Nach Charlottesville attackieren Europas Medien Trump - doch eine tschechische Zeitung verteidigt ihn

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DONALD TRUMP
Nach Charlottesville attackieren Europas Medien Donald Trump - doch eine tschechische Zeitung verteidigt ihn | Jonathan Ernst / Reuters
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  • Trump hat die Aufmärsche rechtsextremer Gruppen und das Attentat auf Gegendemonstranten nur halbherzig verurteilt
  • Europas Medien kritisierten ihn deshalb scharf
  • Einige Kommentatoren versuchen sich aber auch in Ursachenforschung - und stellen sich hinter den US-Präsidenten

Es sind Bilder, die an das Dritte Reich erinnern: Hunderte streng gescheitelte Männer, Hakenkreuzflaggen und ein Meer aus Fackeln.

Am Wochenende erlebte die US-Kleinstadt Charlottesville gleich mehrere Aufmärsche verschiedenster rechtsextremer Gruppierungen, Neonazis und Ku-Klux-Klan-Anhänger. Etliche Gegendemonstranten stellten sich den Rechten entgegen. Der Gouverneur von Virginia rief sogar den Ausnahmezustand aus.

Doch selbst als ein Trump-Anhänger mit seinem Pkw in den Gegenprotest raste, dabei eine Frau tötete und mindestens 19 Personen verletzte, blieb der US-Präsident zurückhaltend.

Viele europäische Medien kritisierten die Reaktion des Republikaners daher scharf- doch es gibt auch einige Stimmen, die Trump verteidigen.

1. Der Konflikt war vorhersehbar

Die liberale lettische Tageszeitung "Diena" betont, dass sich der Konflikt in Charlottesville angedeutet habe.

Anlass für die Demonstration war ein Stadtratsbeschluss, eine Statue des Konföderierten-Generals Robert E. Lee aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg (1861 bis 1865) zu entfernen.

Die Behörden von Charlottesville hätten mit der Entscheidung, das Denkmal für den Konföderierten-General Robert E. Lee zu demontieren, bewusst auch Möglichkeiten für Konflikte geschaffen, argumentiert die Zeitung.

Womöglich sei die Provokation gegen die US-Südstaaten, die mehrheitlich Trump unterstützen, ein anderer Weg, "um den Stuhl des Präsidenten ins Wanken zu bringen".

Da praktisch ausschließlich Personen, die für Trump gestimmt haben, das Denkmal verteidigen, sei es für Trump nun schwierig, seine Wähler öffentlich zu verurteilen. "Diena" fragt sich, "wie und ob diese Büchse der Pandora auch wieder geschlossen werden kann".

2. Trump gibt Rechtsextremisten Aufschwung

Trump mache sich zu wenig klar, dass er der Präsident aller Amerikaner ist - und nicht nur seiner Wählerschaft. Das bemängelt die niederländische Zeitung "de Volkskrant". "Er muss deshalb manchmal zu Kompromissen bereit sein und kann seiner Anhängerschaft nicht immer alles geben, was sie von ihm erwartet."

Das Problem: Trump bediene sich oft "einer Rhetorik der verbrannten Erde", so "De Volkskrant". "Mit seinen jüngsten Äußerungen dieser Art hat er dem Ungeheuer am rechtsextremistischen Rand neues Leben eingehaucht."

Noch weiter geht der britische "Guardian". Die Zeitung greift den US-Präsidenten dafür an, dass dieser nicht mit Abscheu und einer klaren Verurteilung reagierte. "Es fällt schwer zu glauben, dass das ein Versehen von ihm war", kritisiert der "Guardian".

Und weiter: "Trumps Geschwätz war völlig beabsichtigt." Das liberale Blatt sorgt sich, dass Trumps Wahl "zornige weiße Leute" und die "weißen Rassenfanatiker" der Alt-Right-Bewegung anstachele.

Auch die "Neue Zürcher Zeitung" betont, "dass Trumps Wahl den Ultrarechten neuen Auftrieb verliehen hat". Zwar sei Trump nicht verantwortlich für den jüngsten Konflikt, aber durch seine Wahl würden sich die Ultrarechten in ihren Forderungen bestätigt fühlen.

Mehr zum Thema: Experten warnen nach Charlottesville: Die nächste nationalistische Demonstration könnte noch schlimmer werden

3. Trumps Zurückhaltung ist taktisches Raffinesse

"Trumps Wählerbasis ist auf einen harten Kern zusammengeschrumpft", erklärt das "Handelsblatt". Problematisch ist, dass dieser harte Kern zu allem entschlossen sei.

Sollten nun die Ermittlungen gegen Trump auf eine Amtsenthebung hinauslaufen, "würde der Sturm losbrechen", warnt das "Handelsblatt". "Darum verurteilt der Präsident die weißen Fanatiker nicht. Er braucht sie. Zur Abschreckung."

4. Trump steht zu Unrecht am Pranger

"Präsident Donald Trump hat die Gewalt verurteilt, es aber abgelehnt, die Verantwortung für die Ursachen nur den Rassisten zuzuschreiben", erklärt die tschechische konservative Zeitung "Lidove noviny".

Das Blatt vergleicht das Attentat mit dem Terrorakt auf dem Berliner Breitscheidplatz. Beide Male hätte ein Fanatiker gehandelt. Doch als Anis Amri in die Menschenmenge auf dem Weihnachtsmarkt fuhr und elf Menschen tötete, "hat niemand Angela Merkel aufgefordert, den 'islamistischen Terror' beim Namen zu nennen und zu verurteilen", bemerkt "Lidove noviny"

Anders argumentiert die italienische Zeitung "La Repubblica". Die nun erstarkte rechtsextreme Bewegung habe ihre Wurzeln in neuen Formen von sozialer Ungerechtigkeit.

"Um die Bildung einer schwarzen Mittelklasse zu fördern, wurden Maßnahmen ergriffen, die mit der Wirtschaftskrise an ihre Grenzen stießen und dazu geführt haben, dass es jetzt die Weißen sind, die provokativ Forderungen stellen."

Laut "La Repubblica" müsse man von diesem Groll ausgehen, um die Beschaffenheit des neuen Rassismus zu begreifen. Dieser sei auch eine Reaktion.

Dem hält die türkische "Sabah" Spott entgegen und fragt: Die US-Mehrheitsgesellschaft macht einen Aufstand - doch wogegen? "Sabah" glaubt, dass schlussendlich "für den Privilegierten Gleichheit eine Grausamkeit ist".

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(lp)