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10/08/2017 20:41 CEST | Aktualisiert 11/08/2017 15:57 CEST

Was passiert, wenn Kim Atomraketen schickt? Die 6 wichtigsten Fragen und Antworten

Toru Hanai / Reuters
Was passiert, wenn Kim die Atombomben schickt? 6 Schritte, wenn die Nordkorea-Krise wirklich eskaliert

  • Diktator Kim Jong-un und US-Präsident Donald Trump schaukeln die Nordkorea-Krise gegenseitig mit Drohungen hoch

  • Bisher blieb es bei beiden Seiten bei Verbalattacken, hundertprozentig ausschließen lässt sich ein Krieg jedoch nicht

  • Was würde passieren, würde das kommunistische Regime mit einer Atomwaffe angreifen?

Die Atomuhr steht auf zweieinhalb Minuten vor 12 Uhr. So kurz wie seit der Hochphase des Kalten Krieges in den 1950er Jahren nicht mehr.

Damals rückte der Zeiger nach dem Ende des Koreakriegs auf 11:58 Uhr. Die koreanische Halbinsel könnte nun erneut zum Schauplatz für einen Krieg werden - aufgrund der atomaren Aufrüstung beider Seiten, der USA und dem kommunistischen Regime von Nordkorea, hätte dies fatale Folgen für die ganze Welt.

Doch wie würde ein solches - derzeit sehr hypothetisches - Szenario aussehen? Das sind die 6 wichtigsten Fragen und Antworten:

1. Warum würde Nordkorea zuerst losschlagen?

Der Erstschlag wäre genau jenes Szenario, mit dem das aggressive und zunehmend mächtigere Nordkorea seit Jahrzehnten droht, schreibt Nordkorea-Experte Ryan Pickrell in einem umfassenden Beitrag für die US-Nachrichtenseite "Daily Caller News Foundation".

Während dem kommunistischen Regime lange Zeit die notwendigen Waffen fehlten, soll es Pjöngjang nun gelungen sein, Atomsprengköpfe für seine Interkontinentalraketen zu entwickeln. Bereits zwei Stück dieser Raketen testete das Regime erfolgreich.

Laut dem schwedischen Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) soll Nordkorea derzeit 10 bis 20 Atombomben besitzen.

Zum Vergleich: Die USA hätten mindestens 6800 atomare Sprengkapseln zur Verfügung, wovon aber nur weniger als ein Drittel tatsächlich einsatzbereit seien.

Ein Angriff der USA auf Nordkorea benötigt hingegen die "kräftige und volle Unterstützung" von Südkoreas Regierung, betont John Delury im Gespräch mit der HuffPost UK. Er ist Dozent für Südostasien-Studien an der Yonsei University in Seoul.

Sollte Nordkorea sich bedroht fühlen, könnte das Regime zuerst zuschlagen - um einen taktischen Vorteil zu haben.

Mehr zum Thema: Niemand hat Kims Nummer: Experten weisen auf ein beunruhigendes Detail im Nordkorea-Konflikt hin

2. Was wären die Ziele Nordkoreas?

Erst am Donnerstag hat Nordkorea damit gedroht, mehrere Raketen auf Guam abzufeuern. Auf der von 160.000 Menschen bewohnten US-Pazifikinsel befindet sich ein strategisch wichtiger Stützpunkt des amerikanischen Militärs.

Zwar betont das Regime von Kim Jong-un fortwährend, amerikanisches Festland bombardieren zu wollen. Allerdings ist solch ein Angriff eher unwahrscheinlich.

Vielmehr wird ein Großangriff wohl die Nachbarn Südkorea und Japan treffen. Schon in der Vergangenheit drohte Pjöngjang Seoul mit einem "Flammenmeer" und Tokio mit "nuklearen Flammen".

In beiden Ländern leben insgesamt 180 Millionen Menschen, etwa 75.000 US-Truppen sind dort stationiert.

Falls sich Nordkorea zu einem Angriff entschließt, würde die Volksarmee vor allem Militärbasen, strategische Ziele und bevölkerungsreiche Gebiete attackieren - so wie Südkoreas Hauptstadt Seoul, die nur 50 Kilometer vom Norden entfernt liegt.

Pjöngjang hofft, "dass uns der Schock zurückschrecken wird und falls nicht, dass der Schaden uns verlangsamt", erläutert der renommierte Militärexperte Jeffrey Lewis der "Daily Caller News Foundation".

Nordkorea würde wohl nur Japan mit Nuklearwaffen angreifen. Gegen seinen unmittelbaren Nachbarn Südkorea wäre das wohl zu gefährlich.

Mehr zum Thema: Die USA und Nordkorea drohen sich mit Krieg - doch in Südkorea bleiben die Menschen gelassen

3. Wie würden die USA, Südkorea und Japan reagieren?

Die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten wären in jedem Fall auf einen nordkoreanischen Nuklearschlag vorbereitet, unterstreicht Nordkorea-Experte Pickrell in seiner Analyse.

Japan vertraut zum Großteil auf US-Verteidigung.

Südkorea hingegen baut auf ein dreistufiges Verteidigungssystem:

Die erste Stufe wäre ein Präventivschlag, der die Offensiv-Fähigkeiten des Nordens beseitigen soll. Ein "Kill Chain"-System erkennt Anzeichen eines bevorstehenden Starts einer Atomrakete und greift sofort die Nuklearwaffenstandorte und Raketenbasen im Norden an.

Für den Fall, dass ein Atomangriff des Nordens unmittelbar bevorsteht, könnten die alliierten Streitkräfte versuchen, die Raketen des Nordens direkt beim Start zu beseitigen. Mike Mullen, Ex-US-Navy-Admiral und der ehemalige Vorsitzende des Vereinigten Generalstabs, erklärte schon im September 2016, dass die US-Armee die Fähigkeit für solche Operationen hätte. Ein solches Vorgehen wird auch regelmäßig von US- und südkoreanischen Streitkräften geübt.

