Dänische Kinder schreien weniger - Forscher glauben nun zu wissen, woran das liegt

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Dänische Kinder schreien weniger als Babys in anderen Ländern - worum ist das so? | iStock
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  • Laut einer Studie schreien dänische Babys weniger als Kinder in anderen Ländern
  • Was also machen die Eltern dort anders?
  • Psychologen haben da gleich mehrere Erklärungen

Babys schreien. Das ist von der Natur so vorgesehen. Es ist in den ersten Monaten ihres Lebens das einzige Mittel, um die Eltern auf ihre Bedürfnisse aufmerksam zu machen: dass sie müde sind, Hunger haben oder die Nähe der Mutter brauchen.

Doch alle Eltern kennen das: Immer mal wieder lassen sich die Kleinen kaum beruhigen.

Es scheint aber ein Volk zu geben, das diese Kunst deutlich besser beherrscht als der Rest der Welt. Das zumindest legt eine Studie nahe, die in dem renommierten Fachmagazin “Journal of Pediatrics” erschienen ist.

Es gibt mehrere Erklärungen für das Ergebnis

Der Psychologe Dieter Wolke von der britischen University of Warwick und seine Kollegen haben dafür die Aussagen von Eltern aus 28 weltweit erschienenen Studien analysiert.

Die Wissenschaftler sammelten auf diese Weise Daten über 8690 Babys aus der ganzen Welt. Ihre Kernfrage: Wie viel haben die Kinder in den ersten drei Monaten nach der Geburt geweint und geschrieen?

Das Ergebnis: Dänische Babys schreien im Durchschnitt deutlich weniger als Kinder aus anderen Ländern.

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Wie so oft bei Studienergebnissen ist es auch hier schwierig, die genaue Ursache festzumachen. Wolke und seine Kollegen liefern im “Journal of Pediatrics” aber einige spannende Erklärungsansätze.

So gehen sie zum Beispiel davon aus, dass wirtschaftliche Faktoren eine Rolle spielen könnten. So herrsche in Dänemark etwa weniger soziale Ungleichheit als in den anderen untersuchten Ländern, schreiben sie in der Studie.

Wirtschaftliche und genetische Faktoren können eine Rolle spielen

Was sie damit offenbar meinen: Je stärker eine Familie finanziell abgesichert ist, desto stärker können sich die Eltern auf das Wohlbefinden des Kindes konzentrieren.

Man müsse zudem untersuchen, inwieweit genetische Faktoren das Ergebnis der Studie beeinflusst haben könnten, schreiben die Psychologen weiter. Dieser Punkt zielt darauf ab, dass Dänen ihren Kindern ein Temperament vererben, das tendenziell etwas ruhiger ist als das von Menschen in den meisten anderen Ländern.

Um genauere Aussagen zu den Gründen treffen und damit Strategien zur Beruhigung von Babys liefern zu können, seien aber weitere Analysen notwendig, betonen die Forscher.

Dänemark hat ein gutes Elternzeit-Modell

Auch andere Experten haben Theorien über die ruhigeren dänischen Babys: So glaubt etwa Jessica Joelle Alexander, Autorin des Buchs “The Danish Way of Parenting”, dass sich der Mutterschutz in Dänemark positiv auf die Kleinen auswirke.

“Ich bin nicht überrascht”, sagte sie dem britischen “Guardian” mit Blick auf die Studienergebnisse. “Das erste Jahr im Leben eines Babys wird in Dänemark als besonders wichtig erachtet. Das ist in anderen Ländern nicht so.”

Zwölf Monate Elternzeit Elternzeit stehen den Eltern dort zu. 32 der 52 Wochen können sich Vater und Mutter teilen. 18 Wochen sind für die Mutter reserviert, zwei Wochen gibt es speziell für die Väter.

