Die islamistischen Anschläge in Europa seit 2015 haben eine beunruhigende Gemeinsamkeit

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  • In Barcelona sind bei einem Anschlag mindestens 13 Menschen gestorben, hundert wurden verletzt
  • Mehrere Verdächtige wurden gefasst
  • Beunruhigend: Die vergangenen Anschläge in Europa haben eine Sache gemeinsam

Wieder ein brutales Attentat in Europa. Wieder rast ein Fahrzeug in eine Menge Menschen. Wieder sterben Unschuldige.

Mindestens 13 Menschen sind am Donnerstag bei einem Anschlag in Barcelona ermordet worden - rund 100 wurden teils schwer verletzt.

Inzwischen hat die Polizei drei Tatverdächtige festgenommen, zudem erschossen die Beamten fünf Terroristen in der Stadt Cambrils.

Zu den Hintergründen der Tat ist noch wenig bekannt, außer dass sich der Islamische Staat zu ihr bekennt.

Viele Europäer stellen sich jetzt die Frage: Wie schaffen es die Terroristen immer wieder, schwere Anschläge zu verüben?

Bis auf einen waren alle Attentäter polizeibekannt

Der Publizist Sascha Lobo hat sich bereits Ende Mai für "Spiegel Online" alle islamistischen Mordanschläge in Europa angeschaut, bei denen unschuldige Menschen starben.

Sein Blick auf die Anschläge der vergangenen zweieinhalb Jahre lieferte ein besorgniserregendes Ergebnis: Alle Täter waren der Polizei bekannt und konnten laut Lobo als gewaltaffin betrachtet werden. Mindestens 21 von 24 Tätern standen außerdem verschiedene Terror- oder Warnlisten.

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(Grafik: Sascha Lobo (CC BY 4.0))

Die HuffPost hat die Auflistung aktualisiert (die Tat in Barcelona ist nicht mit eingeschlossen, weil Hintergründe zu den Tätern noch fehlen). Demnach verübten seit 2014 28 identifizierte Täter 15 islamistische Mordanschläge in der EU. Von den 28 Tätern waren 27 den Behörden zuvor bekannt und hatten Kontakte in die islamistische Szene.

Dennoch konnten die Sicherheitskräfte die Anschläge nicht verhindern.

Hier ein Rückblick über die mit dem IS in Verbindung stehenden verheerendsten Attentate und die Täter:

Anschläge unter anderem auf das Bataclan in Paris, November 2015

bataclan

130 Menschen starben, Hunderte wurden verletzt. Bis auf zwei Attentäter, die bis heute nicht identifiziert sind, waren alle der Polizei bekannt, alle galten als radikale Islamisten.

Anschlag in Brüssel auf den Flughafen und die Metro, März 2016

Alle drei Attentäter standen auf der Gefährder-Liste der belgischen Behörden. Insgesamt starben 35 Menschen, rund 300 wurden verletzt.

Geiselnahme im französischen Magnanville, Juni 2016

Der Attentäter Larossi Abballa erstach am Abend des 13. Juni mit einem Messer den stellvertretenden Chef der Kriminalpolizei von Les Mureaux vor dessen Haus in Magnanville. Danach nahm er mehrere Geiseln und tötete die Frau des Polizeichefs.

Auch Abballa stand auf einer Gefährderliste.

Anschlag mit einem Lkw in Nizza, Juli 2016

nizza terror

Der Täter Mohamed Bouhlel, der in Nizza den ersten Anschlag in Europa mit einem Fahrzeug verübte, ist in gewisser Weise eine Ausnahme: Er stand auf keiner Terrorliste.

Dennoch war er der Polizei als Krimineller bekannt. Nach der Tat fanden Ermittler heraus, dass er mit mehreren Islamisten in Kontakt stand.

Mord an einem französischen Priester in Saint-Étienne-du-Rouvray, Juli 2016

Adel Kermiche und Malik Petitjan schnitten einem Priester in der Kirche die Kehle durch. Beide standen auf der französischen Gefährderliste, einer der Täter trug sogar eine Fußfessel.

