Es gibt eine neue Form der sexuellen Belästigung - und kaum eine Frau erstattet Anzeige

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  • Es gibt eine neue perfide Form der sexuellen Belästigung in der Öffentlichkeit
  • Sie geschieht übers iPhone
  • Die Polizei ist machtlos - vor allem, weil die Frauen die Übergriffe nicht zur Anzeige bringen

Die Frauen berichten alle Dasselbe. Sie stehen in der U-Bahn, ihr Handy vibriert und wenn sie auf den Bildschirm schauen, wird ihnen angezeigt, dass jemand ihnen Bilder zukommen lassen möchte.

Es sind anstößige, meist sexuell explizite Fotos, die ein Fremder ihnen unaufgefordert aufs Smartphone schickt.

Diese neue perfide Form der sexuellen Belästigung geschieht über das AirDrop, eine Funktion, mit dem jedes iPhone standardmäßig ausgestattet ist.

Berichte über Fälle haben stark zugenommen

Über die von Apple entwickelte Funktion lassen sich Fotos, Videos und Dokumente über eine WLAN-Verbindung und Bluetooth direkt von einem iPhone zum nächsten schicken. Eine Erlaubnis des Empfängers braucht es dafür nicht. Er muss die Daten lediglich annehmen, damit sie auf seinem Gerät gespeichert werden können.

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Auch eine HuffPost-Journalistin wurde Opfer von Cyber-Flashing; Credit: HuffPost UK

Angezeigt wird das gesendete Foto aber im Sperrbildschirm trotzdem, noch bevor der Empfänger bzw. in dem Fall primär die Empfängerin es annehmen oder ablehnen konnte.

Damit eine Übertragung zustande kommt, müssen beide Smartphone-Nutzer lediglich WLAN und Bluetooth aktiviert haben und sich nicht weiter als etwa zehn Meter voneinander entfernt am selben Ort aufhalten.

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Die Standardeinstellung bei AirDrop auf dem iPhone ist zwar so gewählt, dass nur Kontakte aus dem eigenen Telefonbuch dem Nutzer Daten schicken können. Doch sobald die Einstellung geändert wird, kann jeder ungefragt Daten übermitteln.

Eine Reporterin der HuffPost UK gehört zu den Opfern

Vor allem in den USA und in Großbritannien haben in den vergangenen Wochen Berichte über das sogenannte Cyber-Flashing stark zugenommen.

Zu den Betroffenen gehört auch Sophie Gallagher, Journalistin bei der britischen HuffPost. Als sie mit der Londoner U-Bahn unterwegs war, schickte ihr ein Fremder über hundert sexuell anstößige Bilder via AirDrop. Er nutzte dazu das öffentliche WLAN in der U-Bahn.

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Der Täter schickte der HuffPost-Reporterin Bilder aufs iPhone; Credit: HuffPost UK

Erst einen Tag zuvor hatte die US-Zeitung “New York Post” über die steigende Zahl von Opfern auch in der Stadt an der amerikanischen Ostküste berichtet.

Die HuffPost meldete den Übergriff der British Transport Police (BTP). Dort hieß es, bisher sei kein Anstieg derartiger Übergriffe zu beobachten. Merkwürdig, wenn man bedenkt, dass immer mehr Frauen von Cyber-Flashing-Erlebnisse erzählen.

Viele Frauen berichten von ähnlichen Erlebnissen

Die Kollegin von der britischen HuffPost berichtet, innerhalb weniger Minuten, nachdem sie ihren eigenen Fall öffentlich gemacht habe, hätten sich zahlreiche Frauen über Social Media gemeldet und ähnliche Erfahrungen mit ihr geteilt.

Die meisten von ihnen gaben an, die Vorfälle nicht der Polizei gemeldet zu haben.

Die 25-jährige Londonerin Rehema Figueiredo wurde nur 48 Stunden vor der HuffPost-Reporterin Opfer sexueller Belästigung in der U-Bahn. Sie erhielt 129 Fotos aufs Handy. “Ich fand es gruselig und fühlte mich am Bahnsteig und dann auch in der Bahn die ganze Zeit unwohl”, sagte sie der HuffPost UK.