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Dänische Eltern seien weit weniger gestresst, weil das System der Elternzeit für Mütter und Väter so gut sei, glaubt Autorin Alexander. Sie ist selbst Amerikanerin, hat ihre Kinder aber in der dänischen Stadt Odense großgezogen.

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“Wenn Mütter längere Zeit frei haben, bedeutet das automatisch weniger Belastung, mehr Kontakt zu dem Baby, gesunde Routinen und weniger Schreien.”

Das würde auch erklären, warum Deutschland in der Studie ebenfalls sehr gut abgeschnitten hat. Hier gibt es bekanntlich sogar 14 Monate Elternzeit, die sich Vater und Mutter frei einteilen können.

Die Quote der stillenden Frauen ist hoch

Die Erziehungsexpertin hat aber noch eine weitere Erklärung: Stillen. “In Dänemark macht das praktisch jede Frau”, sagte Alexander dem “Guardian”.

In der Tat belegt das Land im weltweiten Vergleich seit Langem einen der ersten Plätze. “In anderen Ländern gibt es ständig Diskussionen darüber, ob man stillen sollte oder nicht. In Dänemark ist Stillen nie aus der Mode gekommen. Und jede Frau tut es ein Jahr lang.”

Auch diese These ergibt Sinn. Denn: Laut einer Erhebung von 2016 hat Großbritannien die weltweit niedrigste Quote an Frauen, die stillen - und belegt in der Studie zum Schreien den letzten Platz.

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Für Iben Dissing Sandahl, Coautorin von “The Danish Way of Parenting”, liegt eine weitere Erklärung schlicht in der Lebensweise und dem Erziehungsstil der Dänen. “Wir sind ein ehrliches und authentisches Volk”, sagte sie dem “Guardian”. “Wir sind umgeben von einem System sozialer Unterstützung und werden nicht so schnell wütend, traurig oder frustriert, wenn unsere Babys schreien.”

Babys verstehen und mit ihnen kommunizieren

Anstatt nervös zu werden, versuchten dänische Eltern, mit ihren Kindern in Kontakt zu treten, erklärt sie.

Das heißt: Wenn dänische Babys schreien, sind die Eltern vielleicht mehr in der Lage, das zu akzeptieren als in anderen Ländern.

“Es geht darum, wie Babys kommunizieren und darum, sie zu verstehen”, sagt Sandahl. “Was will das Baby uns als Eltern sagen, wenn es schreit?”

"Wir können viel lernen, wenn wir uns Kulturen anschauen, in denen die Babys weniger schreien", glaubt auch Psychologe Wolke. "Wir müssen verstehen, ob das am Erziehungsstil liegt oder genetische Gründe hat", sagte er dem britischen "Telegraph".

Dänen gehören zu den glücklichsten Menschen der Welt

Glaubt man den beiden Autorinnen von "The Danish Way of Parenting", lässt sich all das in relativ einfachen Worten zusammenfassen: Der Schlüssel zu weniger Schreien ist Verständnis und eine entspannte Einstellung zur Erziehung. So sind die Babys selbst auch zufriedener.

Dieser Ansicht ist auch der bekannte Familientherapeut - und Däne - Jesper Juul. Er propagiert seit vielen Jahren schon einen entspannten Erziehungsstil und hat zu dem Thema schon mehrere Bücher geschrieben.

"Das Wichtigste ist, denke ich, offen zu sein und zu sagen: 'Ich mache das Beste, was ich kann bzw. was ich weiß'", schreibt Juul in seinem Buch "Liebende bleiben", aus dem die HuffPost einen Auszug als Gastbeitrag veröffentlicht hat.

"Und dann schaue ich mein Kind an, und dann erlebe ich, war dies oder jenes okay oder war es nicht okay."

Dass aus dänischen Babys auch glücklichere Kinder und Erwachsene werden, zeigen Studien zum weltweiten Wohlbefinden ebenfalls immer wieder.

Im World Happiness Report belegten die Dänen 2016 wieder den ersten Platz.

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(sma)

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