Viele Polizisten müssen nebenbei jobben - nun schlagen Gewerkschafter Alarm

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Dein Freund und Keller: Viele Polizisten müssen nebenbei jobben - nun schlagen Gewerkschafter Alarm | MattoMatteo via Getty Images
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  • In vielen deutschen Großstädten machen Polizisten Nebenjobs
  • Anders würden sie nicht über die Runden kommen
  • Jetzt warnen Polizisten und Gewerkschaften vor den gefährlichen Folgen dieser Entwicklung

Tagsüber auf Streife, abends am Filmset.

Das ist nicht das Leben von Toto und Harry, den zwei bekannten TV-Kommissaren. Das ist die Realität für zahlreiche Polizisten.

In Bremen arbeiten 460 (von 2300), in Berlin 1560 (16.400) oder in Nordrhein-Westfalen 5300 (40.000) Polizisten neben bei als Kellner, Fitnesslehrer oder eben als Komparse.

Zwischen 10 bis 20 Prozent der Polizisten gehen einem Neben- oder Minijob nach. In Großstädten wie Berlin oder München ist die Situation besonders angespannt.

"Vor allem der Mittlere Dienst ist betroffen, in den unteren Gehaltsgruppen sind es sogar über 50 Prozent, die nebenbei arbeiten", berichtet Jürgen Ascherl, Stellvertretender Landesvorsitzender der Deutschen Polizei Gewerkschaft in Bayern.

Gegenüber der HuffPost beklagt er, dass selbst viele seiner Kollegen mit der Münchner Ballungsraumzulage in Höhe von 76 Euro nicht über die Runden kämen. "Dieser Betrag ist lächerlich und nur ein Tropfen auf den heißen Stein." Der Polizeihauptkommissar zieht zum Vergleich Erzieher heran. Diese würden in manchen Kommunen Zuschläge von bis zu 300 Euro erhalten.

Die am schlechtesten verdienenden Beamten bekämen in Berlin netto sogar weniger als ein Hartz-IV-Empfänger, beklagte im Frühjahr ein Gewerkschafter.

"Die Welt" rechnete damals vor: Ein 30-jähriger Polizist mit Gehaltsgruppe A4, Stufe 2, der eine nicht berufstätige Frau und zwei Kinder hat, bekommt 22.758,24 Euro netto im Jahr. Würde er Hartz IV beziehen, käme er auf 24.254 Euro jährlich.

Die Ursache der Gehaltsmisere ist die Sparpolitik, die Klaus Wowereit als regierender Bürgermeister 2002 unter der Devise "Sparen bis es quietscht" ausgegeben hat. Zuerst strich der Senat den Polizisten das Weihnachts- und Urlaubsgeld, dann nahm er die Beamten bis 2009 von einer Besoldungserhöhung aus.

Nicht gestattet: Taxifahrer, Türsteher und Security-Mitarbeiter

Die Nebenjobs der Polizisten sind extrem unterschiedlich, wie die "Rheinische Post" für NRW aufgeschlüsselt hat: Vom Hausmeister über Musiker, Stromableser und Imker bis zum Schönheitsberater ist quasi alles vertreten, was der 450-Euro-Markt hergibt.

Etliche sind auch als Lehrer und Hochschuldozent tätig. Außerdem engagieren sich viele ehrenamtlich, sei es in Sportvereinen, der Feuerwehr oder dem Deutschen Roten Kreuz. Erlaubt sind maximal acht Stunden Nebentätigkeit pro Woche.

In NRW wie auch in Berlin und München ist auffällig, dass viele Polizisten nebenbei als Komparsen arbeiten. Womöglich können sie dann gleich ihre Uniform anlassen - denn in vielen Fällen sind diese Rollenspieler in der Polizeiausbildung.

Nur wenige Anträge auf Ausübung einer Nebentätigkeit werden abgelehnt. "Als Nebenjob ist alles erlaubt, was nicht unmittelbarer mit der Polizei verbunden ist. Nicht gestattet sind beispielsweise Taxifahrer, Türsteher oder im Ausschank und im Sicherheitsdienst zu arbeiten", erklärt Ascherl.

Hohe Besoldungsunterschiede für die gleichen Dienstgrade

Doch einige Polizisten sehen die Nebentätigkeiten kritisch. Einerseits würden sich die Beamten über "Millionen von Überstunden" beklagen, "auf der anderen Seite aber offenbar noch Zeit finden, anderen Tätigkeiten nachzugehen", kritisierte ein Polizeihauptkommissar gegenüber der "Rheinischen Post".

Auch Rainer Wendt, Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, erklärt, dass es "schwierig sein kann", eine Nebentätigkeit mit dem Polizeidienst zu vereinbaren.

"Deswegen muss in jedem Fall sorgfältig geprüft werden, ob ein Nebenjob genehmigungsfähig ist." Es sei ein Unterschied, sagt Wendt der HuffPost, "ob jemand zwei Stunden morgens im Café Frühstück serviert oder um drei Uhr nachts Cocktails mixt." In jedem Fall steigt aber die Arbeitsbelastung und der Stress für die Beamten.

Doch insbesondere in den großen Städten - zumal im teuren München - sind die Polizisten auf den Zusatzerwerb angewiesen. Vor allem bei jungen Beamten mit Familie reicht das normale Gehalt nicht aus.

"Bei gleichem Dienstgrad gibt es in Deutschland mehrere hundert Euro Besoldungsunterschiede, besonders für Polizisten in Großstädten macht dieses Geld natürlich sehr viel aus", betont Wendt. Folglich wird es auch immer schwerer, Nachwuchs in die Städte zu locken und dort auch zu halten. Hinzu kommt, dass dort in der Regel auch die Kriminalitätsrate höher ist.

Zum Hintergrund: Die Hälfte der Beamten aus dem mittleren Dienst, die am meisten nebenbei jobben, verdient etwa 2700 Euro brutto im Monat.

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"In München brauchen wir 500 Euro mehr"

Die Zahl der Nebentätigkeiten steige seit Jahren "gering, aber kontinuierlich", sagte Polizeisprecher Michael Riehlein der Münchner "Abendzeitung". In Berlin ist die Zahl der Nebenjobber von März bis Juli drastisch gestiegen.

"In München brauchen wir 500 Euro mehr, dann muss auch kein Polizist mehr nebenbei arbeiten", fordert deshalb Polizeigewerkschafter Ascherl. Er selbst jobbte fast acht Jahre lang als Lkw-Fahrer.

Sein Lösungsvorschlag: "Man müsste aus unterschiedlichen Parametern passende Zuschläge für den jeweiligen Dienstort berechnen. In den 1970er Jahren hat es sowas schon gegeben."

Doch die Gewerkschaften schafften das ab. "Damit alle das gleiche verdienen", so Ascherl.

Gut für die Beamten auf dem Land, schlecht für die Städter.

Deshalb wird aus dem Freund und Helfer wohl auch künftig noch der Freund und Kellner.

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(ben)

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