In Südkoreas Hauptstadt Seoul gibt es über 3200 Bunker - die wenigsten Einwohner wissen, wo sie liegen

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A relief goods storage is seen inside a subway station which is used as a shelter for emergency situation in Seoul, South Korea, August 11, 2017. REUTERS/Kim Hong-Ji TPX IMAGES OF THE DAY | Kim Hong-Ji / Reuters
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  • Über 3200 Luftschutzbunker gibt es in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul
  • Doch viele Menschen wissen nicht einmal, wo sich die Bunker befinden

Sie hängen an den Eingangstüren von tausenden Bürokomplexen, Wohnblöcken und U-Bahn-Stationen in Seoul ― schlichte aber dafür leuchtend rote Hinweisschilder mit der Aufschrift “Luftschutzbunker” auf Koreanisch, Chinesisch und Englisch.

Die Schilder sollen den Einwohnern den Weg zu einem der 3200 Luftschutzbunker der südkoreanischen Hauptstadt weisen, falls der Nachbar Nordkorea konventionelle Bomben schickt.

Der Konflikt zwischen Nord- und Südkorea dauert bereits seit mehreren Jahrzehnten an. Die Drohgebärden des kommunistischen Regimes sind so für die Bewohner der südkoreanischen Hauptstadt zur Normalität geworden.

Viele Evakuierungszentren geraten so etwas in Vergessenheit. Nach Aussage von Behördensprechern der Stadt wissen 74 Prozent der Einwohner Seouls nicht einmal, wo sich das nächstgelegene Zentrum befindet.

Viele Büroangestellte haben keine Ahnung, was die Schilder bedeuten oder dass ihre eigenen Gebäude in der umfassenden Datenbank der Regierung als Evakuierungsstationen gelistet sind.

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Seoul gilt als erstes Angriffsziel

Analysten sind sich einig, dass Seoul bei einem Konflikt mit Pjöngjang zu den ersten und angreifbarsten Zielen gehören würde. Es ist davon auszugehen, dass Nordkorea mehrere tausend konventionelle Waffen wie Kanonen und Raketenwerfer besitzt.

Die Waffen sind in den Bergen nördlich der demilitarisierten Zone versteckt. Sie könnten bis zu 59 Kilometer ins Landesinnere von Südkorea abgeschossen werden und dadurch einen Großteil Seouls und seiner 10 Millionen Einwohner erreichen.

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Nordkoreas Staatschef Kim Jong-un und US-Präsident Donald Trump hatten sich vergangene Woche einen zunehmend schärfer werdenden verbalen Schlagabtausch geliefert.

Trump hatte mit “Feuer und Zorn” gedroht, sollte Kim das rasant fortschreitende Atomwaffenprogramm seines Landes fortführen. Nordkorea schoss verbal zurück, bevor Trump verkündete, dass seine früheren Aussagen möglicherweise nicht “scharf genug” gewesen seien.

Beamte müssen Bürgern den Weg weisen

Kim Sung-min, ein Beamter im Gremium für Zivilschutz der Stadtregierung von Seoul, sagte, dass die Stadt derzeit über 3257 Luftschutzbunker verfüge. Er fügt hinzu, dass diese Bunker lediglich für Angriffe mit konventionellen Waffen ausgerichtet seien - und nicht auf atomare oder chemische Angriffe.

Außerdem wird der Begriff “Luftschutzbunker” sehr weitläufig verwendet. Damit kann auch ein Parkhaus, ein Bahnsteig oder ein Lagerraum gemeint sein, so lange der Raum unterirdisch ist und mindestens 92 Quadratmeter umfasst.

Neben den Schildern seien auch die Angestellten der Stadtregierung angewiesen, den Menschen im Falle eines Angriffs den Weg zu den Luftschutzbunkern zu weisen, sagte Kim.

Die Menschen Seouls sind genervt

Dieses System soll am 23. August im Rahmen einer landesweiten Notfallübung getestet werden. Da viele Luftschutzbunker in Seoul jedoch unterhalb von Privatgebäuden liegen, empfinden die Bewohner solche Maßnahmen oft als lästig und anstrengend.

