"Grundverkehrt" und "unverzeihlich": AfD-Politiker Fest kritisiert Poggenburg und Höcke

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  • Der AfD-Politiker Nicolaus Fest hat in den sozialen Medien eine große Anhängerschaft
  • Im Gespräch mit der HuffPost kritisiert er seine Parteikollegen Poggenburg und Höcke
  • Gespalten sei die AfD aber nicht
In den meisten Umfragen steht die AfD derzeit bei rund 8 Prozent. Doch wer sich dieser Tage durch die sozialen Netzwerke klickt, kann den Eindruck gewinnen: Eigentlich könnte die rechte Partei viel stärker sein.

Das kommt nicht von ungefähr: In den sozialen Netzwerken erreicht die Alternative für Deutschland so viele Menschen wie kaum eine deutsche Partei. Einer, der das Spiel mit den Likes und Shares besonders gut beherrscht, ist der Berliner AfD-Politiker Nicolaus Fest.

Regelmäßig lädt Fest bei Facebook und Youtube Videos hoch, in denen der ehemalige "Bild“-Journalist über sein politisches Weltbild referiert – mit gigantischem Erfolg. Bis zu 80.000 Menschen sehen jedes Video des Berliner Bundestagskandidaten, der erst im vergangenen Sommer in die AfD eintrat.

Die HuffPost hat mit Fest über seinen Youtube-Erfolg und seine Ambitionen in der Partei gesprochen – und viel über das radikale Weltbild des Polit-Quereinsteigers erfahren.

Radikale Töne und Kritik an Partei-Rechten

So bezeichnet der Berliner AfD-Politiker Nicolaus Fest die Ehe für Alle etwa als “Tor zum Sex mit Kindern”. “Kinder sind keine Sexualobjekte. Aber dahin soll die Reise mit der 'Ehe für alle’ gehen”, behauptete der AfD-Bundestagskandidat im Gespräch mit der HuffPost.

Den Islam nennt Fest eine "frauenverachtende, rückständige, brutale, pluralitätsfeindliche Ideologie“ und erklärt im gleichen Atemzug: Islamfeindlich und homophob sei er nicht.

Im parteiinternen Richtungsstreit wirft Fest den AfD-Rechtsaußen Björn Höcke und André Poggenburg Fehler vor. Höckes Dresdner Rede sei “grundverkehrt” gewesen. Der ehemalige Journalist relativiert aber: “Die missglückte Rede eines Thüringer Oppositionspolitikers ist irrelevant im Vergleich mit dem, was sich die Bundesregierung täglich leistet”.

Poggenburgs Aussage “Deutschland den Deutschen”, die der in einer AfD-Whatsapp-Gruppe getroffen hatte, sei “völlig unverzeihlich”. Nicht jedoch, weil “Deutschland den Deutschen” ein beliebter Schlachtruf deutscher Rechtsextremisten ist. Fest sagt: “Herr Poggenburg zitiert (...) nicht die NPD, sondern kommunistisches Liedgut.”

Eine Spaltung der AfD streitet Fest gleichwohl ab. “Alle denken freiheitlich, rechtsstaatlich, demokratisch. Das hat nichts mit irgendwelchen Flügeln zu tun, sondern ist gleichsam die DNA der AfD”, sagt der Berliner Politiker.

Mehr Berichte über die AfD:

Hier das komplette Gespräch:


HuffPost: Herr Fest, Sie sind Direktkandidat der AfD in Charlottenburg-Wilmersdorf und auf dem fünften Listenplatz. Sehen wir Sie ab September im Bundestag?

Fest: Wenn die AfD das Ergebnis bekommt, das gut für dieses Land wäre, ja.

In den Umfragen steht die AfD derzeit bei rund 8 Prozent. Noch vor wenigen Monaten hatten nicht wenige der Partei ein doppelt so gutes Ergebnis zugetraut…

Die Medien kennen nur zwei Formen der Auseinandersetzung mit der AfD: Totschweigen oder denunzieren. Über unsere Themen, über unsere Parlamentsarbeit wird faktisch nicht berichtet – oder nur dann, wenn andere Parteien sie plagiieren.

