Liebe Ivanka, es ist an der Zeit zu entscheiden, auf welcher Seite der Geschichte du stehen wirst

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MARK WILSON IVANKA
Liebe Ivanka, es ist an der Zeit, uns zu zeigen, wer du wirklich bist. | Mark Wilson via Getty Images
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Liebe Ivanka,

ich weiß, dass du momentan wahrscheinlich ziemlich viel um die Ohren hast, doch wir müssen dringend über deinen Vater und seine unmöglichen Auftritte diese Woche sprechen.

Ich wende mich an dich, weil deine Stiefmutter Melania offenbar überhaupt nichts mit deinem Vater zu tun haben will, und zwar weder auf politischer noch auf privater Ebene. Und weil die zwei Blödmänner, die du deine Brüder nennst, auch keine wirkliche Hilfe sind.

Mir ist schon klar, dass es eigentlich nicht deine Aufgabe ist, auf deinen Vater aufzupassen, doch immerhin hast du bereits mehrmals betont, dass dir dieselben Dinge am Herzen liegen wie mir.

Dein Vater spaltet dieses Land (und das ist noch vorsichtig ausgedrĂĽckt)

Und obwohl du zwar selbst für die verachtenswerte Regierung deines Vaters arbeitest, wirkst du einigermaßen vernünftig und scheinst kein vollkommen schlechter Mensch zu sein. Und deshalb dachte ich mir, dass du vielleicht bereit bist, dir anzuhören, was ich zu sagen habe.

Fakt ist: Dein Vater spaltet dieses Land (und das ist noch vorsichtig ausgedrückt). Ich könnte an dieser Stelle eine ganze Reihe von grausamen, ungerechten oder einfach nur vollkommen absurden Aussagen oder Handlungen aufzählen, die er sich in den vergangenen sieben Monaten geleistet hat.

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Doch konzentrieren wir uns doch einfach einmal auf die Geschehnisse nach dem berĂĽchtigten Aufmarsch in Charlottesville am vergangenen Wochenende.

Du erziehst deine Kinder im jĂĽdischen Glauben

Innerhalb von nur vier Tagen hat dein Vater es geschafft, zuerst einmal “beide Seiten” für die gewalttätigen Auseinandersetzungen und den Tod einer jungen Frau verantwortlich zu machen, die eine ganze Armee weißer Rassisten in dieser Stadt verursacht hatte.

Kurz darauf folgte eine lauwarme, halbherzige und fast schon gelangweilt wirkende Stellungnahme deines Vaters, in der er genau diesen hasserfüllten Mob öffentlich kritisierte. Doch bereits am Dienstag zog er seine öffentliche Kritik auch schon wieder zurück und gab eine der seltsamsten und schockierendsten Pressekonferenzen, die jemals von einem amerikanischen Präsidenten abgehalten worden ist.

Da ich Jude bin – so wie du selbst ja auch – würde es mich interessieren, was du davon hältst, dass dein Vater in besagter Pressekonferenz verlauten ließ, dass auch “sehr anständige” unter den Demonstranten gewesen seien, obwohl wir beide doch wissen, dass diese gewalttätigen Monster Sätze wie “Juden werden uns nicht ersetzen” sowie die Nazi-Parole “Blut und Boden” skandiert hatten.

Da du deine Kinder selbst im jüdischen Glauben erziehst, frage ich mich, was in dir vorging, als du mit anhören musstest, dass dein Vater seine Besorgnis darüber zum Ausdruck brachte, wie sehr die “Geschichte und Kultur” dieses Landes sich verändere.

Ich weiĂź, dass man sich seine Eltern nicht aussuchen kann

Denn dies sind doch genau die Schlagwörter, die weiße Nationalisten gerne verwenden, um ihre rassistischen und antisemitischen Ansichten zu verteidigen.

Ich weiß, dass du getwittert hast, dass es “in unserer Gesellschaft keinen Platz für Rassismus, Rechtsextremismus und Neonazis geben sollte” (und das immerhin einen Tag, bevor dein Vater es endlich schaffte, diese Gruppierungen beim Namen zu nennen).

Doch da dein Vater sich mittlerweile als kompletter Nazi-Sympathisant geoutet hat, und du ja schließlich für seine Regierung arbeitest, solltest du uns nun wirklich wissen lassen, was denn eigentlich deine persönliche Meinung zu diesem ganzen Thema ist.

Hör mir zu, Ivanka: Ich weiß, dass man sich seine Eltern nicht aussuchen kann. Wir können nichts für die Menschen, die uns großziehen, oder für die Entscheidungen, die sie für sich selbst treffen.

