Baby nach Schütteltrauma schwerbehindert: 23-jährige Mutter wird zu Bewährungsstrafe verurteilt

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Viele Eltern wissen nicht, welche Folgen ein Schütteltrauma bei ihren Babys haben kann. | iStock
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  • Viele Eltern wissen nicht, was sie anrichten, wenn sie ihr Baby schütteln
  • Eine junge Mutter aus Brandenburg wurde nun zu einer Bewährungsstrafe verurteilt
  • Sie hatte ihren kleinen Sohn so heftig geschüttelt, dass er nun schwerbehindert ist

Das Baby schreit und schreit und will nicht mehr aufhören. Mit jeder Stunde zehrt das Gebrüll heftiger an den Nerven der Eltern, die verzweifelt versuchen, das Neugeborene zu beruhigen. Sie wünschen sich nur ein paar Minuten Ruhe.

In solchen Momenten der Frustration und der Erschöpfung die Kontrolle zu behalten, ist nicht einfach.

Der traurige Fall der 23-jährigen Janine B. und ihres Sohnes Emilio zeigt, welche schlimmen Folgen es haben kann, wenn Mutter oder Vater mit ihren Kindern die Beherrschung verliert.

Die Ärzte stellten Schwellungen und Blutungen im Gehirn des Babys fest

Wie die “Bild”-Zeitung berichtet, schüttelte die junge Mutter ihren heute 18 Monate alten Sohn so sehr, dass er sein Leben lang mit einer schweren Behinderung leben muss.

Mehr zum Thema: Babygeschrei: Warum Sie die Nerven nicht verlieren dürfen

Am Donnerstag wurde Janine B. vor dem Amtsgericht Rathenow in Brandenburg verurteilt - sie erhielt lediglich eine Bewährungsstrafe.

Laut dem “Bild”-Bericht lebt das erste Kind der jungen Frau bereits bei seinem Vater, weil die 23-Jährige mit der Erziehung überfordert war.

Der verhängnisvolle Vorfall mit Emilio ereignete sich im Juni vergangenen Jahres. Sie habe den Jungen mit der Flasche füttern wollen, doch der wollte nicht trinken, schreibt die “Bild”. Das Baby habe mit einem Mal angefangen zu hecheln und gemeinsam mit dem Vater des Kindes seien sie ins Krankenhaus gefahren.

Im Krankenhaus Brandenburg/Havel hätten die Ärzte Schwellungen und Blutungen im Gehirn des Babys festgestellt und die Polizei alarmiert.

Mutter des kleinen Emilio: “Ich bereue zutiefst, was passiert ist”

Vor Gericht gestand Janine B. laut der “Bild” dann, physische Gewalt gegen ihr Kind angewendet zu haben. “Es könnte sein, dass ich Emilio kurz geschüttelt habe”, sagte sie demnach. “Ich bereue zutiefst, was passiert ist.”

Trotz des Schuldeingeständnisses der Mutter entschied sich das Gericht lediglich für eine einjährige Haftstrafe auf Bewährung. Der mitangeklagte Vater wurde laut “Bild” freigesprochen.

Emilio lebt dem Bericht der Zeitung zufolge nun in einem Heim für geistig behinderte Kinder. Er ist in seiner Entwicklung stark zurückgeblieben und gerade mal auf dem Stand eines vier Monate alten Babys.

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Das Drama in Brandenburg ist kein Einzelfall. Von Kindern, die mit Schütteltrauma in eine Klinik eingeliefert werden, bleibt laut einem Bericht der “Apotheken Umschau” die Hälfte ein Leben lang schwer behindert, viele werden blind oder leiden unter regelmäßigen Krämpfen.

Die Folgen eines Schütteltraumas können gravierend sein

Nach Schätzungen des Statistischen Bundesamts sterben jährlich zwischen 100 und 200 Babys in Deutschland an den Folgen eines Schütteltraumas.

Nur etwa jedes zehnte Kind erholt sich vollständig von einem Schütteltrauma.

Ärzte sprechen hier vom “Shaken baby”-Syndrom. Das Verletzungsmuster tritt besonders bei sehr kleinen Kindern auf.

Als Gründe nennen die Ärzte:

"Ein Säugling hat aufgrund seiner noch schwachen Nackenmuskulatur kaum Kontrolle über seinen Kopf", sagte Jakob Matschke, Neuro­­pathologe und Rechtsmediziner an der Universitätsklinik Hamburg-­­Eppendorf, der “Apotheken Umschau”.

"Hinzu kommt das ungleiche Größenverhältnis zwischen Kopf und dem übrigen Körper. Beides zusammen verstärkt die Kräfte noch, die beim Schütteln auf das Kind einwirken."

Bei kleinen Babys ist außerdem die sogenannte Markscheide, die die Nerven schützt, noch nicht vollständig ausgebildet. Das Gewebe in ihrem Gehirn ist weicher und verletzbarer als bei Erwachsenen. Wenn der Kopf gewaltsam vor und zurück bewegt wird, können immense Gehirnschäden entstehen.

Ärzte warnen zudem: Vielen Eltern ist nicht bewusst, welche schlimmen Folgen das Schütteln haben kann.

"Viele denken, dass sie, solange sie ihr Kind nicht schlagen, nichts Schlimmes anrichten können", sagte Anette Debertin, Oberärztin am Institut für Rechtsmedizin in Hannover, der “Apotheken Umschau”. Vielen Eltern ist deshalb nicht bewusst, welche schlimmen Folgen das Schütteln haben kann.

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Kinderärzte müssen sehr feinfühlig vorgehen

Direkte Folgen des Schüttelns können Übelkeit oder Apathie sein - Symptome, die viele Eltern aber auf eine Infektion zurückführen und deshalb nicht zum Arzt gehen.

Der Umgang mit Schütteltraumata ist für Kinderärzte zudem nicht unproblematisch. Übersieht ein Arzt das Trauma, kann es das Baby das Leben kosten. Aber auch falsche Anschuldigungen gegen die Eltern können heikel sein.

Laut einem Bericht von “Spiegel Online” wurde etwa ein Münchner Arzt nach einer Fehldiagnose verurteilt und musste Schmerzensgeld und Schandenersatz an die Eltern zahlen.

Kampagne zu den Gefahren eines Schütteltraumas in Berlin

Ärzte können bei einer Missbrauchsvermutung Anzeige erstatten, eine Anzeigenpflicht gibt es jedoch nicht. Grund ist die Sorge, dass Eltern mit ihren misshandelten Kindern gar nicht mehr zum Arzt gehen.

In Berlin versuchen Kinderschützer derzeit, mit einer emotionalen Kampagne auf die Gefahren eines Schütteltraumas bei Babys aufmerksam zu machen. Die Plakate der Kampagne unter dem Motto "Schreien kann nerven. Schütteln kann töten" sind unter anderem in U- und S-Bahnhöfen der Hauptstadt zu sehen.

Im Film zur Kampagne verstummen Babyschreie ganz plötzlich und hinterlassen eine gespenstische Stille.

Ausführliche Hinweise zum Thema Schütteltrauma bei Kindern bietet das Portal “Bitte nicht schütteln”.

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(ben)

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