Lösung.

Die AfD setzt den Blödsinn konsequenter um:

afd

Auf der nach unten offenen Richter-Skala der Wahlkampf-Blödheiten setzt die AfD Akzente – etwa mit dem Bild einer schwangeren Frau unter dem Text „Neue Deutsche? Machen wir selbst“ und darunter: „Trau Dich Deutschland“.

afd

Bei den Plakaten der FDP glaubt man fast, man habe es mit einem Modehaus zu tun, das ein Super-Model reklamiere.
Wenn schon, dann lieber das Original – David Backham auf den H&M Plakaten.

Selbst die Grünen, sonst immer mit Inhalten zu haben, verzieren das Stadtbild mit Beliebigkeiten:

grüne

Klar, wer hätte daran Zweifel?

Was soll der Quatsch?

Und ist es auch Wahnsinn, so hat er doch Methode – so zumindest erklären Wahlkampfexperten diese Verblödung.

Sie sind nur höflicher und sprechen von der „Strategie der Mehrdeutigkeit“.

Gemeint sind damit „empty signifiers“, also leere Signale – die so unbestimmt sind, dass jeder seine eigenen Wünsche hineinlesen kann.

Eine Evolutionsstufe des Wahlbetrugs

Die Mode kommt aus den USA: Obamas „Change“, „Hope“ and „Can“ sind das Musterbeispiel.

Ich halte das für eine Evolutionsstufe des Wahlbetrugs: Man macht erst gar keine Aussagen mehr und stürzt sich in völlige Beliebigkeit.

Der Wähler soll einen Blankoscheck ausstellen.

Und weil er alles mangels konkreter Aussagen alles erwarten kann, fällt die Enttäuschung später umso größer aus.

In den USA kam acht Jahre nach Obama und seinen „leeren Signalen“ Trump.

"Leere Signale"

Diese Entpolitisierung macht die Demokratie kaputt.

Schlimm genug. Noch schlimmer, dass wir das auch noch selber zahlen mit unseren Steuergeldern.

Mein Appell an die Politiker: Verkauft uns nicht für blöder als wir sind. Sagt uns, wofür Ihr steht. Gebt uns eine Chance, eine echte Wahl zu haben!

Flüchtlingskrise: Helft den Helfern!

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Wie ihr selbst aktiv werden könnt, erfahrt ihr bei unserem Kooperationspartner Betterplace..

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