Die USA und Nordkorea drohen sich mit Krieg - doch in Südkorea bleiben die Menschen gelassen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
SEOUL
Die USA und Nordkorea drohen sich mit Krieg - doch in Südkorea bleiben die Menschen gelassen | getty
Drucken
  • Trotz der verbalen Eskalation zwischen Washington und Pjöngjang sind die Menschen in Südkorea sehr entspannt
  • Die vielen nordkoreanischen Raketentests der letzten Monate haben die Menschen in Seoul abgestumpft

Nachdem Donald Trump dem nordkoreanischen Regime mit "Feuer und Zerstörung" gedroht hatte, brach in der westlichen Welt geradezu eine Panik aus. Die Befürchtung: Trump könnte in seiner Unberechenbarkeit einen nuklearen Krieg auslösen.

Doch die Menschen, die von diesem am schlimmsten betroffen wären, sind nur wenig besorgt. In Südkorea herrscht vor allem eines: Gelassenheit.

Circa 56 Kilometer südlich der nordkoreanischen Grenze genießen die Einwohner eine warme Sommernacht: Sie picknicken oder bummeln durch die Straßen der südkoreanischen Hauptstadt Seoul.

Im Viertel Hongdae – ein beliebter Ort unter Studenten in der Nähe der Hongik Universität – füllten sich die Parks mit jungen Leuten, die sich mit Bier und Süßigkeiten die Zeit vertreiben. Später am Abend platzten die populären Karaoke-Bars aus allen Nähten, ebenso wie die Clubs und Street Food-Stände.

"Die Menschen hier sind schon besorgt über die Nachrichten, allerdings nicht so sehr wie die Amerikaner", sagt Crystal – eine Südkoreanerin, die in Hongdae lebt. "Die Südkoreaner wissen genau, dass Kim Jong-un nichts Dummes tun würde, um seine Macht in Gefahr zu bringen."

lampen korea
Junge Südkoreaner genießen ein Essen um Mitternacht, nachdem Trump Nordkorea mit "Feuer und Zorn" drohte

Nordkorea soll nukleare Sprengköpfe herstellen können

Trumps neueste Drohungen gegen die nordkoreanische Regierung seien nicht sehr professionell, findet Crystal. "Er ist emotional und seine Kommentare sind gefährlich."

Am 10. August drohte US-Präsident Donald Trump Nordkorea indirekt mit militärischer Gewalt. Diktator Kim Jong-un solle besser keine Drohungen mehr Richtung USA schicken. "Sie werden mit Feuer und Zorn beantwortet, wie es die Welt noch nicht gesehen hat", sagte Trump.

Die drastische Warnung des US-Präsidenten ist eine Reaktion auf Berichte der US-Geheimdienste: Sie glauben, dass Nordkorea mittlerweile in der Lage sei, nukleare Sprengköpfe herzustellen. Diese Erkenntnis folgte Behauptungen aus Pjöngjang, dass in den letzten Wochen zwei Interkontinentalraketen erfolgreich getestet worden seien.

Nordkorea antwortete schnell auf Trumps Konfrontationskurs - im typisch größenwahnsinnigen Diktatorensprech. Ein Militärsprecher der "Zentralen Koreanischen Nachrichtenagentur" (KCNA) behauptete, Pjöngjang prüfe "sorgfältig" einen Angriff auf die von den USA beanspruchte Insel Guam. Ein weiterer Militärsprecher warnte Trump, dass die "kriegsdurstigen USA einen Hysterie-Krieg ohne Einsicht" anzetteln würden.

Experten warnen vor einem militärischen Angriff Nordkoreas

Am Mittwoch dann veröffentlichte die KCNA eine neue Stellungnahme, die abermals einen Angriff auf Guam ankündigte und Trumps "Feuer und Zorn"-Drohung höhnisch kommentierte.

Rhetorisch ist der Konflikt zwischen den USA und Nordkorea also bis aufs äußerste eskaliert. Jetzt stellt sich die Frage, ob den Worten Taten folgen werden.

