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11/08/2017 18:35 CEST | Aktualisiert 11/08/2017 19:19 CEST

Paderborner Ingenieur hat einen der saubersten Dieselbusse entwickelt - der Bund will die Technologie nicht fördern

Pütz/Bronnenberg
Ein Ingenieur aus Paderborn hat seine Dieselbusse zu den saubersten der Welt gemacht. Die Abgase der Fahrzeuge enthalten weniger Schadstoffe als die Umgebungsluft. Doch die Bundesregierung will die Technologie nicht fördern

  • Diesel-Busse sind an manchen Straßen in Deutschland für bis zu 30 Prozent der Stickoxid-Emissionen verantwortlich

  • Das könnte Peter Bronnenberg aus Paderborn mit seiner Busflotte nun ändern

  • Denn durch Nachrüstung erreichte er, dass die Busse nahezu kein Stickoxid mehr ausstoßen

Billiges Bier, mittelmäßiger Fußball und der kleinste Flughafen Nordrhein-Westfalens - eigentlich ist Paderborn nicht gerade bekannt dafür, Quelle weltverändernder Innovationen zu sein.

Ausgerechnet Peter Bronnenberg könnte das ändern.

Bronnenberg sieht überhaupt nicht danach aus. Er ist 60, trägt grauen Schnauzer, Anzug und Krawatte und sieht eher nach Maschinenwerk aus als nach großer Welt. Seit mehr als 20 Jahren ist der Ingenieur Geschäftsführer von Padersprinter, dem städtischen Bussystem in Paderborn. Über 100 Dieselbusse umfasst seine Flotte.

Doch Bronnenbergs Padersprinter sind nicht so wie die stinkenden Dieselbusse in anderen Städten. Ralph Pütz, Professor am An-Institut für angewandte Nutzfahrzeugsforschung der Hochschule Landshut, kommt zu dem Ergebnis: “Das ist der sauberste Diesel-Bus der Welt.”

Das Potenzial der Revolution

Bronnenbergs Entwicklung hat deshalb das Potenzial, den Verkehr in Deutschland zu revolutionieren. Seit Monaten streiten Politiker, Experten und Bürger, wie die Luft in Städten sauberer werden kann. Der Padersprinter könnte zumindest Teil der Antwort sein.

Denn: Ein großer Teil der Stickoxidemissionen in deutschen Städten geht auf Dieselbusse zurück - an sehr stark von Bussen befahrenen Straßen sind sie sogar für ein Drittel der Abgase verantwortlich. Damit könnte es bald vorbei sein, wenn es nach Bronnenberg geht.

Denn die Abgase, die aus dem Auspuffrohr seines Busses kommen, sind laut Experte Pütz sauberer als die Umgebungsluft.

“Ich habe erst gar nicht geglaubt, dass das möglich ist und mehrmals meine Systeme neu kalibriert”, sagt Pütz der HuffPost.

Möglich gemacht hat das Paderborner Abgaswunder die Nachrüstung mit einem sperrigen Konstrukt namens Abgasnachbehandlungssystem des finnischen Technologie-Unternehmens Proventia.

Das System wandelt mithilfe eines Harnstoff-Wasser-Gemisch die Stickoxide in den Abgasen in Wasser und harmlosen Stickstoff um. Dafür wird ein spezieller Katalysator in das Fahrzeug eingebaut, das Harnstoff-Wasser-Gemisch, zum Beispiel AdBlue, muss eigens getankt werden.

Bronnenberg, der Umwelt-Pionier

Seit Jahrzehnten versucht Peter Bronnenberg, seine Busflotte umweltfreundlich zu machen.

“Schon 1998 hatten wir einmal den saubersten Diesel-Bus im Linienverkehr”, sagt Bronnenberg der HuffPost. Damals setzte Padersprinter auf ein kombiniertes System, das sowohl Rußpartikel als auch zum Teil Stickoxide aus den Abgasen filterte. 2003 ließ er 24.000 Bäume anpflanzen, um Padersprinter CO2-neutral zu machen.

Um nachzuweisen, was die jüngsten Nachrüstungen bringen, hat sich Bronnenberg wissenschaftliche Unterstützung geholt - den Experten Pütz.

“Wir messen Emissionen im realen Fahrbetrieb. Dazu werden die Abgase mit einem Flowmeter abgegriffen und in den Innenraum des Buses geleitet, wo unsere Messtechnik steht”, erklärt er. Ein Flowmeter ist ein Sensor, der den Durchfluss eines Gases oder einer Flüssigkeit durch ein Rohr misst.

Pütz versichert auch, komplett unabhängig von der Wirtschaft und rein der Wissenschaft verpflichtet zu sein, lobt allerdings besonders das System des Herstellers Proventia. Von drei getesteten Systemen sei es das beste gewesen, sagt Pütz.

“Mit diesem System sind die Busse ein nahezu Null-Emissions-Fahrzeug. Die Emissionen bei einem Nutzfahrzeug, das bis zu 28 Tonnen wiegen kann, sind auf dem Niveau eines Euro-6-Diesel-Pkw.”

30 Busse nachrüsten kostet so viel wie ein neuer Bus

Und das System funktioniert nicht nur gut, es ist auch noch vergleichsweise günstig.

