POLITIK
10/08/2017 14:15 CEST | Aktualisiert 10/08/2017 18:34 CEST

Politiker verlieren im Deutschlandtrend dramatisch an Zustimmung - ein gefährliches Signal

  • Die Deutschen sind mit ihren Spitzenpolitikern unzufrieden

  • Das zeigt der aktuelle Sonntagstrend

  • Profitieren könnten von dieser Stimmung wieder die Populisten

Es klingt ein wenig surreal: Aber in sechs Wochen wird ein neuer Bundestag gewählt. Doch von einem echten Wahlkampf ist bisher nicht viel zu spüren.

Eigentlich sollte man meinen, dass die Parteien aus den Ereignissen der vergangenen vier Jahre gelernt haben. Etwa, dass die konstante Wortlosigkeit im Bezug auf die Zukunft dieses Landes ein gefährliches Spiel ist, weil sie bei den Menschen Unsicherheit schafft. Und dass Populisten diese Lücken liebend gern mit Hetzparolen gegen die "Eliten" dieses Landes füllen.

Nach den Wahlerfolgen der AfD in den Jahren 2015 und 2016 müssten die etablierten Parteien gerade jetzt um die Herzen und Hirne der Wähler kämpfen. Ihnen deutlich machen, wie sie dieses Land in eine bessere Zukunft führen wollen.

Wechselstimmung nicht genutzt

Doch in Berlin herrscht Stille. Die Union glaubt sich zum dritten Mal in Folge mit einem Anti-Wahlkampf zum Sieg zocken zu können. Wieder einmal glaubt man im Konrad-Adenauer-Haus, dass es schon reichen würde, wenn man die politische Konkurrenz totschweigt.

Martin Schulz und die SPD haben es ihrerseits verpasst, rechtzeitig darzustellen, wofür sie stehen. Im Frühjahr hätte die Sozialdemokratie jede nur erdenkliche Aufmerksamkeit gehabt, um den Deutschen zu erklären, was sie anders machen will. Es gab für wenige Wochen eine Wechselstimmung.

Doch statt das Momentum auszunutzen, trödelte sich die SPD mit ihrer viel zu späten Bekanntgabe ihres Wahlprogramms wieder ins Umfragetief hinein.

Wenn diese Schulzzug-Wochen im Februar und März eines gezeigt haben, dann das: Es gibt ein verstecktes Potenzial an Unzufriedenheit mit der Politik. Das zeigt sich nicht nur bei den Nichtwählern oder bei jenen, die Populisten auf den Leim gehen. Überall im politischen Spektrum gibt es Menschen, die sich einen Politikwechsel wünschen.

Kein Politiker kann im Deutschlandtrend zulegen

Und dieser Wunsch nach Veränderung ist immer noch da.

Am Mittwochabend hat die ARD ihren neuen Deutschlandtrend veröffentlicht. Bemerkenswert waren dieses Mal besonders die Zustimmungswerte für Deutschlands Spitzenpolitiker.

Nicht ein einziger (!) der zehn genannten Frauen und Männer konnte sich in der Wählergunst verbessern. Unter den Top Ten gab es acht Verlierer. Und vier von ihnen sollten sich schleunigst überlegen, was sie in den kommenden sechs Wochen noch besser machen können.

Da wäre zum einen die Kanzlerin. Angela Merkel rutschte in Sachen Wählerzufriedenheit um ganze zehn Prozentpunkte ab. Und das innerhalb eines Monats. Der Absturz geschah zwar auf hohem Niveau – immer noch sind 59 Prozent der Deutschen mit ihr zufrieden.

Und doch können solch starke Veränderungen ein Zeichen dafür sein, dass die Zustimmung für ihre Politik weit weniger gefestigt ist, als viele das im Konrad-Adenauer-Haus womöglich denken.

Martin Schulz, der tragische Held

Zu den größten Verlierern gehört auch FDP-Chef Christian Lindner. Da die ARD-Umfrage am 7. und 8. August durchgeführt wurde, darf man davon ausgehen, dass die verloren gegangene sechs Prozentpunkte mit seinen törichten Äußerungen zur Krim zu tun haben. "Spiegel Online" titelte am Wochenende: „Hätte er doch geschwiegen“. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Von Sahra Wagenknecht hatte man lange nichts mehr gehört. Bis zum Wochenende, als sie Lindner für dessen Einlassungen zur Russland-Politik Beifall spendete. Was für ein armes Land ist diese Bundesrepublik, dass ihre selbst ernannte "Kleine-Leute-Partei" nur noch dann Schlagzeilen macht, wenn es um wohlwollende Worte für die Politik von Wladimir Putin geht?

Und dann wäre da noch Martin Schulz, der tragische Held in diesen Wochen. Tatsächlich spult er Wahlkampftermine ab, er kämpft. Doch jede neue Umfrage muss ihm derzeit wie ein Schlag ins Gesicht vorkommen: Schulz kann von dem Zufriedenheitsverlust der Amtsinhaberin nicht ansatzweise profitieren. Auch er verliert vier Prozentpunkte.

Grünes Personal findet übrigens auf der Liste der zehn wichtigsten deutschen Politiker nicht statt.

Wenn der Politikverdruss gefährlich wird

Was heißt das also für diesen Wahlkampf, wenn inmitten der wichtigsten und nur alle vier Jahre stattfindenden politischen Ideenmesse fast alle Spitzenpolitiker an Zustimmung verlieren?

Für den Moment (noch) nicht viel. Denn die Werte für die Parteien sind davon unberührt – und die werden schließlich im September gewählt.

Mittel- bis langfristig sind die miesen Zufriedenheitswerte für die Einzelpolitiker jedoch eine Katastrophe. Sie repräsentieren das Wahlprogramm ihrer Partei – als Spitzenkandidaten oder als Amtsträger.

Und weil sie zuerst wahrgenommen werden – und eben nicht das Wahlprogramm – sind solche Umfragen eine Art Frühindikator.

Derzeit sind die Deutschen mit ihren Politikern unzufrieden. Und es bleibt zu hoffen, dass es die Populisten dieses Mal nicht schaffen, die Lücke zu füllen.

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(ben)

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