Die zweite Stufe ist ein System namens Korea Air und Missile Defense (KAMD). Dieses wurde entworfen, um eingehende Raketen abzufangen. Das KAMD wurde bereits Anfang des Jahres mit einem US-Abwehrsystem gegen ballistische Raketen erweitert.

Die dritte Stufe ist ein Plan namens Korea Massive Punishment and Retaliation (KMPR). Der beinhalte untere anderem gezielte Provokationen und Attacken auf militärische Einrichtungen des Nordens, auch gegen die kommunistische Führung.

Klar ist: Zwar haben Südkorea und Japan ihre eigenen Kampfeinheiten. Doch im Falle einer solch schweren Krise wären beide Länder bei der Verteidigung auf die USA angewiesen, wie Pickrell sagt.

4. Antwortet die USA mit der Atombombe?

Egal, ob der nukleare Erstschlag Nordkoreas erfolgreich verlaufen würde oder nicht: Vielfach wird angenommen, dass die USA ebenso Atomwaffen gegen den Norden einsetzen würden.

Experten sehen das anders.

"Die US-Nuklear-Strategie hat sich von der automatischen Antwort - 'Wenn sie Atombomben einsetzen, setzen wir sie auch ein und löschen all ihre Städte aus' - entfernt", wie Bruce Klingner der "Daily Caller News Foundation" sagt. Er ist auf koreanische und japanische Politik spezialisiert und forscht bei der US-Denkfabrik Heritage Foundation.

Klingner fügt hinzu, wenn Nordkorea einen Atomkrieg startet, "gibt es möglicherweise keine automatische nukleare Antwort, wenn wir unsere Ziele auch durch andere Mittel erreichen können".

Zudem ist der Einsatz der Atombombe eine politische Entscheidung, die auch aufgrund der öffentlichen Reaktionen beschlossen werden würde.

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5. Was wären die größten Schwierigkeiten?

Ein Problem für die Gegenattacken ist, dass Nordkorea zunehmend mobile Abschussrampen einsetzt, verteilt über das ganze Land.

Zugleich hat die Volksarmee begonnen, vermehrt Feststoff-betriebene Raketen einzusetzen.

Im Gegensatz zu Flüssigkeits-betriebenen Raketen "benötigen diese weniger personelle Unterstützung und können schneller eingesetzt werden", sagt Kelsey Davenport, Nordkorea-Expertein der Arms Control Association, dem "Business Insider".

Deshalb können die Feststoff-Raketen mit wesentlich weniger Aufsehen abgeschossen werden und sind dementsprechend schwieriger zu tracken.


Zudem würde mit einem US-geführten Präventivschlag, um dem Abschuss der nordkoreanischen Raketen zuvorzukommen, ein Dilemma einhergehen:

Ein solcher ist diplomatisch weit schwieriger zu rechtfertigen als ein Verteidigungskrieg. Insbesondere, wenn anschließend der fast unvermeidliche Krieg ausbricht.

6. Was wären die Folgen?

Zwar sind die USA und ihre Verbündeten im Vorteil. "Aber jeder Krieg auf der koreanischen Halbinsel wäre höchstwahrscheinlich ein Konflikt mit vielen Opfern", stellt Pickrell klar.

Teil von Südkoreas KMPR-Plan ist der Einsatz von Spezialeinheiten, um neuralgische Punkte des Nordens zu lähmen und dessen Führung auszuschalten. Zugleich würde der Süden seine Raketen- und Artilleriekräfte mobilisieren.

Dennoch: Der KMPR-Plan konzentriert sich auf die vollständige Vernichtung der wichtigsten strategischen Punkte von Pjöngjang. "Die Hauptstadt des Nordens wird zu Asche und von der Karte verschwinden", erklärt ein nicht genannter Verteidigungsbeamter der "Korea Times".

Da Nordkorea wohl zum Großteil auf konventionelle Waffen in einem Krieg gegen Südkorea setzt, "wird es kaum einen langwierigen militärischen Konflikt überleben", betont Pickrell.

Anders sieht es aus, wenn der Norden tatsächlich Massenvernichtungswaffen gegen seinen südlichen Nachbarn einsetzt:

Dann könnte die Volksrepublik "massiven Schaden in Seoul und seinen umliegenden Gebieten verursachen", glaubt Bruce Bennett, Verteidigungsforscher bei der US-Denkfabrik RAND Corporation, im Gespräch mit der "Daily Caller News Foundation".

"Wenn Nordkorea sich zurückhält und nur konventionelle Waffen bei einem Angriff auf Südkorea einsetzt, ist es unwahrscheinlich, dass es die Verteidigung Südkoreas überwältigen kann. Aber wenn es Massenvernichtungswaffen und andere asymmetrische Ansätze nutzt, kann der Norden die südkoreanischen Verteidigung überwinden - es gibt immer große Unsicherheiten in jedem Krieg", sagt Bennett.

Der Ex-US-Verteidigungsminister Ashton Carter ist dennoch zuversichtlich, "dass das Ergebnis dieses Krieges die Niederlage von Nordkorea sein würde".

Dennoch wäre es ein Krieg, dessen Intensität die Gewalt des letzten Koreakriegs deutlich in den Schatten stellen würde. Millionen Tote könnten die Folge sein, sollte die Metropole Seoul vom Norden getroffen werden. Auch der Schaden für die Weltgemeinschaft wäre erheblich.

Mehr zum Thema: Wie wahrscheinlich ist ein Krieg zwischen den USA und Nordkorea? Diese 5 Fakten müsst ihr kennen

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(ll)

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