Anschlag auf den Breitscheidplatz in Berlin, Dezember 2016

breitscheidplatz

Der Fall des Attentäters Anis Amri zeigt beispielhaft das Behördenversagen im Umgang mit potenziellen Attentätern. Bis heute ist nicht abschließend geklärt, welche Behörden in Deutschland genau an welcher Stelle versagten.

Wie bei kaum einem anderen Täter waren die Alarmsignale so deutlich: Amri war in Italien wegen Körperverletzung und Brandstiftung zu mehreren Jahren Haft verurteilt worden. Im Gefängnis kündigte er gegenüber anderen Insassen Gewalt gegen Andersgläubige an. Auch deshalb wurde er anschließend vom italienischen Inlandsgeheimdienst überwacht.

Doch auch den deutschen Behörden war bekannt, dass Amri Teil eines Islamistennetzwerks war, das sogar Anschläge besprach. Das Landeskriminalamt in Nordrhein-Westfalen stufte ihn als Gefährder ein.

Anschlag in London, März 2017

Khalid Masood steuerte ein Auto in eine Menschenmenge auf der Westminster Bridge. Der Inlandsgeheimdienst MI5 ermittelte gegen ihn in Bezug auf eine Terrorzelle. Die Ermittlungen wurden aber eingestellt. Masood wurde mehrere Male wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt.

Anschlag mit einem Lastwagen in Stockholm, April 2017

stockholm attack

Der 39-jährige Usbeke Rakhmat Akilow raste mit einem Lkw durch eine große Einkaufsstraße der schwedischen Hauptstadt und tötete dabei vier Menschen.

Der Mann hatte 2014 einen Antrag auf Aufenthaltsrecht in Schweden gestellt. Zwei Jahre später war dieser abgelehnt worden. Der Aufforderung, das Land zu verlassen, war der Mann aber nicht nachgekommen. Er tauchte stattdessen unter.

Dennoch war der Polizei bekannt, dass Akilow Sympathien für den IS hatte.

Schießerei auf dem Champs-Élysées, April 2017

Mitten auf dem Pariser Prachtboulevard Champs-Élysées erschoß Karim Cheurfi mit einer Kalaschnikow einen Polizisten und verletzte zwei weitere Menschen schwer. Der Angreifer wurde von der Polizei erschossen.

Cheurfi war zuvor mehrmals in Haft und auch Teil einer Anti-Terroruntersuchung im März 2017.

Bombenanschlag auf ein Pop-Konzert in Manchester, Mai 2017

Kurz nach einem Konzert von Teenie-Idol Arina Grande sprengte sich Salman Abedi mit einem selbstgebauten Sprengsatz in die Luft. 22 Menschen riss er mit in den Tod.

Abedi war ein Terror-Verdächtiger in Großbritannien, beim MI5 stand er auf der Liste.

Anschlag auf eine Gruppe Polizisten in Paris, Juni 2017

Ein Mann fährt einen mit Sprengstoff beladenen Wagen in eine Gruppe Polizisten. Der Täter war den Behörden seit 2015 als Islamist bekannt.

Anschlag auf der London Bridge und Messerattacke

An einem Samstagabend fuhren Khuram Shazad Butt, Rachid Redouane und Youssef Zaghba mit einem Lieferwagen in eine Gruppe von Fußgängern. Anschließend stürmten die drei in eine nahe Markthalle und stachen wahllos auf Passanten ein. Insgesamt sechs Menschen starben, auch die drei Attentäter kamen ums Leben.

Bis auf Redouane waren die Täter den Behörden bekannt. Zaghba wurde im März 2016 auf dem Flughafen von Bologna festgenommen, als er nur mit einem Hinflug-Ticket in die Türkei fliegen wollte. Als Begründung für seine Reise antwortete er: "Ich will Terrorist werden."

Messerattentat in Hamburg, Juli 2017

hamburg attack

Ahmed A. ging in einen Hamburger Supermarkt, schnappte sich ein Messer und stach auf Kunden ein. Eines der Opfer überlebte den Anschlag nicht. A. wurde von mutigen Passanten gestellt und anschließend von der Polizei verhaftet.

