Experten warnen nach Charlottesville: Die nächste nationalistische Demonstration könnte noch schlimmer werden

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CHARLOTTESVILLE
Laut der ADL war die Demonstration in Charlottesville die größte Ansammlung Rechtsradikaler in mehr als einem Jahrzehnt. | Getty Images
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  • Am Samstag ist ein rechtsextremer Amerikaner in der Stadt Charlottesville in eine Gruppe Demonstranten gefahren
  • Eine Frau starb, mindestens 19 wurden verletzt
  • Seit US-Präsident Donald Trump im Amt ist, haben weiße Nationalisten Aufwind bekommen

Der Boden unter der Statue von Confederate General Robert Lee im Emancipation Park war am Samstag gepflastert mit Beweisen, dass US-Präsident Donald Trumps Rechtsextreme unterstützt: Schilder mit Botschaften wie “die jüdischen Medien werden untergehen”, “die Goyim wissen es”, “wir unterstützen Präsident Donald Trump”.

Nur ein paar Stunden früher hatten sich hier rechtsextreme Demonstranten und Gegendemonstranten einen offenen Kampf geliefert. Schreie hatten sich mit Lauten von hustenden Menschen vermischt, deren Lungen voller Tränengas waren.

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Kanister mit Tränengas, Steine, volle Wasserflaschen und Tüten mit Fäkalien flogen durch die Luft. Blut verschmierte den Gehweg.

Ein paar Blocks weiter, an der Kreuzung Fourth Street und Water Street, sicherte die Polizei Spuren. Hier hatte der 20-jährige Rechtsextremist James Alex Fields Jr. Samstagnacht sein Auto in eine Gruppe marschierender Gegendemonstranten gelenkt.

Eine 32-jährige Rechtsanwaltsgehilfin namens Heather Heyer kam dabei ums Leben und mindestens 19 weitere wurden verletzt.

Die größte Ansammlung Rechtsextremer seit einem Jahrzehnt

Die Bars in der Umgebung, normalerweise überfüllt an einem Samstagabend, waren leer und geschlossen. Auf dem Gehweg stand noch ein einzelnes “Immer Anti-Faschist” Plakat, das während des Chaos des Tages fallen oder stehengelassen wurde. Ein Helikopter kreist über dem Tatort.

Währenddessen geht der 25-jährige Eli Mosley für einen Moment aus dem Haus, in dem er mit seinen rechtsextremen Freunden in der Nähe eine Party feiert, um mit der HuffPost zu telefonieren.

Seine Stimme ist heiser. Er verbrachte seinen Tag mit Abertausenden Gleichgesinnten damit, zu schreien und zu singen. Sie alle trugen Nazi-Flaggen und demonstrierten gegen die Entfernung der riesigen Lee-Statue im Park.

Laut der Anti Defamation League (ADL), die gegen Diskriminierung, Hass und Antisemitismus kämpft, war die Demonstration in Charlottesville die größte Ansammlung Rechtsradikaler in mehr als einem Jahrzehnt.

“Unsere Leute fühlen sich gerade ziemlich gut”, sagt Mosley. “Wir sehen uns jetzt als eine Bürgerrechtsbewegung. Wir treten für weiße Rechte und weiße Menschen ein, die bald in einer Minderheit sein werden in diesem Land. Dieser Tag war ein Meilenstein, der uns auf das nächste Level katapultieren wird. Es haben sehr viele Menschen mit uns demonstriert.”

“Wir werden zurückkommen nach Charlottesville”, sagte er herausfordernd.

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Die Extremisten stacheln sich gegenseitig auf

Diese Explosionen des Hasses - wie die in Charlottesville - sind in erster Linie ein Phänomen der Ära Trump.

Im vergangenen Jahr hat die HuffPost weiße Nationalisten in ihrem Krieg mit ihrer extremistischen Gegenseite begleitet, von Berkeley über Portland und New Orleans nach Gettysburg.

Im Mai, auch in Charlottesville, marschierten rechtsextreme mit Fackeln und skandierten Nazi-Parolen. Während dieser Schlachten sind beide Seiten immer wütender geworden und haben sich immer stärker bewaffnet.

Eli Mosley ist typisch für die Alt-Right-Bewegung - die jüngste Verkörperung des organisierten Rassismus in Amerika. Die Bewegung ist extrem stark gewachsen, seit Donald Trump seine Präsidentschaftskandidatur verkündet hatte.