Plagiieren?

Wie jüngst Graf Lambsdorff, der plötzlich Auffanglager in Afrika und militärische Abriegelung der Schlepperrouten ebenfalls für richtig hält. Häufiger noch ist Denunziation: Wir seien Nazis, fremdenfeindlich, homophob. Wir sind also eine homophobe Partei, die eine homosexuelle Spitzenkandidatin hat, wir sind Nazis, die für Israel einstehen, und wir sind fremdenfeindlich, obwohl wir als einzige Partei ein Zuwanderungsgesetz fordern und von sehr vielen Zuwanderern gewählt werden. Aber diese mediale Dauerverleumdung zeigt leider Wirkung.

Die klassische Opferrolle, wirklich?

Selbst die der AfD nicht eben gewogene "Zeit“ hat unlängst die oft unwahre, tatsachenwidrige Berichterstattung über die AfD moniert. Und dass die AfD trotz ihres Einzugs in 13 Landesparlamente so gut wie nie zu den großen Talkshows von ARD und ZDF eingeladen wird, ist statistisch belegt. Ich verstehe im übrigen nicht, warum Sie versuchen, solch klare Benachteiligungen als Opferrolle ins Lächerliche zu ziehen. Es geht immerhin um Verstöße gegen das Gebot der verfassungsrechtlichen Fairness.

Ist es unfair, ihrem Kollegen André Poggenburg rechtsextreme Rhetorik vorzuwerfen, nachdem der in einem geleakten WhatsApp-Chat Dinge geschrieben hat wie "Deutschland den Deutschen“?

Unfair und kenntnisfrei. Denn "Deutschland den Deutschen“ stammt aus dem Rotfrontkämpferlied "Der rote Wedding“ von 1929. Herr Poggenburg zitiert also nicht die NPD, sondern kommunistisches Liedgut. Das allerdings ist völlig unverzeihlich, auch wenn die Kommunisten hier einmal rechthaben.

Die Berliner AfD-Spitzenkandidatin Beatrix von Storch hat sich gerade offen für einen Parteiausschluss Björn Höckes ausgesprochen. Wo stehen Sie in diesem Konflikt?

Was ich inhaltlich von der Rede Björn Höckes halte, habe ich mehrfach gesagt: grundverkehrt. Aber man sollte die Maßstäbe beachten: Die missglückte Rede eines Thüringer Oppositionspolitikers ist irrelevant im Vergleich mit dem, was sich die Bundesregierung täglich leistet: Dauernder Bruch des Rechts, importierter Terrorismus, Auflösung der inneren Sicherheit, skandalöse Deals mit türkischen Diktatoren. Im Übrigen läuft ein Parteiausschlussverfahren. Jetzt sollte man das Schiedsgericht arbeiten lassen.

Braucht ihre Partei nicht gerade Leute wie Höcke oder Poggenburg? Was würde eine gemäßigte AfD denn von der CSU abgrenzen?

Erstens: Dass wir beenden, was Horst Seehofer die „Herrschaft des Unrechts“ nannte, nämlich die rechtswidrige Grenzöffnung, der Seehofer tatenlos zuschaut. Zweitens: Bekenntnis zum traditionellen Familienbild, das die CSU längst verraten hat. Drittens: Geordneter Ausstieg aus Euro, Nullzinspolitik, Target-II-Verschuldung, d.h. aus der Ausplünderung Deutschlands zugunsten von Banken und Südländern. Viertens: Wiederaufbau des Sozialstaats, der mit tätiger Hilfe der CSU ruiniert wurde, so dass wir heute Altersarmut, Erwerbsarmut, Kinderarmut haben. Fünftens: Europa erhalten, Islamisierung stoppen. Sechstens: Familiensplitting statt Ehegattensplitting. Siebtens: Versprechen halten, Soli beenden. Achtens: Windstrom-Subventionierung stoppen. Soll ich weitermachen...?