A. galt dem Verfassungsschutz als Islamist, wurde in den Akten als "Verdachtsfall Islamismus” geführt. Zudem empfahl der Verfassungsschutz, ihn wegen seiner Instabilität psychologisch betreuen zu lassen.

Warum fällt es den Behörden so schwer, die Attentate zu verhindern?

Wenn die Täter doch polizeibekannt sind, warum schaffen sie es dann trotzdem Attentate zu begehen?

Der Blogger, Buchautor und Journalist Sascha Lobo betont in seiner Analyse für “Spiegel Online”, dass die Bedrohung des islamistischen Terrorismus "von bekannten und meist einschlägig bekannten Personen" ausgeht.

Er fragt sich deshalb, "welche Warnzeichen in welcher Zahl eigentlich notwendig sind, um wirksame Aktivitäten der Behörden zu veranlassen.”

Aus Sicht von Lobo sind die Fehler und Unzulänglichkeiten entweder bei den Sicherheitsbehörden oder bei der Politik zu suchen. Zugleich seien "grundrechteverletzende Maßnahmen", wie etwa die Vorratsdatenspeicherung und Massenüberwachung, unnötig.

Für eine vollständige Überwachung fehlt das Personal

Stefan Hansen, Leiter der Abteilung Terrorismus- und Radikalisierungsforschung am Institut für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel hat eine einfache wie niederschmetternde Erklärung für die Tatsache, dass Islamisten immer wieder zuschlagen können, obwohl sie den Ermittlern bekannt sind.

“Der Verfassungsschutz kann Extremisten lediglich überwachen. Für eine 24 Stunden-Überwachung aller Extremisten an sieben Tagen die Woche fehlt aber bei Weitem das Personal", sagt Hansen der HuffPost über die Situation in Deutschland.

Doch auch in Frankreich, Großbritannien und Spanien zeigen sich dieselben Probleme.

Experten fordern Fußfesseln

Es müsse daher immer eine Priorisierung anhand konkreter Planungen oder Indizien getroffen werden. Das heißt oft: Erst wenn die Behörden hinter den konkreten Anschlagsplan eines Terroristen kommen, beginnen sie, die Zielperson aktiv zu beschatten.

Und dafür braucht es 20-30 Beamte. Wieso so viele?

“Es werden acht Beamte in einem Team benötigt, die sich an unterschiedlichen Orten platzieren, damit ein Extremist die Überwachung nicht sofort bemerkt”, erklärt Hansen. Wegen der geltenden Arbeitszeitvorgaben brauche es für eine 24-Stunden-Überwachung durchaus drei bis vier dieser 8-Mann-Teams, die sich in Schichten abwechseln.

“Man kann einen Extremisten eben nicht über mehrere Monate hinweg von einer 'Handvoll' Beamten überwachen lassen”, erklärt der Terrorismusexperte.

Fehler sind potenziell tödlich

Eine Maßnahme könnte die Arbeit seiner Meinung nach dennoch erleichtern: Fußfesseln für Extremisten, verbunden mit der Auflage, sich von sensiblen Orten fernzuhalten. Falls der Gefährder gegen diese Auflage verstoßen würde, könnten die Sicherheitsbehörden zugreifen.

Sicher, die Ermittlungsbehörden feiern selbst ohne diese Neuerung immer wieder auch Erfolge. Die spanische Polizei konnte 2008 groß angelegte Anschlagspläne vereiteln.

Im vergangenen Jahr haben die Ermittler mindestens zehn verschiedene Terrorzellen in Spanien entlarvt. In diesem Jahr wurden zwei weitere Netzwerke aufgedeckt, einschließlich einem mit Verbindungen zu anderen IS-Attentätern in Europa.

Dennoch: Jeder Fehler der Ermittlungsbehörden ist potenziell tödlich. Und die Anschläge der vergangenen Jahre beweisen, dass viele von ihnen vermeidbar gewesen wären.

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(jg)

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