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13/08/2017 08:54 CEST | Aktualisiert 13/08/2017 14:09 CEST

"Gemisch virulenten Hasses": US-Medien sind entsetzt über rechte Krawalle in Charlottesville - und über Trump

Jonathan Ernst / Reuters
Donald Trumps Reaktion auf die rechten Ausschreitungen in Charlottesville haben für viel Empörung gesorgt

  • Die US-Stadt Charlottesville wurde am Samstag von Rechtsextremen und Nazis heimgesucht

  • Bei einem mutmaßlichen PKW-Attentat stirbt eine junge Frau, 19 Menschen werden verletzt

  • Die US-Medien zeigten sich entsetzt über die Vorfälle in Charlottesville - und über die Reaktion Donald Trumps darauf

Donald Trump ist alles andere als ein einfühlsamer und moralisch erhabener Präsident.

Schon als Wahlkandidat schürte er regelmäßig Hass - auf Mexikaner, gegen Frauen, auf Muslime. Aussagen Trumps wie die, dass auch die Familien von Terroristen ermordet werden müssten, geraten ob des schier unaufhörlichen Wusts an Hetzbotschaften und Lügen aus dem Mund des derzeitigen US-Präsidenten fast in Vergessenheit.

Gewaltverbrechen und Attentate im eigenen Land kommentiert Trump eigentlich nur, wenn sie von mutmaßlichen Islamisten verübt wurden. Auf ein zum Glück nicht tödliches Bombenattentat auf eine Moschee vor einer Woche in Minnesota etwa reagierte der 71-Jährige einfach nicht.

Auch nach den brutalen Ausschreitungen von Nazis und Rechtsextremen in der US-Stadt Charlottesville dauerte es lange, bis Trump sich äußerte. Und so entsetzt die US-Medien über den Tag der rechten Gewalt in Charlottesville mit drei Toten waren - so entsetzt waren sie auch über die Worte des Präsidenten.

"Widerwärtiges Gemisch des virulenten Hasses"

"Das ist nicht, wer wir sind. Das ist nicht, wer wir sind", schrieb "The Daily Progress", die Lokalzeitung aus Charlottesville in einem emotionalen Kommentar. Die rechte Gewalt sei Charlottesville aufgezwungen worden. "Wörter können nicht die Trauer und den Schock ausdrücken, den wir heute spüren", schrieb die Zeitung.

Und so zitierte sie Julia Ward Howe, eine Heldin aus der Zeit des US-Bürgerkriegs: "Entwaffnet euch, entwaffnet euch. Das mordende Schwert ist nicht die Waage der Justiz. Blut wäscht keine Schande fort, Gewalt bedeutet nicht Besitz."

Der "Daily Progress" vermied es, auf Donald Trump zu sprechen zu kommen. Andere US-Medien waren nicht so gnädig mit dem US-Präsidenten.

"Wir können nicht so tun, als hätte der hässliche Fremdenhass, der sich in den Straßen von Charlottesville ergoß, nichts mit der Wahl von Donald Trump zu tun", schrieb die "New York Times". Schließlich habe David Duke, der ehemalige Führer des Klu-Klux-Clans, sogar betont, dass die Rechten "die Versprechen von Trump erfüllen".

Der rechte Mob in Charlottesville fühle sich zu Unrecht als Opfer der sogenannten politischen Korrektheit, schreibt die "NYT". Dieses Gefühl habe schon Trump zur Präsidentschaft verholfen - der US-Präsident sei wie die Rechten in den USA Teil eines "widerwärtigen Gemischs des virulenten Hasses."

"Provokationen eines Mobs unter Naziflagge"

Auf die gewaltsame Form dieses Hasses in Charlottesville habe Trump keine richtigen Worte gefunden, schreibt die "Washington Post". "Trumps Reaktion war entweder banal ('Wir müssen zusammenstehen'), kindlich ('Sehr, sehr traurig') oder bedeutungslos ('Wir werden das untersuchen')", empörte sich die Zeitung.

"Am Ende war es nicht nur ein Versagen der Rhetorik, sondern auch des moralischen Empfindens. Der Präsident konnte es nicht über sein Herz bringen, sofort den Opfern sein Mitgefühl auszudrücken oder zwischen den Tätern und Opfern zu unterscheiden. Er hat es nicht geschafft, sich auf die Provokationen des Mobs unter der Naziflagge zu konzentrieren."

Zuvor hatte Trump in einem Statement davon gesprochen, dass es "Hass und Fanatismus" auf "vielen Seiten" gebe - und vermieden, rechte Gewalt direkt und deutlich zu verurteilen.

Das Nachrichtenportal "Vox" ging in der Verurteilung Trumps noch weiter. Nicht nur habe er versäumt, die Rechtsextremen in Charlottesville für die Gewalt verantwortlich zu machen - der US-Präsident habe zudem noch "eine bewusst täuschende Geschichte" über die brutalen Vorkommnisse verbreitet.

"Jemand ist heute in Charlottesville gestorben - und der Präsident hat sich geweigert, den Mörder beim Namen zu nennen", schrieb "Vox".

"Das Amerika, das uns Donald Trump versprochen hat"

In einem viel beachteten Kommentar brachte das Magazin "GQ" die Ereignisse von Charlottesville mit einem bitteren Statement auf den Punkt. "Hass hat es in den USA immer gegeben", schrieb "GQ", "doch dieser Präsident hat ihn wieder hoffähig gemacht. Das ist das Amerika, das uns Donald Trump versprochen hat."

Die brutalen Ausschreitungen in Charlottesville seien abscheulich und grausam - "ein Mensch verlor sein Leben, weil sie gegen Hass friedlich auf die Straße ging." Doch sie seien nicht überraschend.

Nicht jeder, der für Trump gestimmt habe, sei ein rechter Hetzer. Doch jeder, der ihn gewählt habe, habe sich bewusst sein müssen, sich dadurch mit diesen Hetzern zu solidarisieren. "Zu diesem Zeitpunkt steht unser Land so kurz vor dem Zusammenbruch, wie noch nie zuvor", warnt die "GQ".

Auch in Charlottesville scheint dieses Gefühl umzugehen - auch, wenn ihm mit Trotz begegnet wird. Der "Atlantic" hat mit Bewohnern der Stadt über die rechten Krawalle gesprochen. "Hier ist noch nie so etwas passiert", sagte eine Frau dem Magazin, das sie als entgeistert beschreibt. Und wütend.

So, wie Charlottesvilles Bürgermeister Mike Signer. Der erklärte Reportern am Samstag: "Diese Welle des Hasses, der Fremdenfeindlichkeit - sie ist von außen über uns hereingebrochen." Trotzig fügte er hinzu: "Dieser Tag wird uns nicht ausmachen."

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