Nein. Zum Thema Armut: Experten glauben, das AfD-Programm sei in sich widersprüchlich, einerseits wirtschaftsliberal, andererseits protektionistisch. Am Ende würde es wohl vor allem den Reichen helfen…

Wir sind liberal im Sinne des Individuums, nicht der Wirtschaft. Wir wollen die Freiheit des Einzelnen stärken, nicht die der Märkte. Das will die FDP. Im Übrigen hat nichts den Reichen mehr genutzt als der Exzess- und Casinokapitalismus der Altparteien seit 2000. Wer hat denn die kommunalen Versorger verkauft, die Renten gekürzt, das Renteneinstiegsalter erhöht, den sozialen Wohnungsbau eingestellt, die städtischen Wohnungsgesellschaften privatisiert, die Nullzinspolitik zu Lasten der kleinen Sparer durchgesetzt, den Mehrwertsteuersatz erhöht, die wahnwitzige Ökostrom-Subvention beschlossen? Das waren, auf Bundes- und Landesebene, CDU, CSU, SPD, FDP und Grüne.

Sie sind Medienexperte, waren jahrelang in führenden Funktionen im Axel Springer Verlag tätig. Inwieweit hilft Ihnen das heute?

Ich kenne die Mechanismen des Medienbetriebs. Aber dass die Medien derart zur "Wahrheitspresse“ verkommen, wie es heute der Fall ist, hätte ich mir nicht träumen lassen.

Also alles Lügenpresse?

Nicht alles, aber viel zu viel.

Ihre Antwort darauf sind Videos, in denen Sie regelmäßig zu zu aktuellen Themen Stellung nehmen.

Ja.

Darin vertreten sie radikale Positionen, die mitunter an Islamfeindlichkeit und Homophobie grenzen. Gleichzeitig hat man den Eindruck: Da spricht jemand, der sich ganz genau überlegt, was er sagt, kein impulsiver Hitzkopf. Hat der AfD genau das manchmal gefehlt?

Wir haben viele kluge, nüchterne, klar denkende Personen in unseren Reihen. Da bin ich keine Ausnahme. Was Sie Islamfeindlichkeit nennen, ist tatsächlich die Verteidigung der offenen Gesellschaft gegenüber einer frauenverachtenden, rückständigen, brutalen, pluralitätsfeindlichen Ideologie. Oder kennen Sie irgendein islamisches Land, das unseren Vorstellungen von 'offener Gesellschaft’ entspricht? Homophob bin ich sicherlich nicht, da sollten Sie mein Video zur Bedrohung von Homosexuellen sehen. Etwas völlig anderes gilt für Päderastie. Kinder sind keine Sexualobjekte. Aber dahin soll die Reise mit der ‚Ehe für alle’ gehen. Dass die Zeitschrift "Queer“ sofort nach der Abstimmung im Bundestag forderte, jetzt müsse das Schutzalter für Minderjährige herabgesetzt werden, zeigt die Absicht.

Das ist doch haltlos. Was hat die Zeitschrift "Queer“ mit dem vom Parlament beschlossenen Gesetz zu tun?

Politik ist nicht statisch, sondern ein Prozess, Schritt für Schritt. Mit der "Ehe für alle“ wurde unter dem Vorwand der Gleichberechtigung von Homosexuellen ein Tor zum Sex mit Kindern geöffnet. Das hat "Queer“ offensichtlich klarer erkannt als Sie – und als viele Bundestagsabgeordnete.

Das ist absurd. Aber noch einmal zu ihren Videos: Sie haben sich in den sozialen Netzwerken eine große Gefolgschaft aufgebaut. Manch einer munkelt: Mit Ihnen könnte der rechtskonservative Parteiflügel ein intellektuelles Gesicht bekommen..

Alle in der AfD denken patriotisch, haben mit dem Bekenntnis zu Deutschland kein Problem. Und alle denken freiheitlich, rechtsstaatlich, demokratisch. Das hat nichts mit irgendwelchen Flügeln zu tun, sondern ist gleichsam die DNA der AfD.

Dennoch treffen Sie in der AfD offenbar gerade einen Nerv. Wäre Fest-Gauland nicht ein konsequentes Spitzenduo gewesen?

Netter Versuch. Diese Entscheidungen überlasse ich gern den Delegierten. Außerdem ist Alice Weidel eine großartige Kämpferin für unsere Sache.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

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