"Die Menschen merken es erst, wenn es zu spät ist" : Ein Kinderarzt erklärt, wie schädlich Abgase für die Gesundheit sind

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“Der Feinstaub wird durch den Verkehr nur in einem Radius von 10 bis 20 Metern aufgewirbelt” | Kikovic via Getty Images
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  • Stickoxide und Feinstaub aus Diesel-Abgasen sind sehr schädlich für die Gesundheit
  • Wie groß die Gesundheitsgefahr wirklich ist, merken Menschen erst, wenn es zu spät ist ,warnt Kinderarzt Gerald Hofner
  • Er hat deshalb einen Rat für alle Familien, die in einer Großstadt leben
Viel wurde im Zuge des Diesel-Skandals in Deutschland diskutiert: Über Korruption, darüber, wie Bürger mit Dieselfahrzeugen entschädigt werden können, über Fahrverbote und Softwareupdates.

Eine Gruppe wurde in der Debatte dabei bisher sträflich außer Acht gelassen. Dabei sind es die Menschen, die bisweilen am meisten an den Folgen der teils extremen Abgasbelastung in Deutschland zu leiden haben: Kinder.

Kinderpneumologe und -kardiologe Gerald Hofner beobachtet schon länger, welch dramatische Auswirkungen Verkehrsemissionen auf den Körper von Heranwachsenden haben können.

In der HuffPost berichtet er von seinen Erkenntnissen.

“In den Großstädten können wir vermehrt Symptome beobachten, die auf die Belastung durch Abgase zurückzuführen sind”, sagt Hofner. “So habe ich in Barcelona etwa auffällig viele Kinder mit Lungenkrankheiten erlebt.”

Hofner hat zeitweise in Spanien gearbeitet, in Barcelona, einer Stadt, die für ihre besonders hohe Luftverschmutzung bekannt ist. Doch Hofners Beobachtungen treffen auch auf deutsche Großstädte zu.

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Hofner unterscheidet zwischen den Belastungen durch Gase wie Stickoxid und der Belastung durch Feinstaub.

“Gase können zwar kurzfristig sehr schädlich sein, werden aber schnell wieder neutralisiert.” Auf Asthmatiker hätten sie jedoch eine akute Wirkung - die Anzahl der Asthma-Anfälle erhöht sich so deutlich.

Die Gase reizen die Schleimhäute und können zu Kopfschmerzen, Atemwegreizungen, Krupphusten führen. Die schädliche Wirkung von Gasen wie Stickoxid ist wissenschaftlich bewiesen. Niedrige Konzentrationen führen zu Schwindel und Kopfschmerzen, höhere Konzentrationen können Atemnot und Lungenödeme hervorrufen, wie eine WHO-Studie beweist.

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"Je kleiner die Partikel, desto schädlicher"

Doch noch schlimmer als die Gase sei – besonders für Kinder – der Feinstaub, sagt Hofner.

Nicht so sehr die großen Partikel, PM 10, die 10 Mikrometer groß sind oder PM 2,5, bis zu 2,5 Mikrometer groß. Am gefährlichsten für die Gesundheit des Menschen sind ultrafeine Partikel, die einen Durchmesser von weniger als 0,1 Mikrometer haben.

“Je kleiner die Partikel, desto schädlicher sind sie. Partikel unter 0,1 Mikrometer geraten in die Lunge oder sogar in die Blutbahn”, sagt Hofner. “Sie werden dort abgelagert und in Verbindung mit Krebsentwicklung und Arteriosklerose gebracht.”

Die größeren Partikel können hingegen von den Nasenhärchen oder den Schleimhäuten in Nasen- und Rachenraum zurückgehalten werden.

Der Ruß aus einem Diesel-Fahrzeug habe besonders kleine Partikel, erklärt der Arzt. “Ähnlich wie Asbest wird er in der Lunge abgelagert. Ähnlich wie bei Asbest besteht ein erhöhtes Risiko für Krebs.”