Die Verkleinerung von nuklearen Sprengköpfen würde in dieser Hinsicht einen großen Sprung in Nordkoreas Nuklearprogramm bedeuten - das Land könnte seine Raketen mit ihnen bestücken. Aber es bleibt unklar, ob Pjöngjang tatsächlich erfolgreiche Tests durchgeführt hat und ob seine Interkontinentalraketen tatsächlich die USA erreichen könnten.

soldat nordkorea
Ein nordkoreanischer Soldat blickt auf den Grenzübergang zu Südkorea in der demilitarisierten Zone bei Pammunjom

Die Trump-Regierung hat schon lange das Problem, dass sie nicht weiß, wie sie Nordkoreas Nuklearprogramm stoppen kann: Sanktionen, Druck auf Nordkoreas verbündeten China und Drohungen eines Angriffs haben nicht den gewünschten Effekt erzielt.

Auch der UN-Sicherheitsrat hat versucht, Nordkorea wieder auf Kurs zu bringen. In New York einigte man sich einstimmig auf neue Sanktionen, die das Kim-Regime eine Milliarde Dollar pro Jahr kosten könnten. Das Kim-Regime gab sich davon unbeeindruckt.

Bleibt ein Militärschlag die letzte Lösung in dem Konflikt? Analysten warnen, dass Nordkorea seine südlichen Nachbarn mit tausenden Kurz- und Mittelstreckenraketen angreifen würde, falls die USA tatsächlich einen militärischen Angriff durchführen würden.

Seoul setzt auf Diplomatie

Doch die Südkoreaner sind wegen der hohen Frequenz der Drohungen aus dem Norden abgestumpft.

Alex ist US-Amerikanerin, sie lebt seit zwei Jahren in Seoul. Ihre Familie mache sich viel mehr Sorgen, als sie es tue, erklärt sie der HuffPost. Nach den monatelangen Drohgebärden auf der koreanischen Halbinsel "ist hier niemand mehr verängstigt."

Inmitten der wachsenden Spannung zwischen Nordkorea und den USA will der neugewählte Präsident Südkoreas, Moon Jae-In, eine diplomatische Lösung vorantreiben. Ein Mitarbeiter des Blauen Hauses, der Residenz des Präsidenten, sagte am Mittwoch, Nordkoreas Drohungen sollten strategisch behandelt werden, statt einen Konflikt zu provozieren.

"Ich stimme nicht mit der Behauptung überein, dass die Koreanische Halbinsel einem großen Problem gegenübersteht", sagte er der südkoreanischen Nachrichtenagentur "Yonhap News Agency".

erdbeere
Der nordkoreanische Diktator Kim Jong-un feiert mit Wissenschaftlern und Technikern der "DPRK Akademie der Selbstverteidigung" den erfolgreichen Start einer Interkontinentalrakete

"Wir arbeiten daran, das Problem mit Nordkoreas Raketen endgültig und so früh wie möglich zu lösen", sagte der Präsidenten-Mitarbeiter weiter. "Und wir glauben, dass die Wahrscheinlichkeit dafür sehr hoch ist."

Quellen aus dem Weißen Haus: Trump hat "improvisiert"

US-Außenminister Rex Tillerson äußerte sich in ähnlicher Weise und sagte, dass die "Amerikaner nachts gut schlafen sollten" und dass er "keine Bedenken habe bezüglich dieser bestimmten Rhetorik in den letzten Tagen."

Quellen aus dem Weißen Haus berichteten Reportern, dass man in Trumps wütende Äußerungen "nicht zu viel reininterpretieren" dürfe. Trump habe "improvisiert" - und nicht überlegt oder bedächtig seine Worte gewählt, so wie man es von früheren U.S.-Präsidenten kenne.

Auch in der südkoreanischen Hauptstadt überlegt man nicht lange über Trumps Worte.

In einer so pulsierenden Stadt wie Seoul gehen viele erst nach einer Flasche Reisschnaps und einem koreanischen Barbecue ins Bett. Die meisten, die sich hier in den Parks, Bars und Clubs tummeln, bleiben angesichts des Wortgefechts zwischen Präsident Trump und Diktator Kim gleichmütig.

Die USA erscheinen hier weit weg, tausende Kilometer entfernt – und doch sind auch sie nun in Reichweite von Pjöngjang. Und von der südkoreanischen Gelassenheit sind die Bürger der Vereinigten Staaten noch weit entfernt.

Dieser Artikel erschien zuerst in der HuffPost USA und wurde von Andreas Marx übersetzt.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

(jg)

Korrektur anregen