"Sie machen, was Hitler nicht geschafft hat": Erdogans Chefberater wirft Deutschland Eroberungspolitik vor

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BILIT
"Sie machen, was die Nazis nicht geschafft haben": Erdogans Chefberater wirft Deutschland Eroberungspolitik vor | TRT
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  • Erdogans Chefberater Bulut hat im türkischen Fernsehen vor deutschen Eroberungsplänen gewarnt
  • Im Rahmen der EU-Politik übernehme Deutschland die Kontrolle über Südosteuropa
  • Experten erklären, welche Strategie hinter den brisanten Aussagen steckt

Dieser Tage könnte man fast den Eindruck gewinnen, dass die Spannungen zwischen der Türkei und Deutschland abklingen. Vorbei ist die Phase, in der Tag für Tag neue Kampfansagen aus Ankara und Empörung aus Berlin zu vernehmen waren.

Doch der Schein trügt. Unter der Oberfläche brodelt der Konflikt weiter. Mehr noch: In der Türkei spitzt sich die antideutsche Stimmung gerade weiter zu. Ein Schlaglicht darauf wirft ein Interview, das der Chefberater des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, Yigit Bulut, am Dienstag im türkischen Fernsehen gab.

Im öffentlich-rechtlichen türkischen Sender TRT-Haber warf Bulut Deutschland vor, im Rahmen der EU eine Eroberungspolitik zu verfolgen. "Deutschland hat die Banken übernommen und die Fabriken in ehemals sowjetischen Ländern“, sagte Bulut.

Im Rahmen von EU-Beitrittsverhandlungen habe Deutschland so die Wirtschaft dieser Länder übernommen, behauptete Bulut, den der türkische Präsident im Jahre 2013 zu seinem Chefberater ernannt hatte. Das heutige Deutschland habe das erreicht, woran Adolf Hitler mit Panzern gescheitert sei.

Zum Hintergrund: Die EU verhandelt neben der Türkei gerade mit Serbien und Montenegro über einen EU-Beitritt. Auch Albanien und Mazedonien sind Kandidaten für Verhandlungen.

Auch Griechenland sei mittlerweile fast völlig unter der Kontrolle Deutschlands, so der Erdogan-Vertraute, den der Tagesspiegel wegen seinem Hang zu Verschwörungstheorien einst den "Steve Bannon der Türkei" nannte – in Anlehnung an den Top-Strategen des US-Präsidenten Donald Trump, der für ähnlich exzentrische Weltsichten bekannt ist.

Einmal behauptete Bulut gar, fremde Mächte würden Erdogan per Telekinese töten wollen, wie der "Spiegel" berichtete.

"Ziel ist es, bei den Türken eine antideutsche Euphorie zu schüren"

Der ins Exil geflohene türkische Journalist Abdullah Bozkurt veröffentlichte einen Ausschnitt des Interviews bei Twitter.

"Diese Aussagen bei TRT haben eine weitreichende Durchschlagskraft in das türkische Kernland. Das Ziel ist es, bei den Türken eine antideutsche Euphorie zu schüren“, erklärte Bozkurt der HuffPost.

Bulut wolle damit die Verhandlungsposition Erdogans verbessern, glaubt der ehemalige Chefredakteur des "Today's Zaman“. Die antideutsche Haltung vieler Türken solle so den Druck auf die Bundesregierung erhöhen.

In der Türkei gilt Bozkurt als Gülenist und somit als Terror-Unterstützer. In einem Gastbeitrag bei "Focus Online" erklärte Bozkurt hierzu:

"Ich selbst verstehe mich nicht als Gülen-Anhänger, finde allerdings von ihm vertretene Ideen wie Mäßigung, Bürgerbeteiligung sowie Dialoge zwischen Religionen und Kulturen recht überzeugend. Ich schätze sein langjähriges Engagement für kritisches Denken, analytisches Vorgehen und moderne wissenschaftliche Bildung für Muslime."

Erdogan will eine neue Türkei aufbauen

Doch hinter den Aussagen im türkischen Fernsehen könnte mehr stecken als eine reine Verhandlungsstrategie. Denn Erdogan-Berater Bulut – das haben von Wikileaks geleakte Nachrichten im vergangenen Jahr gezeigt – unterhält enge Verbindungen zu Erdogans Schwiegersohn, dem Energieminister Berat Albayrak.

Sein Einfluss auf die politische Entscheidungsfindung soll somit ungleich größer sein, als der vieler anderer Erdogan-Berater.

Noch befindet sich die Türkei in Beitrittsverhandlungen mit der EU. Erfolgsversprechend sind diese nicht, zu groß ist die Kritik aus den europäischen Hauptstädten an Erdogans Kurs. Dennoch forderte der türkische EU-Minister Ömer Celik kürzlich, die Verhandlungen fortzuführen. Ein Kurswechsel der Türkei in dieser Causa scheint nicht ausgeschlossen.

Das brisante Interview bei TRT Haber passt derweil in das Schema einer neuen Europafeindlichkeit, die aktiv von der AKP-Regierung geschürt wird.

Der Türkei-Experte Henri J. Barkey von der Lehigh University erklärte dazu in der HuffPost: "Erdogan beabsichtigt, eine neue Türkei aufzubauen. Eine Türkei, die sich von den frühen kemalistischen Wurzeln entfernt und sich der osmanischen Tradition annähert.“

Mehr zum Thema: Erdogans Drohungen Richtung Europa werden immer wahnsinniger – doch seine Strategie scheitert

Erdogan versuche sich so eine neue Basis von Anhängern aufzubauen, die nationalistisch, fromm und ausländerfeindlich ist. Damit wolle der türkische Präsident immun gegen die abwehrende Haltung werden, die er aus dem Westen gegen seine "neue Türkei" und seinen neuen Autoritarismus erwarte.

Besonders Deutschland wird deshalb immer wieder das Ziel von Verbalattacken. Wohl auch, weil die Bundesregierung bislang nur zurückhaltend auf die türkischen Provokationen antwortet.

“Europa anzugreifen, war für Erdogan eine Freikarte", erklärt Experte Barkey. "Er hat nie einen Preis bezahlt."

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(jg)

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