“Ich versuchte herauszufinden, wer es gewesen sein könnte, aber alle hatten ihr Handy in der Hand.”

"Ich hatte Angst, dass die Polizei mich nicht ernst nimmt"

Der Grund, warum sie nicht zur Polizei ging: “Ich war mir nicht sicher, ob es eine Anzeige wert war und hatte Angst, dass sie mich nicht ernst nehmen. Ich habe schon schlimmere Sachen der Polizei gemeldet und es ist auch nichts dabei rausgekommen.”

Eine andere Londonerin, Gail Watt, wurde schon zwei Mal Opfer von Cyber-Flashing. Auch sie meldete die Übergriffe nicht.

“Das erste Mal war es nur ein Bild und ich war total geschockt”, sagte sie der HuffPost UK. “Ich glaube, es war das erste Mal überhaupt, dass ich etwas über AirDrop geschickt bekam. Eine Freundin hatte die Funktion an meinem Handy angestellt, um mir etwas zuzusenden und ich hatte sie danach nicht mehr ausgeschaltet.”

Beim zweiten Mal habe sie ein Penis-Foto zugeschickt bekommen. Als sie es ablehnte, habe der Absender es erneut gesendet. Inzwischen schaltet die 37-Jährige AirDrop immer aus, wenn sie nicht gerade Daten mit jemandem teilen möchte.

Polizei verspricht Aufklärung, ist derzeit aber machtlos

Die Polizei ermutigt die Opfer nun dazu, Anzeige zu erstatten. Von Seiten der BTP teilte man gegenüber der HuffPost UK mit, man sei sich des Problems “bewusst”, könne sich aber erst ein Bild der Lage machen, wenn die Frauen anfingen, die Vorfälle zu melden.

Man wolle zum jetzigen Zeitpunkt “keine Panik verbreiten”, damit Passagiere das WLAN in der U-Bahn weiterhin ohne Angst nutzen.

Es wird deutlich: Die Polizei ist machtlos. Denn selbst wenn ein Vorfall der Polizei gemeldet wird, mitsamt Screenshot von dem betreffenden Foto, wie die BTP empfiehlt - wie soll sich der Täter zurückverfolgen lassen, wenn er nicht gerade so dumm ist, bei AirDrop seinen vollständigen Namen anzeigen zu lassen?

Hauptkommissarin Kate Forsyth vom BTP ist dennoch zuversichtlich, dass die Beamten eine Chance gegen die Täter haben. “Sie mögen denken, dass sie sich hinter moderner Technologie verstecken können”, sagte sie der HuffPost. “Doch sie hinterlassen einen digitalen Fußabdruck. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie gefasst werden und im Verzeichnis der Sexualstraftäter landen, ist ziemlich hoch.”

Die BTP habe eine Abteilung für Cyber Crime, die Smartphones analysieren und Daten zurückverfolgen könne. “Aufnahmen der Überwachungskameras und Zeugenaussagen können uns dabei helfen, den Täter ausfindig zu machen und sie vor Gericht zu stellen”, sagte Forsyth.

AirDrop-Einstellungen überprüfen

Bleibt nur zu hoffen, dass sie diese Versprechungen nicht zu vorschnell gemacht hat.

In Deutschland sind noch keine Fälle von Cyber-Flashing bekannt geworden. Das heißt jedoch nicht, dass es sie nicht auch hier schon gibt. Und selbst wenn nicht - angesichts der steigenden Anzahl von Opfern in den Hauptstädten von USA und Großbritannien scheint es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch die deutsche Polizei damit zu tun haben wird.

Fürs Erste bleibt nur die Empfehlung: Wenn ihr in New York oder London seid, checkt lieber eure AirDrop-Einstellungen, wenn ihr keine böse Überraschung erleben wollt.

Wie ihr zu denn Einstellungen gelangt, seht ihr hier:

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(cho)

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