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11/08/2017 19:53 CEST | Aktualisiert 12/08/2017 15:06 CEST

Nordkorea ist keineswegs der isolierte Staat, für den ihn viele halten - das Kim-Regime unterhält ein verborgenes globales Netzwerk

Reuters
Nordkorea ist keineswegs der isolierte Staat, für den ihn viele halten - das Kim-Regime unterhält ein globales Geheimnetzwerk

  • Nordkorea gilt als Weißer Fleck auf der Weltkarte, als isolierter Diktatorenstaat

  • Doch seit Jahrzehnten unterhält das Kim-Regime im Verborgenen ein globales Netzwerk

  • Darüber wickelt es schmutzige Geschäfte ab, verschifft Drogen und Zwangsarbeiter - und gibt Morde in Auftrag

Nordkorea gilt als abgeschotteter und rückständiger Schurkenstaat. Der große Nachbar China sei der letzter Verbündete, heißt es.

Doch das ist aus zweierlei Sicht falsch. Einerseits ist das chinesisch-nordkoreanische Verhältnis so kühl wie seit Jahren nicht mehr. Andererseits ist das totalitäre Regime Kim Jong-uns alles andere als isoliert - und Diktator Kim Jong-un alles andere, als ein einsamer Irrer, der über einen zerfallenen Staat herrscht.

Denn Pjöngjang baut seit Jahrzehnten ein Geflecht aus militärischen Beziehungen, wirtschaftlichen Kontakten und illegalen Seilschaften auf. Die Verbindungen reichen von Berlin über Moskau bis ins namibische Windhoek - acht Fakten über das verborgene und bisweilen tödliche Netzwerk:

1. Raketentechnik aus Russland

Nordkoreas neueste Interkontinentalrakete ist die Hwasong-14. Jene Rakete stieg Ende Juli auf 3700 Kilometer Höhe und stürzte nach 47 Minuten ins Japanische Meer. In Folge des Tests verhängte der UN-Sicherheitsrat die bislang schärfsten Sanktionen gegen Nordkorea.

Anhand des Haupttriebwerks und Berechnungen konnte der international anerkannte Raketenexperte Robert Schmucker erkennen, dass dies "klar russische Triebwerke sind". Schmucker ist Professor für Raumfahrttechnik an der TU München, eines seiner Fachgebiete sind Fernwaffen in Entwicklungsländern.

Einen Nachbau schließt er im Interview mit dem Deutschlandfunk aus: Dafür bräuchte es "einen riesigen Aufwand an Fertigungsvorrichtungen, Instruktionen, Qualitätssicherung, das dauert alles jahrelang (...). Und richtig nachbauen, ohne Lizenz, hat es bis jetzt noch nie gegeben. Alle, die das versucht haben, sind gescheitert bei so etwas."

Schmucker unterstreicht gegenüber der "Deutschen Welle": "Es ist nicht nicht die russische Regierung, aber es sind Institutionen, Personen und Gruppen aus Russland und den ehemaligen Staaten der Sowjetunion, die Nordkorea helfen."

Er fügt hinzu: "Es sind Leute, die das beschaffen, rübergehen, helfen und auch mitsteuern, also dafür sorgen, dass das gut funktioniert."

Was Raketentechnik angeht, lebe Kim Jong-un davon, was er von außen bekomme - "die eigenen Leistungen sind sicher sehr schwach, wenn nicht ganz null".

Trotz Sanktionen sieht der Raketenexperte "gar kein Problem" dabei, die Technik über die russisch-nordkoreanische Grenze zu kriegen. Beide Länder haben eine gemeinsame Bahnverbindung.

Schmucker nennt ein Beispiel: "Wenn Sie einen großen Treibstofftank haben, den deklarieren Sie zum Beispiel als Silo." So würden die Raketenteile es über die Grenze schaffen.

Mehr zum Thema: Rote Lkw pendeln täglich zwischen China und Nordkorea - Experten haben einen schlimmen Verdacht

2. Attentate und Mordanschläge

Am 14. Februar diesen Jahres brachten zwei Frauen Kim Jong-uns Halbbruder um.

Am Flughafen der malaysischen Hauptstadt Kuala-Lumpur drückten sie ihm einen vergifteten Handschuh ins Gesicht. Wenige Stunden später starb Kim Jong-nam an den Folgen des Nervenkampfstoffes VX.

Nordkorea bestreitet bis heute, für den Tod Kim Jong-nams verantwortlich zu sein. Doch der vom Regime geächtete Halbbruder hatte in der Vergangenheit häufiger seinen jüngeren Bruder Kim Jong-un kritisiert und als “Marionette der Machtelite” in Nordkorea bezeichnet. Und er wäre nicht das erste Opfer nordkoreanischer Auftragsmörder.