Wenn diese Entscheidungen jedoch Auswirkungen auf unser eigenes Leben und auf das Leben von Millionen oder sogar Milliarden anderer Menschen haben, dann stehen wir plötzlich vor der Herausforderung, unsere eigenen Entscheidungen treffen zu müssen.

Was muss noch passieren, bis du begreifst?

Ich bin gespannt, was noch alles kommen muss, bis du die Nase voll hast und endlich die Konsequenzen ziehst, wenn das denn ĂĽberhaupt irgendwann geschehen wird. Ich frage mich, was dein Vater denn noch alles anstellen muss, bis du endlich deine eigene Wut spĂĽrst, die mit Sicherheit irgendwo tief in dir drin schlummert. Und ich frage mich, wann du dich endlich einmal gegen ihn wehrst. Doch leider warte ich bisher vergebens darauf.

Ich erwarte nicht von dir, dass du die Verantwortung fĂĽr die Taten deines Vaters ĂĽbernimmst. Doch ich verlange von dir, dass du die Verantwortung fĂĽr deine eigenen Taten ĂĽbernimmst.

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Denn nun ist es für dich ― wie für alle anderen Amerikaner auch ― an der Zeit, dich endlich zu entscheiden, auf welcher Seite du eigentlich stehst und für wen du dich stark machen willst.

Ich hoffe, dass du deinem Vater schon oft ― sehr, sehr oft ― gesagt hast, wie falsch er sich verhält. Und dass du ihm erklärt hast, was ein Präsident in solchen Situationen denn eigentlich tun und sagen sollte, und dass weißer Rassismus in diesem tollen Land keinen Platz hat. Denn solltest du ihm all das bereits gesagt haben, scheint es leider nicht gefruchtet zu haben.

Willst du dich an dem Hass, den dein Vater verbreitet, mitschuldig machen?

Ehrlich gesagt hättest du ihn schon längst für all seine schrecklichen Worte und Taten zur Rede stellen müssen. Doch hoffentlich sind wir uns wenigstens darüber einig, dass wir uns an einem Punkt befinden, an dem es kein Zurück mehr gibt.

Du stehst gerade vor einer der vermutlich schwierigsten Entscheidungen deines Lebens: Willst du dich an dem Hass, den dein Vater verbreitet, mitschuldig machen? Willst du ihn bei dem Unheil, das er anrichtet, unterstützen? Und falls dein Vater sich auch in Zukunft nicht ändern sollte: Wirst du es letzten Endes schaffen, nicht nur dein Land vor deine Partei zu stellen, sondern darüber hinaus dein Land ― und vielleicht sogar die ganze Welt ― vor deinen Vater zu stellen?

Mir ist natürlich klar, dass es eine schreckliche Vorstellung ist, sich von einem geliebten Menschen distanzieren oder lösen zu müssen, und sich komplett gegen ihn stellen zu müssen. Erst vergangenen Montag musste eine amerikanische Familie den unvorstellbaren Entschluss fassen, den Kontakt zu ihrem rassistischen Sohn komplett abzubrechen, und schon stehst du selbst vor dieser schrecklichen Entscheidung.

Es fällt mir nicht leicht, dich auf diese Tatsache hinzuweisen, doch es ist nun einmal die Wahrheit. Dass du dich jetzt in dieser Situation befindest, hast du deinem Vater zu verdanken.

Es ist an der Zeit, uns zu zeigen, wer du wirklich bist

Und mach dir bitte nichts vor: Keine Entscheidung ist auch eine Entscheidung. Eins steht fest: Schweigen ist keine Option mehr. Wenn du weiterhin den Mund hältst, verrätst du damit alles, was wir wissen müssen.

Ich weiĂź, dass das alles nicht leicht ist. Doch die wirklich wichtigen Entscheidungen im Leben sind nie leicht.

Es ist an der Zeit, uns zu zeigen, wer du wirklich bist. Du musst dich entscheiden, wer du eigentlich sein willst. Du musst dir überlegen, welches Bild wir in Zukunft von dir haben sollen, und mit welchen Taten du in die Geschichte eingehen willst ― oder ob man sich später einmal nur deshalb an dich erinnern soll, weil du gar nichts getan hast.

Wir warten.

Wir beobachten dich.

Und wir hoffen, dass du einzig und allein das Richtige tun wirst.

Dieser Text erschien ursprĂĽnglich bei der HuffPost USA und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen ĂĽbersetzt.

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