5 Gründe, warum derzeit weniger Flüchtlinge das Mittelmeer überqueren

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5 Gründe, warum derzeit weniger Flüchtlinge das Mittelmeer überqueren | Getty
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  • In den letzten Wochen sind die Flüchtlingszahlen über das Mittelmeer drastisch zurückgegangen
  • Die rechtsradikale Identitäre Bewegung und ihre "Defend Europe"-Mission beansprucht diesen Umstand als Erfolg für sich
  • Doch das ist falsch - hier sind die fünf Gründe, warum tatsächlich weniger Menschen über das Meer kamen

Die Rechten feiern, "Defend Europe" reklamiert einen Sieg für sich.

In der vergangenen Woche haben drei NGOs ihre Rettungsmissionen im Mittelmeer abgebrochen. Zugleich ist die Anzahl der Menschen, die in den ersten 10 August-Tagen von Libyen nach Italien übergesetzt sind, um 76 Prozent gefallen.

Aus Sicht der rechtsradikalen Identitären Bewegung, die hinter "Defend Europe" steht, "sieht die Situation im Mittelmeer wie eine Art Wendepunkt aus", wie ein Sprecher der britischen Ausgabe der HuffPost mitteilte.

Auch Nigel Farage, ein bekannter britischer Rechtspopulist, sieht in der Präsenz der Identitären den Grund für den Rückgang.

Mehr zum Thema: Die rechtsextremen Identitären wollen im Mittelmeer Flüchtlinge stoppen – so geht es auf ihrem Schiff zu

Doch welche Rolle spielt die Gruppe tatsächlich?

Anders als die Bewegung behaupten mag, nahezu keine.

Denn die Anzahl der Menschen, die von Afrika nach Europa flüchten, sinkt bereits seit Monaten. So fiel die Zahl bereits im Juli im Vergleich zum Juni um 57 Prozent - zu der Zeit der niedrigste Stand seit 2014.

Das sind die tatsächlichen Gründe für den Rückgang der Flüchtlingszahlen:

1. Die italienische Marine

Am 2. August hat Italien eine Seemission begonnen, bei der sie die libysche Küstenwache unterstützt, die Migranten von einer Überfahrt abzuhalten.

Allein am ersten Wochenende der Operation wurden laut der International Organisation for Migration 1124 Menschen abgefangen und zurück nach Libyen gebracht.

Allerdings weisen Hilfsorganisationen darauf hin, dass der scheinbare Rückgang ein weit größeres Problem schafft.

So erklärte Marcella Kraay, Projektkoordinatorin an Bord des Rettungsschiffes Aquarius von Ärzte ohne Grenzen, der HuffPost: "Das mag sich wie eine Lösung des Problems (für Menschenschmuggel, Anm. d. Red.) anhören, aber eigentlich ist es eher ein Fall von 'Aus den Augen, aus dem Sinn'."

Denn sobald die Flüchtlinge zurück in Libyen sind, sehen sich diese mit einer Vielzahl von Misshandlungen konfrontiert, darunter willkürliche Verhaftungen, Folter, Zwangsprostitution oder Erpressung.

Das zeigt der Fall des 34-jährigen Joseph. "Die Libyer behandeln uns wie ihre Sklaven", erklärte der Nigerianer gegenüber der HuffPost. "Sie schlagen uns mit ihren Gewehrkolben oder Holzstöcken. In meiner Gegenwart töteten sie 19 Menschen."

An Bord der Aquarius betont er: "Wenn sie dich kidnappen, fordern sie dich auf, bei deiner Familie nach Geld zu fragen. Wenn du kein Geld von deiner Familie geschickt bekommst, werfen sie dich für vier Monate in den Knast." Die libyschen Sicherheitskräfte würden zuerst ins Bein schießen, "wenn du dann nicht zahlst, töten sie dich".

Die Zusammenarbeit zwischen den italienischen Behörden und der libyschen Küstenwache zur Abschreckung von Migranten wurde bereits 2009 mit dem Vertrag über Freundschaft, Partnerschaft und Zusammenarbeit festgehalten.

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2. Die libysche Küstenwache

Wie bereits erwähnt, hat die erhöhte Präsenz der libyschen Küstenwache zu mehr abgefangenen Migranten geführt, sowie die Anzahl von Schlepperbooten verringert.

