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13/08/2017 14:24 CEST | Aktualisiert 14/08/2017 11:19 CEST

Eine Grafik zeigt die erschütternde Ungleichheit in den USA - sie muss auch den Deutschen eine Warnung sein

Getty/DIW/Piketty, Saez & Zucman
Wer hat, dem wird gegeben: Einkommensungleichheit in den USA und Deutschland

  • Eine neue Grafik über die Einkommensverteilung hat in den USA für hitzige Diskussionen unter Journalisten und Ökonomen gesorgt

  • Sie zeigt, dass in den vergangenen Jahrzehnten vor allem Gutverdiener vom Wirtschaftswachstum profitiert haben

  • In der Bundesrepublik deutet sich ein ähnlicher Trend an

"Die kaputte US-Wirtschaft, in einer simplen Grafik", titelt die "New York Times". Auf dem Bild: ein Koordinatensystem mit zwei Graphen. Ein grauer, der sich zielstrebig verflacht, und ein roter, der sich erst gemächlich auf der y-Achse nach oben schiebt, um sich dann auf einmal steil emporzuschwingen.

Die Grafik basiert auf einem Datensatz der renommierten linken Ökonomen Thomas Piketty, Emmanuel Saez und Gabriel Zucman - und einer ihrer Arbeiten über die ungleiche Einkommensverteilung in den USA.

Das Schaubild zeigt, dass noch 1980 (grauer Graph) vor allem die unteren Einkommensschichten vom wirtschaftlichen Aufschwung profitierten. Im Jahr 2014 (roter Graph) hat sich der Trend umgekehrt: Seitdem steigern vor allem die Bevölkerungsschichten ihr Einkommen, die eh schon mehr verdienen - am meisten profitieren diejenigen mit absoluten Spitzeneinkommen.

Zum ersten Mal gelingt es Piketty, Saez und Zucman wirklich stichhaltig zu belegen, dass vom Wirtschaftswachstum in den USA vor allem die Reichsten profitieren.

Und ein Blick nach Deutschland verrät: In der Bundesrepublik gibt es einen ähnlichen Trend.

Einkommensverteilung: Wer hat, dem wird gegeben

Was die Grafik von Piketty, Saez und Zucman so beeindruckend macht, ist der schiere Umfang des Datensatzes, der ihr zugrunde liegt.

Die Ökonomen haben Informationen über die Einkommen der US-Bürger aus den Steuerunterlagen der USA verwendet - und sie haben für ihre Berechnungen sowohl die Besteuerung der Einkommen, als auch Sozialabgaben, Rentenbeiträge und Ausgaben für Gesundheitsvorsorge berücksichtigt.

Herausgekommen ist die wohl umfangreichste Datensammlung zur Entwicklung von Einkommen in den USA, die es je gegeben hat.

grafik

Durchschnittliche Zunahme der US-Einkommen im Zeitraum von 1980 bis 2014 (Aufgeteilt nach Einkommensklassen)

Das ganze Ausmaß der Entwicklung zeigt sich vor allem beim durchschnittlichen Einkommenszuwachs im Zeitraum von 1980 bis 2014.

US-Bürger, die nur ein Durchschnittseinkommen (zwischen 1980 und 2014 lag der US-Stundenlohn inflationsbereinigt stets um die 20 US-Dollar) oder weniger zur Verfügung hatten, konnten ihr Einkommen in diesem Zeitraum nur um maximal 1 Prozent steigern. Die Ärmsten mussten sogar schrumpfende Einkommen hinnehmen.

Die Gutverdiener unter den US-Amerikanern - Akademiker und gut ausgebildete Fachkräfte - konnten ihr Gehalt im Schnitt jährlich um 1,5 Prozent steigern.

Spannend ist die Entwicklung auf der anderen Seite der Statistik: Die Reichsten konnten ihre Einkommen zwischen 1980 und 2014 im jährlichen Schnitt um drei, vier, fünf oder sogar sechs Prozent steigern.

Das bedeutet: In den letzten Jahrzehnten haben die Superreichen in den USA den Großteil des Lohnwachstums des Landes für sich beansprucht - der Rest der Gesellschaft hatte das Nachsehen.

Ein Trend, der sich im Ansatz auch in Deutschland nachweisen lässt.

Auch in Deutschland: Zunehmende Ungleichheit bei den Einkommen

Denn auch in der Bundesrepublik profitieren nicht alle gleich vom Wachstum der Wirtschaft.

