NACHRICHTEN
11/08/2017 10:27 CEST | Aktualisiert 12/08/2017 01:11 CEST

Die Welt hält Kim Jong-un für einen irren Diktator - ein Nordkorea-Experte erklärt, warum das ein schwerer Fehler ist

  • Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un ist für viele eine dickliche Witzfigur

  • Der Politikwissenschaftler und Korea-Experte David Kang hält diese Einschätzung für einen schweren Fehler

  • Die wichtigsten Punkte seiner Warnung seht ihr oben im Video

Die Welt lacht über Kim Jong-un.

Schon dessen Vater war für viele Menschen eine Witzfigur, mit seiner angeblichen Pornosammlung und seinem Alkoholproblem. "Der Irre mit der Bombe", titelte der "Spiegel" einst über Kim Jong-il - sein Sohn wird in der westlichen Betrachtungsweise nun oft einfach zum "dicken Irren mit der Bombe" gemacht.

Trotz der brutalen Unterdrückung seines Volkes und Nordkoreas wachsendem Nukleararsenal wird Kim Jong-un gemeinhin nicht viel zugetraut. Auch von der US-Regierung nicht.

Ein schwerer Fehler, glaubt der Korea-Experte David Kang.

Der Professor für Internationale Beziehungen an der Southern University warnt in einem Beitrag für das Magazin "Foreign Affairs": Unter Kim Jong-un sei Nordkoreas Regime so stabil wie nie zuvor.

Kang wirft in seinem Beitrag einen durchaus ungewohnten und ungewöhnlichen Blick auf das abgeschottete Land.

Kang: "Nordkorea nicht ernst zu nehmen, geht an der Realität vorbei"

"Kim hat sechs Jahre als Machthaber von Nordkorea überlebt und dem Land gleichzeitig seine persönliche Vision auferlegt", schreibt Kang. Kims Macht sei in Nordkorea unangefochten, seine Regierung zeige keinerlei Anzeichen von einem möglichen Kollaps.

"Die Debatte, ob Kim Jong-un zurechnungsfähig ist, ist eine Gefahr für die US-Außenpolitik", schreibt Kang. Sie lenke von wichtigen Problemen wie dem nordkoreanischen Atomprogramm und den grausamen Menschenrechtsverletzungen des Regimes ab.

Kang warnt: "Die Diskussion verschleiert Kims erwiesene Fähigkeit, sein Land auf Kurs zu bringen, ohne das ihn externer Druck hat schwächen können."

Wie dieser Kurs Kim Jong-uns aussieht, lässt sich nachlesen: In der sogenannten Byingjin Doktrin. Diese gibt die "gleichzeitige Entwicklung von Nuklearwaffen und der Wirtschaft" als Priorität Nordkoreas vor - eine klare Abkehr von der "military first"-Strategie Kim Jong-ils, schreibt Kang.

Kim Jong-un habe sogar geschworen, dass sein Volk "nie mehr hungern" müsse, dass seine Bürger ein "erfülltes Leben" genießen sollen.

Die Byingjin Doktrin bedeute nicht, dass Nordkoreas Diktator jetzt weitreichende Wirtschaftsreformen eingeleitet habe. "Doch Kim Jong-un hat sein politisches Erbe an sein Versprechen geknüpft, sowohl für wirtschaftlichen Fortschritt als auch für die Entwicklung von Nuklearwaffen zu sorgen", schreibt Kang.

Und unter Kims Herrschaft mache das Land in beiden Bereichen Fortschritte.

US-Geheimdienste: Nordkorea ist im Besitz raketenfähiger Atomsprengköpfe

Was die nuklearen Kapazitäten Nordkoreas angeht, liegen der Fortschritt auf der Hand: In den vergangenen Wochen hat das Kim-Regime mehrfach Interkontinentalraketen testen lassen. Nach neuesten Erkenntnissen der Geheimdienste der USA und Japans ist das Land im Besitz raketenfähiger Atomsprengköpfe.

Doch auch Nordkoreas Wirtschaft befindet sich im Wandel. Kim Jong-un hat laut den Nordkorea-Experten des Blogs "North 38" Prozesse auf den Weg gebracht, die Privatunternehmen zunehmend Zugang zum nordkoreanischen Markt verschaffen sollen. Zudem hat er die Rüstungsausgaben des Landes begrenzt.

"Kim hat auch den staatlichen Unternehmen mehr Freiheiten darüber eingeräumt, was und für wen sie produzieren", schreibt David Kang für "Foreign Affairs". Zudem sei es Nordkoreas Farmern mittlerweile erlaubt, Ernteüberschüsse selbst zu verkaufen, sobald sie die Quoten der Regierung erfüllt haben.

Ein weiteres Indiz dafür, dass Kim Jong-un es mit seinem Fokus auf die Wirtschaftspolitik ernst meint: Zum ersten Mal seit 1980 hat Nordkorea auf dem Siebten Kongress der Arbeiterpartei Nordkoreas im August vergangenen Jahres einen Fünf-Jahres-Plan beschlossen.

Und Kim scheint mit seinem neuen Kurs durchaus Erfolg zu haben. Glaubt man den Zahlen der Zentralbanks von Südkorea, der "Bank of Korea" - und diese sind mit Vorsicht zu genießen -, dann konnte Nordkorea 2016 ein Wirtschaftswachstum von 3,9 Prozent verzeichnen - das größte seit 1999.

Kang: "Washington spielt in Kims Hände"

Diese vagen Anfänge der Modernisierung kann Kim Jong-un in Nordkorea ungestört durchsetzen. Innenpolitisch habe der Diktator seine Macht geschickt gefestigt, schreibt David Kang.

Einmal, indem er im Dezember 2013 seinen Onkel Jang Song Thaek exekutieren ließ - "eine dramatische Zurschaustellung der Macht", so Kang. Aber auch, indem er loyale hochrangige Militärs und Politkader um sich schare.

"Nordkoreas Machthaber ist sich seiner Herrschaft sicher und fühlt sich durch keinerlei äußere Bedrohung eingeschüchtert", resümiert Kang. Das jahrzehntelange Säbelrasseln vonseiten der USA habe die Nordkoreaner noch nie beeindrucken können.

Die neuerlichen aggressiven Äußerungen seitens der Vereinigten Staaten würden daran nichts ändern. "Washington spielt in Kims Hände", schreibt Kang.

Und es scheint, als wisse dieser das zu nutzen.

Mehr zum Thema: Was passiert, wenn Kim Atomraketen schickt? Die 6 wichtigsten Fragen und Antworten

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

(ben)

Sponsored by Trentino