Radikale Rechte gegen Linke: Warum die Spaltung in den USA ein gefährliches Ausmaß erreicht hat

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  • In den USA ist ein gefährlicher Konflikt zwischen Rechten und Linken ausgebrochen
  • Das rechte Gedankengut hat die Mitte der Gesellschaft erreicht
  • Zusätzlich befeuert US-Präsident Trump Fremdenfeindlichkeit und rechten Aktivismus

Es sind Bilder, wie nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Aktivisten haben ein Seil um eine steinerne Statue gespannt, ziehen – und bringen das Monument unter riesigem Jubel zu Fall.

Der US-Präsident Donald Trump jubelt nicht. Er empört sich bei Twitter über die Demontage der alten Bürgerkriegs-Statuen: “Robert E. Lee, Stonewall Jackson – wer kommt als nächstes? Washington, Jefferson? So idiotisch!”

Lange waren die USA nicht so gespalten wie heute. In Charlottesville marschierten am Wochenende fackeltragende Neonazis auf, ein Rechtsextremer fuhr mit seinem BMW eine Gegendemonstrantin zu Tode.

Inzwischen diskutieren die Menschen in dem verunsicherten Land sogar darüber, ob es einen neuen Bürgerkrieg geben könnte.

Denn die Gräben des Konflikts, der das Land spaltet, sind so tief, dass sogar das nicht für seine Effekthascherei bekannte Magazin “New Yorker” zuletzt von einem “new civil war” schrieb.

Zur Erklärung: Was Demonstranten am Montag in Durham im US-Bundesstaat North Carolina auf eigene Faust taten, soll überall in den Südstaaten der USA ganz offiziell passieren: US-Städte entfernen Statuen konföderierter Generäle. Für viele Rechte sind sie Helden, in der Mehrheitsgesellschaft gelten sie als Sklaventreiber, als Symbole einer überwunden geglaubten USA.

Ein Krieg der Ideologien

Im Jahr 2017 verläuft die Front in den Vereinigten Staaten anders als im Bürgerkrieg der 1860er-Jahre nicht mehr zwischen Nord und Süd. Sie verläuft zwischen Ideologien und – das ist besonders traurig – für viele auch zwischen Schwarz und Weiß. Mitten drin in diesem Grabenkampf: Präsident Donald Trump.

So ergab eine exklusive Umfrage der HuffPost und YouGov im Jahr 2016, dass 45 Prozent der Trump-Wähler der Meinung sind, Weiße seien die am meisten diskriminierte ethnische Gruppe in den USA. In einer neueren Umfrage gab immerhin jeder fünfte Republikaner an, es gebe eine “sehr große” Diskriminierung gegen Weiße.

Hochgerechnet sind das rund 25 Millionen weiße US-Amerikaner, die sich in einem ethnischen Kampf um die gesellschaftliche Vormacht wähnen. "I want my country back" steht nun auf Pappschildern. Und der Ku-Klux-Klan proklamiert in seiner Zeitung "The Crusader": "Amerika wurde als eine weiße, christliche Republik gegründet. Und als eine weiße, christliche Republik wurde Amerika groß.“

Es waren wohl auch diese Gefühle, die tausende Rechtsextreme in Charlottesville, Virginia, auf die Straßen trieben und am Ende für das Blutbad mit mehr als 15 Verletzten und einer Toten sorgten. Gefühle, die es durch politische Fürsprecher Stephen Miller, Steve Bannon – und nicht zuletzt Donald Trump – bis ins Weiße Haus geschafft haben. Miller und Bannon gelten als wichtigsten Berater von Trump.

Nicht umsonst sagte der ehemalige Ku-Klux-Klan-Chef David Duke in Charlottesville: "Wir erfüllen die Versprechen Donald Trumps." Es gehe darum, die USA "zurückzuerobern".

Trump schürt die "kulturelle Angst"

Trump hat weiße Wähler über genau diese Emotion mobilisiert. Denn anders als die weit verbreitete Meinung, war nicht die wirtschaftliche Abstiegsangst bei Arbeitern der Hauptgrund für Trumps Wahlerfolg. Daten zeigten schon kurz nach der Wahl im November: Die meisten Trump-Wähler stimmten aus "kultureller Angst" für den Republikaner. Angst, irgendwann “fremd in ihrem Land” zu sein, wie das Magazin "The Atlantic" analysierte.

Migration, die gesellschaftliche Öffnung für Minderheiten, das urbane Leben: Für viele US-Amerikaner außerhalb der großen Metropolen sind das noch im Jahr 2017 fremde und bedrohliche Welten.

“Amerika wieder groß machen”, wie es Trump verspricht, bedeutet so für viele in den USA offenbar “Amerika wieder weiß machen”. Darauf deutet auch die Zahl militanter Hassgruppen hin, die seit der Wahl im November 2016 in die Höhe geschossen ist, wie eine Nichtregierungsorganisation aus Alabama, das Southern Poverty Law Center, beobachtet hat.

917 solcher Gruppen sollen in den USA operieren, 17 Prozent mehr als im Jahre 2014. Ein Grund sei Trumps Präsidentschaftskampagne, die “heftig mit extremistischen Ideen geflirtet” habe, wie die Analysten betonen.

Die Linken finden keine Antwort

Die HuffPost US hat erst in dieser Woche – nachdem Trump Rassismus halbherzig als “böse” verurteilte – 16 Beispiele gesammelt, mit denen Trump in den vergangenen Monaten Rassismus gegen Schwarze, Mexikaner, Muslime und Juden bedient hatte.

Besonders bedenklich: Viele Unterstützer des Präsidenten scheint all das völlig kalt zu lassen. Nur sieben Prozent von ihnen gaben in einer Umfrage vor der Wahl an, dass sie Trump für einen Rassisten halten.

Das “Time”-Magazin warnt: “Es werden mehr Märsche, mehr Ausschreitungen und wenn die rassistischen Anführer Recht haben, mehr Tote geben in diesem Kampf um die Seele der Nation.”

Allein für dieses Wochenende sind landesweit neun rechte Demonstrationen im Stile des Charlottesville-Protests angekündigt.

Und die politische Linke? Sie findet keine Antwort.

In sozialen Netzwerken feiern linke Aktivisten militante Angriffe auf US-Rechte. Das Video, in dem ein Autonomer den berühmten Alt-Right-Anführer Richard Spencer im Januar ins Gesicht schlug, geistert dieser Tage wieder vermehrt durchs Netz.

"Moralisch verschiedene Universen", gebe es in den USA mittlerweile, beklagt sogar der Republikaner Mitt Romney.

Dass das kontraproduktiv ist, weiß Heidi Beirich vom Intelligence Projekt des Southern Poverty Law Center. Sie warnte in der HuffPost: Wenn Antifaschisten gewaltsam gegen Rechtsextreme kämpfen, gibt das Rechtsextremisten nur mehr “Sauerstoff”.

Viele sonst gemäßigte Stimmen verlieren sich derzeit in Schimpf-Tiraden gegen den Präsidenten und das viel zu stille republikanische Establishment. Die US-Mainstreammedien verzweifeln daran, Trump zu entlarven. Denn um Wahrheit geht es in dem ideologischen Standoff der USA ohnehin nicht mehr.

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(ben)

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