Mosley ist jung und kann mit Medien umgehen. Er weiß, wie man tausende Rechtsextreme für eine Veranstaltung wie die “Unite the Right”-Demonstration am Samstag zusammenbringt.

Vor ein paar Jahren sahen sich Menschen wie Mosley noch als Randgruppe in der amerikanischen Politik. Jetzt, unter Trump, merken sie, wie ihre Ansichten Aufwind bekommen - und Mainstream werden, wie sie sagen.

"Sehr, sehr gut"

Trump hat sich in seinem Statement über Charlottesville geweigert, die Rechtsextremen zu verurteilen, die die malerische College-Stadt belagert hatten.

“Wir verurteilen diesen entsetzlichen Auswuchs an Hass, Fanatismus und Gewalt auf vielen Seiten aufs Schärfste”, sagte er Reportern während einer Pressekonferenz am späten Samstagnachmittag in New Jersey.

Rechtsextreme waren mehr als zufrieden mit dieser Reaktion. “Trumps Kommentare waren gut”, hieß es in einem Post auf dem bekannten rechten Portal “Daily Stormer”, das die Ereignisse live begleitete.

“Trump weigerte sich, die Frage, ob ihn Rechtsextreme unterstützen, zu beantworten”, hieß es weiter. “Als er gebeten wurde, zu verurteilen, ging er einfach aus dem Zimmer. Sehr sehr gut, Gott schütze ihn.”

Experten sorgen sich, dass diese Haltung Trumps eine Welle politischer Gewalt provozieren könnte.

Denn: Der ermutigte rechte Rand stachelt wiederum die Linken auf.

"Paartanz des Extremismus"

Der Todesfall und die Verletzten vom Samstag würden dafür sorgen, dass sich die viel kleinere und weniger zusammenhaltende extreme Linke auf Rache sinnen wird, sagt Professor Brian Levin von der California State University in San Bernadino der HuffPost.

“Das ist ein Paartanz des Extremismus”, sagt Levin.

Auch Heidi Beirich vom Intelligence Projekt des Southern Poverty Law Center sieht das so: Wenn Antifaschisten gewaltsam gegen Rechtsextreme kämpfen, gibt das Rechtsextremisten nur mehr “Sauerstoff”.

“Wir befürchten, dass dieser Hass von Charlottesville in andere Orte schwappt”, fügt sie hinzu.

Ein wichtiger Schritt auf dem Weg, diesen verhängnisvollen Kreislauf zu unterbrechen, wäre ein starkes Zeichen des Weißen Hauses.

Die Anti Defamation League hat gezeigt, wie dieses Zeichen aussehen könnte: Die Gruppe rief Trump dazu auf, alle seine Mitarbeiter, die irgendwelche Bande zu weißen Nationalisten haben, zu entlassen.

Damit sind wahrscheinlich prominente Berater des Weißen Hauses wie Steve Bannon, Steven Miller und Sebastian Gorka gemeint, die alle mit Rassisten und Randgruppen in Verbindung gebracht werden.

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"Es gibt keine vernünftigen Rechtsextremen"

“Dieser Moment verlangt nach moralischer Führung”, sagte ADL-Präsident Jonathan Greenblatt. “Präsident Trump sollte anerkennen, dass hier nicht beide Seiten gleich verantwortlich sind. Es gibt keine vernünftigen Rechtsextremen und keinen Raum für diesen abscheulichen Fanatismus. Das ist unamerikanisch und muss ohne Zögern verdammt werden.”

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Eli Mosley, so sagte er der HuffPost, wollte am Sonntagmorgen das Haus verlassen, wo er gemeinsam mit seinen Nationalisten-Freunden Party gemacht und übernachtet hatte. Er sagte, Trumps Kommentare seien “neutral, in einer Art, die er mochte” gewesen.

Vor drei Monaten habe er seinen Job verloren, nachdem herauskam, dass er ein weißer Nationalist sei. Jetzt arbeite er Vollzeit für die Alt-Right-Bewegung. Für dieses neue Leben ziehe er nun nach Virginia, sagte er.

Von dort aus könne er leichter die nächsten großen Alt-Right-Veranstaltungen in Richmond, der Hauptstadt des Staates, organisieren - und natürlich die nächsten Events in Charlottesville.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Seite der HuffPost US und wurde von Katharina Schneider ins Deutsche übersetzt.

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(sma/cho)

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