“Das Nachrüstsystem kostet ca. 20.000 Euro pro Bus”, sagt Bronnenberg. Er plant, zunächst 30 bis 40 Busse umrüsten zu lassen. Das koste in ungefähr so viel, wie ein neuer Elektrogelenkbus - der würde rund 650.000 Euro pro Stück kosten.

Prinzipiell könnte man dieses System auch für Pkws runterskalieren, sagt Pütz. Natürlich sei das viel billiger. Rund 3000 Euro, schätzt er.

Der Druck der Politik, auf umweltfreundliche und abgasarme Technologien zu setzen, sei auf Unternehmen wie öffentliche Verkehrsdienstleister besonders groß.

“Also sind Menschen wie Herr Bronnenberg darauf erpicht, die Emissionen zu reduzieren”, sagt Pütz. Erst jetzt durch die jüngsten Skandale würde auch die Pkw-Industrie etwas von dem Druck abbekommen.

Bisher habe die Autoindustrie kein Interesse an umweltfreundlichen Innovationen gehabt, sagt Pfütz. “Wieso soll sie die Autos auch nachrüsten, wenn andere Lösungen politisch akzeptiert werden?”

Wofür sind die 500 Millionen Euro?

Immerhin: Auf dem Diesel-Gipfel Anfang August haben Bundesregierung und Autobauer einen 500-Millionen Euro-Fonds beschlossen, der Gemeinden mit besonders hoher Luftverschmutzung zu Gute kommen soll. Auch und besonders, um die Busse sauber zu machen.

In Deutschland waren laut Kraftfahrt-Bundesamt Anfang 2016 78.345 Busse zugelassen - über 76.000 davon fahren mit Diesel. Nur 458 der Busse werden ganz oder teilweise mit Strom betrieben.

Kein Wunder: E-Busse sind nicht nur gut doppelt so teuer wie ihre Diesel-Brüder. Sie haben - wie E-Autos auch - das Problem mit zu geringer Reichweite und zu häufigen Ladezeiten.

Vor allem im Winter kann ein E-Bus nicht einen Diesel-Bus ersetzen. Die Heizung braucht viel Strom, Batterien entladen schneller. Ein E-Bus hat also in der kalten Jahreszeit eine sehr geringe Reichweite.

Trotzdem setzt die Bundesregierung gerade im Busverkehr hauptsächlich auf E-Busse - und will alternative Umrüstungen wie in Paderborn erstmal nicht subventionieren.

Mit einem 500-Millionen-Euro-Fond sollen “Maßnahmen zur Digitalisierung, intelligente Verkehrssysteme, intermodale Verkehrslösungen und eine zunehmenden Automatisierung und Vernetzung im Individual- und öffentlichen Personennahverkehr gefördert werden”, sagt ein Sprecher des Bundesumweltministeriums der HuffPost. “Eine Förderung der technischen Nachrüstung von Bestandsfahrzeugen oder Busflotten ist aus diesem Fonds nicht möglich.”

Ob sich so eine Nachrüstung wie in Paderborn lohne, werde eine Expertengruppe prüfen. Die ist allerdings noch nicht gebildet.

"Das erschließt sich mir nicht"

So richtig verstehen kann Busunternehmer Peter Bronnenberg das nicht. “Es ärgert mich, dass durch den Abgasskandal eine Technologie regelrecht kaputt geredet wird. Stattdessen setzen viele Politiker nur noch auf den Elektrohype", sagt er.

Dabei befände sich die Elektromobilität im Busbereich noch im “Stadium Jugend forscht“. Von einer Serienreife sei man noch weit entfernt.

Auch der Forscher Ralph Pütz ist empört, dass die Politik den Paderborner Versuch nicht flächendeckend bezuschussen will: “Es erschließt sich mir nicht, dass die Politik die kurzfristige Umrüstungslösung der Diesel-Busse, die zu einer nahezu Null-Emission führt, nicht fördern will und dafür auf Elektrobusse setzt, die bei weitem noch nicht serienreif sind.”

Doch eine Frage bleibt: Wird die deutsche Luft wirklich bedeutend besser, wenn die Emissionen von Bussen wegfallen? Die Antwort ist ernüchternd: Bundesweit würde sich nur sehr wenig ändern.

Von Paderborn in die Welt?

Laut den neuesten Zahlen des Umweltbundesamts war der Diesel-Busverkehr in Deutschland 2015 für 21,99 Kilotonnen Stickoxid verantwortlich. Der gesamte Straßenverkehr verursachte Emissionen von 403,54 Kilotonnen Stickoxid. Diesel-Busse haben also gerade einmal einen Anteil von rund 5,45 Prozent.

Das gilt natürlich für ganz Deutschland. Busse fahren aber hauptsächlich in den Städten. In Berlin sind zum Beispiel an bestimmten Straßen Busse für 30 Prozent der Emissionen verantwortlich. Dabei machen Busse hier nicht einmal zwei Prozent der Fahrzeuge aus.

Bronnenberg ist überzeugt, dass viele Städte in ganz Europa das Padersprinter-Konzept übernehmen würden. “Wegen der Präsentation geht der Run auf die Hersteller von Abgasnachbehandlungssystemen los”, sagt er.

Und so könnte Paderborn schließlich doch noch der Ursprung für eine Innovation sein, die die Welt zumindest ein bisschen verändert.

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(ll)

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