"Economist"-Korrespondent besucht Merkel-Wahlveranstaltung – und zieht das einzig richtige Fazit

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  • Ein "Economist"-Journalist hat live über eine Merkel-Wahlveranstaltung in Bremen getwittert
  • Seine Beobachtungen fassen die politische Lethargie in Deutschland gut zusammen
  • Im Video oben: Merkel wird bei Wahlkampfrede ausgebuht - und findet die richtigen Worte

Als Ausländer muss es dieser Tage komisch sein, auf Deutschland zu blicken.

Da sind es nur noch 40 Tage bis zur richtungsweisenden Bundestagswahl, überall in der Welt drohen große politische Krisen zu eskalieren, und in Deutschland... ist eigentlich alles wie immer.

Von Wahlkampf ist wenig zu spüren – dabei hat er doch schon lange begonnen. Wie absurd langweilig die politische Debatte in der Bundesrepublik gerade ist, hat der britische Journalist Jeremy Cliffe am Dienstag perfekt in Worte gefasst.

Der Berliner Chefkorrespondent des britischen "Economist“ besuchte eine Wahlveranstaltung von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) in Bremen – und twitterte über das Event.

Sein Fazit: "Geräuschkulisse: Fußballspiel. Rhetorik: Unternehmensberatung. Publikum: Golfverein trifft Bushaltestelle trifft Studentenvereinigung.“

In der Tat: Der Wahlkampf der Union beschränkt sich derzeit vor allem darauf, in kühlen Hauptsätzen zu erklären, dass unter Merkel ja ohnehin alles ganz gut laufe. Große rhetorische Meisterleistungen verlangt Merkel-Herausforderer Martin Schulz (SPD) der Union derweil nicht ab, wie die rund 14 Prozentpunkte Abstand in den Umfragen zeigen.

Laute Zwischenrufe erlebt man indes derzeit nur von ganz rechts.

Und die Deutschen? Haben sich an die Langeweile offenbar gewöhnt.

Es sei eine große Menschenmenge in Bremen, hatte Cliffe vorher geschrieben. Die meisten Zuhörer seien Merkel-Unterstützer – doch auch einige Demonstranten hatten sich in Bremen zusammengefunden, um gegen die CDU-Chefin anzubrüllen.

Von lauten Pfiffen und Protestrufen berichtet der "Economist“-Journalist.

Aber: Diese seien von politisch Linken gekommen, nicht etwa von rechten Flüchtlingsgegnern. Das war am Vortag anders, als Merkel im hessischen Gelnhausen auftrat.

Dort hatten sich rund 300 AfD-Anhängern und Windkraftgegner zusammengefunden und begrüßten die Kanzlerin mit wenig freundlichen "Hau ab"-Rufen.

Merkel sei keine große Rednerin, analysierte Cliffe, schob aber nach: “Aber wisst ihr was? Sie macht viele dutzende dieser Auftritte. So eine Zugänglichkeit habe ich bei der britischen Premierministerin oder dem französischen Präsidenten nicht erlebt.“

Im Publikum seien auch viele Flüchtlinge gewesen, die mit großer Spannung auf Merkel gewartet hätten, schrieb Cliffe weiter. Etwa der 23-jährige Bashar Khalid aus Damaskus, der ihm (in gutem Deutsch) gesagt habe, er danke Angela Merkel.

Und noch etwas anderes fand Cliffe bemerkenswert: Die immer etwas peinlich anmutende Wiedergabe der deutschen Hymne am Ende jeder Merkel-Veranstaltung.

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(ben)

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