POLITIK
08/08/2017 15:41 CEST | Aktualisiert 08/08/2017 22:42 CEST

Der ehemalige SPD-Wahlkampfberater Frank Stauss analysiert schonungslos die Fehler der Schulz-Kampagne

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SPD-Politikberater Frank Stauss analysiert schonungslos die Fehler der Schulz-Kampagne

  • Die SPD steht im Wahlkampf vor einer fast aussichtslosen Aufholjagd

  • SPD-Politstratege Frank Stauss glaubt weiterhin an die Chance von Martin Schulz

  • In der HuffPost erklärt er, was bislang falsch gelaufen ist – und was sich nun ändern muss

"Nichts ist entschieden", sagte Altkanzler Gerhard Schröder am 25. Juni in Dortmund. Beim Bundesparteitag der SPD war die Stimmung kämpferisch, fast euphorisch. Für die Sozialdemokraten schien klar: Jetzt startet die Aufholjagd.

Seither zeigten die Umfragewerte allerdings nur in eine Richtung: nach unten. Rund sechs Wochen vor der Bundestagswahl stehen die Sozialdemokraten nur noch bei 23 Prozent.

Sind Martin Schulz' Kanzlerambitionen damit gestorben? Und wie konnte es nach dem furiosen Start überhaupt so weit kommen?

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Frank Stauss (52) ist Autor des Bestsellers "Höllenritt Wahlkampf“


Einer, der das beurteilen kann, ist Frank Stauss. Die "FAZ" nannte Stauss einst die "SPD-Geheimwaffe", den "Mann für aussichtslose Fälle". Er ist seit 25 Jahren Wahlkampfstratege, hat unter anderem für Klaus Wowereit, Gerhard Schröder und Hannelore Kraft Kampagnen gestaltet.

Stauss analysiert schonungslos die Fehler der SPD. "Als die Umfragewerte so rapide hochgegangen sind, haben wohl einige bei der SPD gedacht, das Gerechtigkeitsthema alleine sei der Bringer schlechthin", sagt Stauss der HuffPost. Dann sei zu wenig nachgelegt worden.

"Man hatte zeitweise fast das Gefühl, da wurde eine Pause gemacht. Das sind alles Probleme, die entstehen, wenn man über eine Kandidatur so spät entscheidet", kritisiert Stauss. Er sieht die Schuld bei Schulz' Amtsvorgänger Sigmar Gabriel.

Das Problem sei daher auch die Organisation der Kampagne gewesen. "Man muss ein Team haben, wo Vertrauen herrscht, ein Team, das eingespielt ist", erklärt Stauss.

Trotzdem habe Martin Schulz noch immer die Chance auf den Wahlsieg. Der SPD-Chef habe "keinen kapitalen Fehler gemacht, trotz des Dauerfeuers". "Er ist im Blick der Wähler nicht belastet, hat noch immer eine hohe Glaubwürdigkeit", glaubt der Kommunikationsexperte.

Die Union sei allerdings nur über Angela Merkel zu knacken – und die sei schwer angreifbar: "Wer nichts macht, macht keine Fehler."

Das gesamte Interview lest ihr hier:

HuffPost: Sie haben kürzlich etwas sehr Schönes gesagt: Für viele Wähler sei der Urlaub wie dieser Apparat aus "Men in Black", der das Gedächtnis auslöscht. "Sie kommen zurück und schauen noch mal neu hin." Wie kann man sich das vorstellen: Die Leute kommen aus den Ferien und haben keine Lust mehr auf Frau Merkel?

Stauss: Nein. So leicht ist es dann leider – oder zum Glück – auch nicht. Aber es ist so, dass viele im Urlaub in einem ganz anderen Modus sind. Das ist eine sehr unpolitische Phase, das haben wir immer wieder erlebt. Das heißt: Es gibt danach wieder eine gewisse Offenheit, verbunden mit einer gewissen Oberflächlichkeit. Viele kommen erst im September aus dem Urlaub zurück, dann sind es noch 14 Tage zur Bundestagswahl. Dann schlägt die Stunde der Spätentscheider, von denen es immer mehr gibt.

Und dann?

Dann werden sie durch die Medien, durch ein Trommelfeuer erinnert, dass sie sich entscheiden müssen. Und erst dann wird wieder konzentriert hingeguckt. Auch 2005 wurde die Wahl sehr spät entschieden.

Das bedeutet, die SPD muss jetzt abliefern. Denn gut liefen die letzten Wochen nicht.

Nein, dass es gut lief, kann man wirklich nicht sagen. Jetzt wird das größte Problem, den Eindruck zu erwecken, dass das Rennen noch offen ist. Wenn man in so einer Spirale ist, gibt es kaum einen Medienbericht, der nicht auf die problematische Situation eingeht. Egal welches Thema man setzt, es wird immer heißen: Das ist Verzweiflung, das ist die letzte Chance, das ist Frust. Wichtig ist, dass die SPD jetzt ihre Arbeit auf der Bundesebene ins Zentrum des Wahlkampfes rückt. Der Zukunftskongress und Martin Schulz’ Rede zum modernen Deutschland sind ein gutes Fundament.

Gleichzeitig muss die SPD in Niedersachsen Schadensbegrenzung betreiben...