“Da die Übung bei Privatgebäuden nicht vorgeschrieben ist und die Bewohner sich belästigt fühlen, wenn wir den Alarm starten, versuchen wir uns möglichst kurz zu halten”, sagte Park Jong-sun, Mitglied eines Gremiums für teilweise bewohnte Gebäude. “Wenn es eine Strafe für die nicht-ordnungsgemäße Durchführung gäbe, würden wir uns ja an die Vorschrift halten, doch es gibt keine gesetzliche Regelung dafür.”

Ahn Jong-min, Verwaltungsbeamter beim Gemeindezentrum von Seouls Viertel Ahyeon sagte, dass die Behörden im Falle eines nordkoreanischen Angriffs “nicht viel” tun könnten, außer den Menschen dabei zu helfen, sich vorzubereiten.

“Falls ein Krieg ausbrechen sollte, würde das koreanische Militär die Kontrolle übernehmen und die Situation regeln”, sagte Ahn. “Mit anderen Worten, wir haben keinen militärischen Handlungsplan für einen potenziellen Krieg. Das wird von der jeweiligen Situation abhängen.”

Er fügte hinzu: “Wir sind auf Flutkatastrophen und auf Brandschäden vorbereitet, doch ich glaube, dass ein Krieg eine völlig andere Situation ist."

Er betonte, dass die Stadtregierung von Seoul eine ausführliche Website besitzt, auf der man Sicherheitsrichtlinien sowie eine App findet, die die Einwohner zum nächstgelegenen Luftschutzbunker lotst.

Auf die Frage, ob sich in letzter Zeit denn überhaupt jemand nach dem nächstgelegenen Luftschutzbunker oder nach Notfall-Maßnahmen erkundigt hätte, antwortete Ahn: Ihn habe niemand danach gefragt.

Politik und Medien versuchen, Wissen zu verbreiten

Bei den Bürgern herrscht offenbar viel Unwissen über die Bunker vor. Dagegen scheinen Regierungsmitglieder und lokale Medien in letzter Zeit dem Thema mehr Beachtung zukommen zu lassen - um die Bürger auf mögliche Angriffe aus dem Norden vorzubereiten.

Die konservative Tageszeitung "Chosun Ilbo", Südkoreas größte Zeitung, brachte am Montagmorgen eine Titelgeschichte zur Aufklärung über Luftschutzbunker heraus. In dem Bericht wurden die Bürger dazu aufgefordert, sich im Falle eines Katastrophenalarms innerhalb von maximal fünf Minuten in einen Bunker zu begeben.

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“Wenn Nordkorea Raketen oder Kanonen abfeuert, dauert es zwei bis sechs Minuten, bis die Geschosse Seoul erreichen, und deshalb sollten wir uns innerhalb von fünf Minuten nach einem ausgelösten Luftalarm in Sicherheit bringen”, sagte ein Beamter der Alarm-Kontrollstation des gegenüber "Chosun Ilbo".

Wie Reuters im Juli berichtete, wurden in Seoul bereits 34.000 Zettel zu Luftschutzbunkern verteilt. "Chosun Ilbo" meldete am Montag, dass in den kommenden Wochen 300.000 Handzettel mit ähnlichen Informationen verteilt werden sollen.

“Wir tun alles, um diese Informationen über verschiedene Kanäle zu verbreiten, weil wir sichergehen wollen, dass die Bevölkerung genau weiß, wie sie sich in einer derartigen Situation verhalten soll”, sagte Kim, der Beamte des Gremiums für Zivilschutz.

Die Bewohner haben keine Angst

Doch obwohl der verbale Konflikt immer weiter eskaliert, scheinen viele Einwohner Seouls einfach nicht daran zu glauben, dass Nordkorea tatsächlich einen direkten Angriff starten wird.

“Ich mache mir keine Sorgen wegen Nordkorea. Überhaupt nicht”, sagte Frank Scott, ein 67-jähriger Amerikaner, der als Rentner in Seoul wohnt, am Sonntag. “Das Land lebt schon seit 70 Jahren mit diesen Drohungen und kriegstreiberischen Aussagen. Es wird nichts passieren.”

Mehr zum Thema: Die USA und Nordkorea drohen sich mit Krieg - doch in Südkorea bleiben die Menschen gelassen

Julie Yoon und Wan Heo von der HuffPost Korea haben an diesem Artikel mitgewirkt.

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei der HuffPost USA und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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