Die Liste der von Nordkorea ausgeführten Attentate und Entführungen ist lang. Dissidenten und Deserteure werden vom Regime regelmäßig exekutiert. Viele verschwinden in den unmenschlichen Arbeitslagern des Landes.

Doch auch im Ausland operieren Nordkoreas Agenten. Schon 1968 versuchten 30 Kommandos aus Nordkorea den südkoreanischen Präsidenten Park Chung-hee zu ermorden. Nur 100 Meter von dessen Amtssitz entfernt wurden sie entdeckt; im darauf folgenden Feuergefecht starben 90 Südkoreaner, viele davon Zivilisten.

1983 versuchte Nordkorea erneut, einen südkoreanischen Präsidenten zu ermorden. Eine Bombe in Burma tötete siebzehn Regierungsbeamte Südkoreas - darunter vier Minister. Präsident Chun Doo-hwan kam mit dem Leben davon, weil er im Stau stand. 1996 tötete das Regime einen südkoreanischen Konsul in der russischen Stadt Wladiwostok.

Auch in den letzten Jahren berichteten südkoreanische Behörden regelmäßig von Versuchen Nordkoreas, Überläufer und Verräter des Regimes auszuschalten.

Prominentestes Opfer: Kim Jong-uns Onkel Jang Song-thek. Weil dieser sich an den Einnahmen aus der mit Südkorea betriebenen Sonderwirtschaftszone bereichert habe, ließ der nordkoreanische Diktator ihn hinrichten. Und mit ihm seine ganze Familie - bis hin zu den Kindern und Enkeln von Jangs Brüdern, berichtete die "Welt".

3. Handel mit Drogen

Nordkorea gilt nicht nur als politisch, sondern auch als wirtschaftlich isoliert - ein Trugschluss. Wichtigste Haupthandelspartner sind nach den Nachbarn Südkorea, China und Japan Länder wie Russland und Indien.

Zudem existiert ein Markt, auf dem Nordkorea sogar global expandiert: das Geschäft mit Drogen. Seit 1990 etwa ist das Kim-Regime im Handel mit Chrystal Meth aktiv. Laut dem Committee for Human Rights in North Korea vertreibt Nordkorea seitdem Drogen im großen Stil.

Die südkoreanische Nachrichtenseite “Dong-a Ilbo” berichtete so etwa, dass China im Jahr 2010 illegale Substanzen nordkoreanischen Ursprungs im Wert von 60 Millionen US-Dollar konfisziert habe. Im März 2013 berichtete die “Washington Post”, dass das Kim-Regime seine im Ausland arbeitenden Diplomaten angewiesen habe, in den Drogenhandel einzusteigen.

4. Illegale Geschäfte mit Waffen, Medikamenten und Falschgeld

Und der Handel mit Drogen ist nicht das einzige illegale Geschäft, in das Nordkorea verwickelt ist.

Laut der "Welt" exportiert Nordkorea heute kleinere Waffensysteme, Artillerie und Munition vor allem nach Vietnam und Myanmar, sowie in afrikanische Staaten.

Zudem habe sich Pjöngjang einen gewissen Ruf als hochprofessionelle Fälscherwerkstatt erworben: Zigaretten, Arzneimittel und Falschgeld.

So soll Nordkorea Anfang der 2000er die berüchtigten "Superdollars" in Umlauf gebracht haben - Blüten von so perfekter Qualität, dass sie kaum von den Originalen zu unterscheiden waren. Noch immer sollen Millionen davon auf dem Markt sein. Darüber hatte der US-Think Tank Heritage Foundation berichtet.

5. Diplomatenkorps als Profi-Schmuggler

27 Kilogramm Gold, Wert 1,5 Millionen Euro. Mit diesem ungewöhnlichen Handgepäck wurde Son Young-nam, Erster Sekretär der nordkoreanischen Botschaft in Bangladesch, im März 2015 am Flughafen von Dhaka erwischt.

Kein Einzelfall, wie der Sicherheits- und Verteidigungsexperte Michael Raska der "Welt" erklärte.

Raska beschäftigt sich bereits seit Längerem mit den Methoden des kommunistischen Regimes, internationale Sanktionen zu umgehen. Er sagt: "Nordkoreas diplomatisches Korps fungiert als Kanal für Schmuggelware. Sie haben eine regelrechte Quote zu erfüllen."

Das diplomatische Korps transportiere regelmäßig Drogen ins Ausland. So seien in Japan Heroin und Amphetamine aus nordkoreanischer Herstellung aufgetaucht.

6. Cyberkriminalität

Nachdem der Trojaner “WannaCry” weltweit hunderttausende Computer lahm legte, äußerten Computerexperten einen überraschenden Verdacht: Der verheerende Virus könnte aus Nordkorea stammen.