Das kann man nicht wegdiskutieren. Aber das kann man auf Bundesebene auch kaum beeinflussen. Wichtig ist: Martin Schulz und sein Team müssen ihr Ding durchziehen.

Das wird schwer genug. Erst wurde Schulz vorgeworfen, er liefere keine Inhalte. Jetzt wird er kritisiert, zu viel Inhalt, sehr konkrete, aber wenig griffige Konzepte zu präsentieren. Ist das nicht wahnsinnig frustrierend?

Das ist die Gnadenlosigkeit des Politikbetriebs, der von Umfragen getrieben wird. Davon darf man sich nicht kirre machen lassen. Wichtig ist, dass die Partei weiß, dass die inhaltliche Substanz da ist. Die SPD hat eines der am besten ausgearbeiteten Programme. Die Hauptaussage ist: Deutschland geht es gut, aber sind wir gut genug aufgestellt für die Zukunft? Für einen solchen Wahlkampf hat Schulz viele Pfeile im Köcher.

Aber hat da die SPD dann am Anfang nicht auf die falschen Worte gesetzt? Da klang es oft so, als gehe es Deutschland eben nicht gut. "Wir müssen uns für die Zukunft rüsten“, das verorten derzeit wohl viele eher bei der FDP...

Das glaube ich nicht. Die Frage nach einer gerechten Gesellschaft ist eine der drängendsten Fragen. Nur eine gerechte Gesellschaft ist eine erfolgreiche Gesellschaft. Der ganze Prozess der Digitalisierung, die Reformen bei der Rente, aber auch die Investitionspflicht, die Schulz endlich thematisiert hat, das sind wichtige Themen. Das war immer Kern der Programmatik. Klar ist allerdings: Man ist damit am Anfang nicht durchgedrungen. Es macht jetzt aber keinen Sinn mehr zurückzublicken.

Hat Martin Schulz die Strahlkraft des Wortes "Gerechtigkeit“ überschätzt?

Ich muss sagen: So eine Phase wie zwischen Januar und März dieses Jahres habe ich noch nie erlebt – und ich mache seit 25 Jahren Wahlkämpfe. Das es eine solche Sehnsucht nach einer Alternative zur Kanzlerin gab, war schon bemerkenswert. Als die Umfragewerte so rapide hochgegangen sind, haben wohl einige bei der SPD gedacht, das Gerechtigkeitsthema alleine sei der Bringer schlechthin. Und es hat am Anfang ja auch funktioniert, weil Schulz hier eine hohe Glaubwürdigkeit hat.

Aber...

Dann wurde zu wenig nachgelegt. Da sind sich alle einig. Man hatte zeitweise fast das Gefühl, da wurde eine Pause gemacht. Das sind alles Probleme, die entstehen, wenn man über eine Kandidatur so spät entscheidet.

Entstand auch deshalb der Eindruck, dass der Wahlkampf schlecht geplant ist? Es gab ja doch einige Pannen.

Ja. Ich bin ein großer Anhänger von Organisation. Man muss ein Team haben, wo Vertrauen herrscht, ein Team, das eingespielt ist. Das ist aber die Schuld von Schulz’ Amtsvorgänger, der die Entscheidung so lange hinausgezögert hat. Das Gute für die SPD ist: Schulz hat selbst keinen kapitalen Fehler gemacht, trotz des Dauerfeuers. Er ist im Blick der Wähler nicht belastet, hat noch immer eine hohe Glaubwürdigkeit. Deshalb ist er auch nicht chancenlos. Das war in anderen Wahlkämpfen wie bei Peer Steinbrück anders. Da ist so viel schiefgelaufen, dass es irgendwann aussichtslos wurde.

Aber auch von Merkel sind keine kapitalen Fehler zu erwarten, oder?

Ja, wer nichts macht, macht auch keine Fehler.

Einen großen Fehler hat etwa Peter Tauber gemacht, als er sagte, wer "etwas Ordentliches gelernt hat“, brauche keine drei Minijobs. Hätte die SPD das nicht nutzen müssen?

Dafür müsste aber jemand wissen, wer Peter Tauber ist.

Also muss man die Union über Merkel knacken?

Ja, das ist so - ob sie wirklich noch genug Ideen und Power für die Zukunft hat. Wir haben eine Situation, in der die Leute entscheiden müssen, ob wir als Land zu lethargisch, zu sicherheitsorientiert, zu wenig innovativ sind. Und ich glaube, immer mehr Menschen beantworten diese Fragen insgeheim für sich mit Ja. Sie merken: So richtig gut sind wir für die nächsten Jahre nicht aufgestellt. Die Union kann ja gar kein echtes Programm vorlegen, weil die Differenzen zwischen den verschiedenen Parteiflügeln so groß sind. Deswegen kommt nur Wischiwaschi dabei raus. Es kann natürlich sein, dass die Leute sagen, das reicht ihnen. Ich glaube aber, das ist nicht so.

Also glauben Sie noch an Schulz’ Wahlsieg?

Das kommt darauf, wie man Wahlsieg definiert. Wir können heute recht sicher sein, dass es (mit der CSU) ein 7-Parteien-Parlament geben wird. Danach wird eh alles neu gewürfelt.

Frank Stauss bloggt auf frank-stauss.de

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(ll)