"Unsere Daten zeigen, dass es seit 2010 eine Tendenz gibt, dass die Einkommensungleichheit in Deutschland wieder zunimmt", sagt Markus Grabka, Experte für Einkommensverteilung beim Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

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Die Entwicklung der verfügbaren Einkommen deutscher Haushalte - aufgeteilt nach Einkommensklassen

"Unten ist ein leichter Rückgang zu beobachten, in der Mitte gibt es nur geringe Zuwächse - und am oberen Rand finden deutliche Realeinkommenssteigerungen statt", erklärt Grapka der HuffPost. Auch Andreas Peichl, Leiter des Zentrums für Konjunkturforschung am Institut für Wirtschaftsforschung (ifo), bestätigt der HuffPost: "Die Zuwächse der Einkommen sind auch in Deutschland ungleich verteilt."

Allerdings sei die Entwicklung weniger dramatisch, als in den USA. Das liege auch an der Umverteilung durch den Sozialstaat in Deutschland. Die Ungleichheit sei in der Bundesrepublik weniger spürbar, weil "das Steuer- und Transfersystem deutlich mehr dagegen halten", sagt Peichl.

Dabei ist zu beachten: Die Wirtschaftsforscher vom DIW und am ifo - und auch alle anderen Ökonomen in Deutschland - haben einen weit weniger umfangreichen Datensatz zur Verfügung, als ihre Kollegen Piketty, Saez und Zucman.

Die in Deutschland verwendeten Informationen stammen aus zumeist aus dem sogenannten sozio-ökonomischen Panel - einer jährlichen Wiederholungsbefragung von über 12.000 Privathaushalten in Deutschland.

Das Panel ist zwar repräsentativ, jedoch längst nicht so aussagekräftig, wie ein auf Steuerdaten basierender Datensatz. Informationen über die Einkommen von Multimillionären und Milliardären sind in den deutschen Daten zum Beispiel nicht enthalten - und gerade diese Superreichen sind verantwortlich für die enorme Ungleichheit der Einkommensverteilung in den USA.

Der Mindestlohn konnte die Ungleichheit bei den Einkommen nicht aufheben

Auch in Deutschland könnte sich durch komplettere Daten also ein noch drastischeres Bild der Einkommensungleichheit ergeben.

Zumal auch der Mindestlohn laut DIW-Experte Markus Grapka keine Abhilfe schaffen konnte. Dieser habe zuletzt zwar eine leicht positive Entwicklung der unteren Bruttolöhne bewirkt. "Aber: Das ist vermutlich ein Einmal-Effekt. Ich gehe davon aus, dass dieser in den kommenden Jahren verpuffen wird", sagt Grapka der HuffPost.

Dafür spricht auch, dass es in den Vereinigten Staaten schon seit 1938 einen gesetzlichen Mindestlohn gibt. Im Jahr 1980 lag er inflationsbereinigt bei knapp unter 9 US-Dollar; derzeit liegt er bei 7,25 US-Dollar.

Die Zahlen von Piketty, Saez und Zucman zeigen, dass der Mindestlohn ungleichen Zuwachs der Einkommen in den USA nicht verhindern konnte. Zur Last der Armen in der Gesellschaft - und zu Gute der Reichen.

Die politischen Folgen der Ungleichheit

Welche politischen Konsequenzen jahrzehntelange Ungleichheit bei der Einkommensverteilung nach sich zieht, lässt sich an einer einzigen Person verdeutlichen: Donald Trump.

So hat das US-Magazin "Quartz" hat im März diesen Jahres Statistiken des US-Arbeitsamts ausgewertet und auf einer Karte veranschaulicht. Die Zahlen zeigen, in welchen Regionen der USA die Einkommen in den letzten 25 Jahren am meisten - beziehungsweise am wenigsten - gewachsen sind.

Das Ergebnis ist eindeutig: In den Metropolregionen an der West- und Ostküste des Landes sowie in den rohstoffreichen Staaten wie Texas oder North Dakota sind die Einkommen enorm gestiegen. Im sogenannten "Rust Belt" der USA, den verarmten Industrieregionen in Bundesstaaten wie Indiana, Michigan oder Ohio, wuchsen die Einkommen der Menschen hingegen kaum.

Ein Blick auf die Ergebniskarte der letzten US-Wahl macht klar: Es sind eben diese dahindarbenden Landstriche der Vereinigten Staaten, in denen eine Welle der Empörung und Unzufriedenheit dem Populisten Trump zum Wahlsieg verholfen haben.

Ein eindeutiges Indiz dafür, dass beständige Ungleichheit bei den Einkommen sich in politischen Extrementscheidungen niederschlagen kann. Das war auch in Deutschland schon zu beobachten. In den struktur- und einkommensschwachen Regionen der ostdeutschen Bundesländer konnte die AfD bei den vergangenen Landtagswahlen ihre besten Ergebnisse erzielen.

Das zeigt: Eine "kaputte Wirtschaft", in der die Einkommen bevorzugt zu Gunsten der Wohlhabenden verteilt werden, ist eine Gefahr für die Demokratie.

Mehr zum Thema: Alles super in Deutschland? Die Ungleichheit ist eine riesige Gefahr für den sozialen Frieden

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(lp)

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