"Generell ist das Regime in Nordkorea zu solch einem Angriff höchstwahrscheinlich in der Lage", sagte Aurel Croissant, ein auf Ostasien spezialisierter Professor für Politikwissenschaft an der Universität Heidelberg, der HuffPost nach der Hacker-Attacke vom vergangenen Mai. "Das Militär hat, so weit man weiß, seit den 2000er-Jahren eine Abteilung für Cyber-Warfare."

Im März diesen Jahres nahmen zudem Behörden in den USA Ermittlungen gegen Nordkorea auf, wie der US-Sender CBS berichtete. Sie vermuten demnach, dass das Regime hinter einer Cyber-Attacke auf die New Yorker Zentralbank steckt, bei der 81 Millionen US-Dollar erbeutet wurden.

Hinter den Cyber-Attacken soll eine Hacker-Abteilung des nordkoreanischen Staates stecken, die sich Lazarus nenne.

Viel ist über Lazarus nicht bekannt - nur, dass dutzende Hacker-Angriffe in den letzten zehn Jahren der Gruppe zugeordnet werden. Darunter sind auch ein erfolgreicher Angriff auf die Server des Elektronikkonzerns Sony und eine Attacke auf die Computer des britischen Gesundheitssystems NHS.

7. Zwangsarbeiter und Staatsfirmen im Ausland

Nordkorea soll 50.000 (UN-Angaben) bis 100.000 Bürger (Schätzungen von Nordkorea-Aktivisten) ins Ausland geschickt haben, vor allem nach China und Russland, um dort für ihr Heimatland zu schuften, berichtet die britische Zeitung "The Guardian".

Diese Länder bezahlten Nordkorea für die Bereitstellung der Arbeitskräfte. Die Nordkoreaner würden häufig für gefährliche und schwere Arbeit etwa in Bergwerken und auf Baustellen eingesetzt. Sie würden schlecht behandelt und die Löhne seien sehr gering.

Pjöngjang bediene sich zunehmend dieser Methode, die Zwangsarbeit gleichkomme, um sich Devisen zu beschaffen, kritisierte der UN-Sonderberichterstatter Marzuki Darusman 2015. Er rief Nordkorea auf, die Praxis der Zwangsentsendung ihrer Bürger sofort zu stoppen.

Doch aktuelle Fälle, wie auf einer Werft in Polen oder auf den Fußball-WM-Baustellen in Russland zeigen, dass Pjöngjang an dem Verfahren nach wie vor festhält.

Hinzu kommt, dass das Regime laut der "Welt" auch Minen und Holzfirmen in Russland und Südostasien sowie Bauunternehmen in Afrika und dem Nahen Osten betreibt.

In Asien betreibt Nordkorea eine ganze Restaurant-Kette. Erst im Mai kam heraus, dass auf dem Gelände der nordkoreanischen Botschaft im Zentrum der deutschen Hauptstadt ein Hostel und ein Kongresszentrums betrieben wurden.

Die Botschaft hat diese offenbar bereits im Jahr 2004 an zwei Betreiber vermietet und soll so jeden Monat hohe fünfstellige Beträge erzielen, berichtet die "Tagesschau".

Aus dem Auswärtigen Amt hieß es dazu, die Pacht von Liegenschaften der nordkoreanischen Botschaft verstoße gegen einschlägige Resolutionen des UN-Sicherheitsrats und gegen EU-Sanktionsrecht.

8. Die Afrika-Verbindungen

Das Nationale Museum zur Landesgeschichte, der Präsidentschaftspalast oder das Verteidigungsministerium: Alles neu, alles in der namibischen Hauptstadt Winhoek - und alles erbaut von Nordkorea. Seit 2002 investierte Namibia 100 Millionen US-Dollar in Projekte, die von der Volksrepublik realisiert wurden.

Doch das Land ist keine Ausnahme in Afrika. Wie die "Washington Post" berichtet, baut das kommunistische Regime bereits seit Jahren die Infrastruktur in zahlreichen afrikanischen Staaten aus und verkauft ihnen Waffen und anderes Militär-Equipment.

Für Namibia, Eritrea, den Kongo, Angola, oder Uganda ist Nordkorea bereits seit den 1960er Jahren ein zuverlässiger Partner.

Warum das so ist, erklärte Tuliameni Kalomoh, hoher Mitarbeiter in Namibias Außenministerium, der "Washington Post": "Unsere Weltanschauung war davon bestimmt, wer während der entscheidenden Zeit unseres Unabhängigkeitskampfes auf unserer Seite war - und Nordkorea war für uns da."

Von diesen engen Bindungen profitiert nun Pjöngjang in der Krise.

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(ll)

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