Darüber hinaus ist Libyen in den vergangenen Tagen teils aggressiv gegen Schiffe von Rettungs-NGOs vorgegangen. Auch deshalb haben die Hilfsorganisationen ihre Missionen abgebrochen.

Denn einseitig hat das nordafrikanische Land seine Hoheitsgewässer von den üblichen 12 auf 70 Seemeilen ausgedehnt - ein Bereich, der im Allgemeinen als internationales Gewässer angesehen wird. Doch dort ging die Küstenwache jüngst gegen NGOs vor.

So feuerte am 8. August ein Boot der libyschen Küstenwache auf ein Schiff, das von Proactiva Open Arms betrieben wird.

Ein ähnlicher Vorfall wiederholte sich am Dienstag.

Die italienischen Behörden haben bisher die Bedrohungen nicht verurteilt.

Save the Children zog Konsequenzen. Weil die Organisation die Sicherheit ihres Team nicht mehr gewährleisten konnte, beendete sie vorerst ihre Rettungsmission.

3. Die italienische Regierung

NGOs und die italienische Regierung streiten sich seit Monaten über einen neuen Verhaltenskodex für Rettungseinsätze. Ende Juni erwogen die Behörden sogar, die Schiffe der Hilfsorganisationen davon abzuhalten, in Italien an Land zu gehen.

Dies führte dazu, dass die Europäische Kommission Rom am 4. Juli dazu drängte, eine eigene Version in Absprache mit den NGOs zu erarbeiten.

Zur Erinnerung: Das war drei Tage bevor das Schiff der Identitären, die C-Star, ihre Reise von Dschibuti im Osten Afrikas in das Mittelmeer begann - und einen Monat, bevor sie die Rettungszone nördlich von Libyen überhaupt erreichte.

Die neue Version des Verhaltenskodex' enthält eine Reihe von Hürden. In erster Linie eine Regel, die NGOs dazu zwingt, bewaffnete Polizisten an Bord zu nehmen. Aus Sicht der Retter würde das deren Neutralität verletzen und die in Seenot geratenen Flüchtlinge weiter belasten.

Gegenwärtig haben nur fünf der aktuell acht im Mittelmeer operierenden Organisationen den Verhaltenskodex unterschrieben, nur drei Boote sind gegenwärtig überhaupt auf See.

Die Folge: Je weniger Rettungsschiffe unterwegs sind, desto mehr Flüchtlinge sterben bei der gefährlichen Überfahrt oder versuchen, zurück nach Libyen zu kommen.

Und auch die Risiken zuvor sind für die Migranten groß:

“Die, die überhaupt das Meer erreichen, machen nur einen geringen Anteil derer aus, die tatsächlich ihr Zuhause verlassen", erläutert die ehemalige Mitarbeiterin von Ärzte ohne Grenzen, Giorgia Linardi, der HuffPost.

"Einige sind in Libyen gefangen, andere sterben auf der langen Reise - sehr viele Menschen verdursten beispielsweise in der Wüste. Diese ist einer der gefährlichsten Teile ihrer Flucht."

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4. Sabratha

Die libysche Stadt Sabratha im Nordosten des Landes ist einer der zentralen Punkte, von dem die Flüchtlinge zur ihrer Überfahrt aufbrechen.

Vor dem Sturz von Muammar al-Gaddafi war der Ort ein populäres Touristenziel. Nun ist Sabratha einer der Hotspots, an dem sich die rivalisierenden Regierungen bekämpfen - derzeit gibt es in Libyen zwei Parlamente und drei Regierungen.

Folglich ist diese langjährig bewährte Flüchtlingsroute aktuell aufgrund der Konflikte mindestens zeitweise unterbrochen.

5. Das Wetter

Die Europäische Agentur für die Grenz- und Küstenwache, kurz Frontex, nennt das Wetter als einer der Schlüsselfaktoren, der die Flucht über das Mittelmeer begrenzt.

"Wir wissen, dass das Wetter einer der Kriterien ist, die beeinflussen, ob kleine Boote die Küste Libyens verlassen", sagt Marcella Kraay.

"Wenn es Wind aus Norden gibt und hohe Wellen an die Küste schlagen, erschwert das das Ablegen kleiner Boote. Auch bei Vollmond wird die Flucht bei Dunkelheit schwieriger."

Der Beitrag erschien zuerst bei der HuffPost UK und wurde von Marco Fieber übersetzt und bearbeitet

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