Und am schlimmsten leiden die Kinder. Kinder hätten noch viel mehr Lebensjahre vor sich als beispielsweise ein 40-Jähriger - und “je länger ein Mensch dieser Luftverschmutzung ausgesetzt ist, desto höher sind die Risiken.”

Außerdem sei die Lunge sei in den ersten Lebensjahren noch nicht vollständig entwickelt, erklärt Hofner. “Dabei können Luftschadstoffe eine ungünstige Auswirkung auf die Entwicklung der Lunge haben.”

Feinstaub erhöht für Kinder zudem das Risiko für eine Mittelohrentzündung um 24 Prozent, wie Wissenschaftler von Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit in München herausgefunden haben. Besonders Kinder bis zu zwei Jahren sind betroffen.

Schwarze Fenster, schwarze Möbel

Unter dem Feinstaub würden besonders die Menschen leiden, die dicht an stark befahrenen Straßen, wie dem Neckartor in Stuttgart oder der Landshuter Allee in München leben würden. “Der Feinstaub wird durch den Verkehr nur in einem Radius von 10 bis 20 Metern aufgewirbelt”, sagt Hofner.

Die Belastung ist in einer Seitenstraße also schon um ein vielfaches geringer.

Menschen, die an stark befahrenen Straßen leben klagen über schwarze Fenster und sogar schwarze Möbel. “Das ist kein normaler Staub, sondern richtig dunkler Dreck”, berichtete Jantiena Schütz, die seit zwei Jahren am Neckartor in Stuttgart lebt der HuffPost. Die Straße ist laut Messungen schmutzigsten Deutschlands.

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(Vorzeitige Sterbefälle durch von Feinstaub verursachte Krankheiten. Credit: Umweltbundesamt)

Seitdem sie dort lebe, habe sie auch vermehrt Probleme mit Nasenschleimhäuten - immer wieder eine verstopfte Nase, sogar Wunden an der Nasenscheidewand, die nur sehr langsam verheilen wollen. “Ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Symptome mit der Feinstaubbelastung zusammenhängen”, sagt Schütz.

Auch Stefanie Grafeneder, die in der stark befahrenen Stresemannstraße in Hamburg lebt, merkt die Auswirkungen der Abgase auf die Gesundheit. Besonders betroffen: ihre Kinder.

“Wir können deutlich beobachten, dass unsere Kinder häufiger unter Atemwegserkrankungen leiden, diese zum Teil hartnäckiger sind oder länger andauern als bei anderen Kindern”, sagt Grafeneder der HuffPost. “Typisch ist der Pseudokrupp - das haben wir, seit wir hier wohnen, einige Male gehabt.”

Die eigentliche Gefahr, sagt Hofner sei, dass die Menschen das ganze Ausmaß der Belastung gar nicht mitbekommen würden. “Die Reizungen, die Gase wie Stickoxid verursachen, merkt man sofort. Der Feinstaub ist aber besonders trügerisch: Die Menschen merken die Gefahr, die er für ihre Gesundheit darstellt, erst, wenn es zu spät ist.”

"Die Betroffenen sehen die Schäden nicht"

Er rät Familien daher dringend, von stark befahrenen Straßen wegzuziehen. Außerdem könnten sie politisch Druck machen, damit Grenzwerte endlich eingehalten werden. “Den Feinstaub nimmt ja niemand bewusst war, auch Betroffene sehen die Schäden nicht, die er einmal verursachen kann.”

Hofner sieht hier auch die Politik in der Verantwortung, das Einhalten der Grenzwerte bei der Autoindustrie endlich durchzusetzen.

Eines ist klar: Es muss etwas geschehen.

Denn Hofner ist sich sehr sicher: “Würde man eine valide, langfristige Untersuchung machen, würde man mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit feststellen, dass Kinder, die an sehr stark befahrenen Straßen leben, eine geringere Lebenserwartung haben als andere.”

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(lp)