Wir Deutschen mögen es langweilig - und deshalb hat Merkel mit uns leichtes Spiel

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MERKEL YAWN
Wir Deutschen mögen es langweilig - und deshalb hat Merkel mit uns leichtes Spiel | Kai Pfaffenbach / Reuters
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  • Die Weltgemeinschaft steht vor riesigen Aufgaben, viele Konflikte drohen heiß zu werden
  • Doch in Deutschland schläft die politische Debatte ein
  • Davon profitiert vor allem Angela Merkel

Mal so in die Runde gefragt: Könnte es sein, dass wir Deutschen den Weltuntergang zehn Minuten zu spät bemerken würden, weil wir viel zu sehr mit uns selbst beschäftigt sind?

Die USA erleben gerade die größte innenpolitische Zerreißprobe seit dem amerikanischen Bürgerkrieg von 1861. Auf der einen Seite steht das liberale, weltoffene Amerika. Auf der anderen Seite ein harter Kern von etwa 30 bis 35 Prozent der Bevölkerung, die sich als Teil einer rechtsradikalen Erneuerungsbewegung verstehen und ihrem egomanischen Anführer im Weißen Haus trotz aller Skandale die Treue halten.

Gut ein Viertel der Amerikaner würde sogar die Aussetzung der nächsten Präsidentschaftswahl akzeptieren, damit Donald Trump im Amt bleiben kann. Ein Viertel der erwachsenen Amerikaner: Das sind etwa 70 Millionen Menschen, die sich geistig in den Faschismus verabschiedet haben.

In Nordkorea hat das menschenverachtende Kim-Regime in rekordverdächtiger Zeit (mit Hilfe von außen?) eine Interkontinentalrakete entwickelt, die mittlerweile wohl auch mit Atomsprengköpfen bestückt werden kann. Die Kims haben schon durch hunderttausendfachen Massenmord im eigenen Land bewiesen, dass ihnen Menschenleben nichts wert sind.

Das ist Stoff, aus dem Albträume sind

Eine auf der halben Welt einsetzbare Atomwaffe in der Hand von skrupellosen Steinzeit-Stalinisten – das ist der Stoff, aus dem normalerweise Albträume gemacht sind.

Donald Trump droht Nordkorea in der ihm eigenen Sprache eines lernbehinderten Schulhofschlägers mit "Feuer“. Kim Jong-Un lässt verlautbaren, dass sein Land derweil prüfe, die Sandstrände der zu Amerika gehörigen Insel Guam in eine gigantische Glaswüste zu verwandeln.

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Und weil Donald Trump gerade in Fahrt ist, droht er auch Venezuela mit Krieg.

Jakob Augstein schreibt dazu auf "Spiegel Online“: Die Welt dreht ja gerade durch, und Donald Trump ist ihr Präsident. Dies ist das Zeitalter der Auflösung. Man kann zusehen, wie das Gewebe der Nachkriegsordnung mit wachsender Geschwindigkeit aufribbelt. So ist das, wenn ein Imperium zerfällt. Das hier ist unsere Spätantike. Das amerikanische Reich löst sich auf.“

Ganz so dramatisch kommt uns Deutschen die Sache derzeit allerdings nicht vor. Man könnte das alles mit der Sommerpause erklären: Auch wenn der Türkei-Urlaub aus sattsam bekannten Gründen ausfällt, es gibt noch genug Strände, an denen sich die Deutschen aus der Realität ausklinken können.

Uns hat die Welt noch nie interessiert

Aber wenn wir ehrlich sind, hat der friedenspolitische Zustand dieser Welt uns schon seit einiger Zeit nur noch peripher interessiert. Was uns aufregt, ist der Diesel-Skandal. Warum? Weil er viele von uns direkt betrifft. Da geht es an die Substanz, an die heile Welt hinter dem frisch gestrichenen Jägerzaun. Scheiß auf den Atomkrieg, wenn dein Neuwagen plötzlich dramatisch an Wert verliert.

So war es in den vergangenen Jahren schon immer. Die Deutschen sind sehr wohl fähig, sich in panikartige Angstzustände zu ventilieren. Aber nur dann, wenn ihre eigene, kleine Welt bedroht zu sein scheint. So war es bei der Bankenkrise 2008/09 (da ging es um die Sparguthaben), bei der Euro-Krise (hier um das Geld an sich) und auch bei der Flüchtlingsdebatte (um den vermeintlichen Zusammenbruch der Ordnung).

Wenn wir ehrlich sind, hat uns die Welt da draußen eigentlich noch nie so richtig interessiert. Außer, wenn es um die Buchung des nächsten Cluburlaubs geht. Man kann das ganz gut an den Medien und ihrer Auslandsberichterstattung verfolgen: Das größte Korrespondentennetz aller deutschsprachigen Zeitungen unterhält keine deutsche Zeitung, sondern die Neue Zürcher Zeitung aus der Schweiz.

In der Bundesrepublik selbst gab es selbst zur heißesten Phase des Afghanistan-Einsatzes keine echte Nachfrage für Berichterstattung vom Hindukusch. Während die Bundeswehr sich im Krieg befand, gab es lange Zeit keinen einzigen deutschen Korrespondenten in Kabul. Das meiste, was wir in Deutschland über die praktischen Folgen der deutschen Politik erfuhren, hatten wir aus zweiter Hand.

Der Weltuntergang macht vor Jägerzäunen keinen Halt

So lange die Geschäfte gut laufen, bleiben wir lieber für uns. Wir haben es lieber langweilig, als diese Welt zu gestalten. Und deswegen passt Angela Merkel auch so großartig als Kanzlerin zu diesem Land. Ihr Nicht-Wahlkampf greift diese Stimmung perfekt auf: Am liebsten hätten wir es, wenn sich gar nichts ändert.

Dass die digitale Revolution unsere Arbeitswelt verändern und Millionen Jobs kosten könnte? Davon spüren wir schließlich noch nichts. Dass die Niedrigzinspolitik der vergangenen Jahre unsere private Altersvorsorge zerbröseln lässt? Darum kann man sich auch noch später kümmern. Dass die Unwetter dieses Sommers ein Zeichen für den stärker werden Klimawandel sein könnten? Was soll's, so lange die Pumpe im Keller funktioniert.

Das Problem ist nur, dass der Weltuntergang vor Jägerzäunen nicht halt macht. Und das noch viel größere Problem sind Menschen, die sich hinter ihren Jägerzäunen verstecken, so lange der Weltuntergang noch verhindert werden könnte.

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