Studie: Forscher können Menschen mit Depressionen an den ihren Online-Bildern erkennen

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Depressive Menschen neigen dazu, eher dunklere Fotos mit weniger Gesichtern zu verwenden | da-kuk via Getty Images
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  • Forscher haben einen Algorithmus entwickelt, der anhand bestimmter Vorgaben Instagram-Bilder analysiert
  • Er konnte in 70 Prozent aller Fälle exakt bestimmen, ob der jeweilige Nutzer an Depressionen litt
  • Die Studienergebnisse decken sich mit bisherigen Beobachtungen

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, so lautet das Sprichwort. Und vielleicht kann ein Bild sogar zu einer lebensrettenden Diagnose führen. Einer aktuellen Studie zufolge könnten deine Bilder in den sozialen Medien Hinweise auf deine mentale Verfassung liefern.

In einer kleinen Studie mit 166 Teilnehmern untersuchten die Wissenschaftler mehr als 43.000 Bilder in den Instagram-Profilen der Kandidaten. Zudem stellten die Wissenschaftler den Studienteilnehmern Fragen zu ihrem bisherigen psychischen Gesundheitszustand. Etwas weniger als die Hälfte der Teilnehmer war innerhalb der letzten drei Jahre mit Depressionen diagnostiziert worden.

Ein Algorithmus kann anhand der Bilder bestimmen, ob jemand an Depressionen leidet

Anschließend entwickelten die Wissenschaftler einen Algorithmus, der bestimmte Bestandteile der Instagram-Bilder analysierte, wie beispielsweise die Farben, die Anzahl der Menschen auf den einzelnen Bildern und die Anzahl der Kommentare und Likes, die das jeweilige Bild erhalten hatte. Die Studienteilnehmer, die an Depressionen litten, posteten typischerweise vermehrt Bilder in Blautönen und mit dunkleren Farben, auf denen weniger Gesichter zu sehen waren.

Außerdem verwendeten die Studienteilnehmer, die an Depressionen litten, beim Bearbeiten und Hochladen von Fotos seltener Filter. Wenn sie sich doch dafür entschieden, ihr Bild zu verschönern, “wählten sie unverhältnismäßig häufig den Filter ‘Inkwell’ aus, der Farbbilder in Schwarz-Weiß-Bilder umwandelt”, schrieben die Autoren der Studie. Die geistig gesunden Teilnehmer verwendeten hingegen häufiger den Filter “Valencia”, der den Bildern einen kräftigeren Farbton verleiht.

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Depressive Menschen neigen dazu, eher dunklere Fotos mit weniger Gesichtern zu verwenden. Credit: Gettystock

Anhand ihrer Beobachtungen zu den ausgewählten Bildern und Filtern erstellten die Wissenschaftler schließlich einen Algorithmus, der in 70 Prozent aller Fälle exakt bestimmen konnte, ob der jeweilige User an Depressionen litt. Das Computer-Programm erkannte die Anzeichen für Depressionen sogar auf Bildern, die noch vor der offiziellen Diagnose gepostet worden waren.

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Kann man in Zukunft mithilfe von Technik psychische Erkrankungen erkennen?

Bei der Studie handelte es sich um einen sogenannten “Proof of Concept”, was im Grunde genommen bedeutet, dass überprüft wird, ob eine Theorie auch im echten Leben Anwendung findet, und deshalb sollte man die Ergebnisse im Moment noch nicht allzu ernst nehmen.

Erstens war der Rahmen der Studie klein und zweitens hatten die Studienteilnehmer bestimmte Eigenschaften gemeinsam: Sie waren bereit, an Studien zu ihrem psychischen Gesundheitszustand teilzunehmen. Und sie waren in den sozialen Medien relativ aktiv.

Nach Aussage von Chris Danforth, stellvertretender Direktor am Computational Story Lab der University of Vermont und Autor der Studie, lässt sich aufgrund dieser Faktoren nur schwer beurteilen, ob man die Studienergebnisse auch auf durchschnittliche Instagram-User übertragen kann.

Die Wissenschaftler hoffen jedoch, dass diese Ergebnisse auch andere Wissenschaftler dazu ermuntern, weitere Studien zur Schnittstelle zwischen Technik und den Anzeichen von Depressionen durchzuführen, da dies dazu beitragen könnte, dass psychische Erkrankungen in Zukunft früher entdeckt werden.

Studienergebnisse decken sich mit bisherigen Beobachtungen

“Es besteht durchaus die Hoffnung, dass sich aus dieser Idee irgendwann ein Programm entwickeln lässt, mit dem Betroffene in Zukunft schneller Hilfe finden”, so Danforth im Interview mit der HuffPost USA. Er fügte hinzu, dass dieses Programm unter Umständen Ärzten bei der Diagnose von Patienten helfen könnte, die nur einmal im Jahr für einen allgemeinen Gesundheits-Check-up vorbeikommen.

Außerdem decken sich die Ergebnisse der Studie mit den bisherigen Beobachtungen von Spezialisten für psychische Erkrankungen, erklärte Danforth. Depressive Menschen ziehen sich meist von sozialen Kontakten zurück, und deshalb ergibt es auch Sinn, dass auf ihren Fotos seltener andere Menschen zu sehen sind. Sie nehmen ihre Umgebung düsterer wahr, fuhr Danforth fort, was wiederum eine Erklärung für die Fotofilter ist, die sie am häufigsten auswählen.

Weltweit leiden knapp 300 Millionen Menschen an Depressionen. Im Idealfall könnten derartige Technologien dazu beitragen, den Betroffenen die medizinische Versorgung zu verschaffen, die sie benötigen, erklärte Danforth. Vor allem, wenn sie selbst gar nicht wissen, was mit ihnen los ist, oder wenn sie es nicht schaffen, sich Hilfe zu holen.

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"Manchmal verhalten Betroffene sich auffällig, ohne sich selbst bewusst darüber zu sein”

“Unser eigentliches Ziel ist es, ein Programm herzustellen, das die Stimme, die Bewegungen und die Social-Media-Profile eines Menschen überwacht - also all die Informationen, die man sowieso schon auf unseren Handys findet”, sagte Danforth.

“Anhand dieser Informationen könnten die Ärzte dann ableiten, wann sie eingreifen müssen, oder sie könnten zumindest mehr über ihre Patienten herausfinden. Denn manchmal verhalten Betroffene sich auffällig, ohne sich selbst bewusst darüber zu sein.”

Da die sozialen Medien eine reichhaltige Quelle für persönliche Daten sind, nutzen Wissenschaftler sie immer häufiger für Untersuchungen zur Lebensweise von Menschen. Im Jahr 2013 veröffentlichten Wissenschaftler der University of Vermont einen umfassenden Bericht darüber, in welchen amerikanischen Bundesstaaten die glücklichsten oder die unglücklichsten Menschen lebten. Der Bericht war anhand von mit Ortsangaben versehenen Tweets erstellt worden.

Da die sozialen Medien auch in Zukunft Teil unseres Lebens bleiben werden, kann es für alle Beteiligten nur von Vorteil sein, wenn sie in wichtige medizinische Studien miteinbezogen werden. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift "EPJ Data Science" veröffentlicht.

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei der HuffPost USA und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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(lm)

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