"Der Knast wurde zeitweise mit Drogen geflutet" - in deutschen Gefängnissen gibt es ein besorgniserregendes Suchtproblem

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Die JVA im bayerischen Landsberg | Getty
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  • In deutschen Gefängnissen wütet eine Drogenepidemie - sie treibt die Hepatitis-Infektionen in die Höhe
  • Über 30 Prozent der Häftlinge haben sich mit dem Virus angesteckt - oftmals in den Haftanstalten selbst
  • Viele Häftlinge kommen aus der Drogenspirale nicht mehr hinaus - was häufig zu Problemen nach ihrer Entlassung führt

"Ich bin noch nie so umfänglich mit Drogen konfrontiert worden wie in der Haft", erzählt Oliver Rast. Er ist Sprecher der Gefangenen-Gewerkschaft und saß bis September 2014 in der Justizvollzugsanstalt (JVA) in Berlin-Tegel, davor in Moabit.

Rast sagt: "Der Knast wurde zeitweise mit Drogen geflutet, sodass ganze Abteilungen verstrahlt waren." Er schätzt, dass auf manchen Stationen 60 bis 80 Prozent der Insassen Heroin nahmen, oft gebe es multi-toxische Abhängigkeiten. "Es wird genommen, was gerade da ist, um innere Ruhe zu bekommen."

Doch nicht nur Insassen selbst berichten von massiven Drogenproblemen in deutschen Gefängnissen. So stellte der Gefängnisarzt Karlheinz Keppler jüngst gegenüber dem Deutschlandfunk klar: Drogen seien im Gefängnis noch leichter verfügbar als draußen.

Etwa jeder Dritte Gefangene hängt an der Nadel

Derzeit sitzen etwa 63.000 Menschen in deutschen Gefängnissen. Und etwa jeder Dritte von ihnen hängt an der Nadel – die er oft mit Dutzenden Gefangenen teilt.

Die Folge: Über 30 Prozent der Häftlinge seien mit Hepatitis C infiziert, 50 Mal so viele wie in Freiheit, sagt Keppler, der bis vor Kurzem leitender Arzt in der niedersächsischen JVA Vechta war. Gefängnisse seien der Hotspot für Hepatitis C hierzulande – eine Hochrisikozone, die Menschen zu Zeitbomben mache.

Er kenne kein Gefängnis in Deutschland, "wo intensiv und auch konsequent nach solchen Infektionen gefahndet wird". Keppler bemerkt: Ohne den ständigen Austausch gebrauchter Spritzen gäbe es viel weniger Hepatitis C. Das zeige sich beispielsweise in Spanien, wo auch hinter Gittern saubere Spritzen zur Verfügung stehen.

In Deutschland gibt es hingegen nur eine einzige von insgesamt 192 Anstalten, die das derzeit macht: das Frauengefängnis in Berlin-Lichtenberg.

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Hepatitis 100-mal leichter übertragbar als HIV

Zwar hätten tatsächlich die meisten Hepatitisfälle mit Nadeltausch zu tun, betont Heino Stöver, Professor für sozialwissenschaftliche Suchtforschung an der Frankfurt University of Applied Sciences. "Doch selbst Löffel, Wasser oder gar Abbinder können gefährlich sein, wenn sie mit Blut verschmutzt sind. Hepatitis ist sehr leicht übertragbar - 100-mal leichter als HIV. Es ist sehr viel resistenter und stellt eine viel größere Bedrohung war."

Werden die Häftlinge entlassen, könnte das zum Problem werden.

Zudem gibt auch Stöver zu bedenken: "Die Haft ist die Schule für den Drogenkonsumenten. Jeder zehnte nimmt intravenös Drogen, 10 Prozent davon haben erst in der Haft begonnen Drogen zu nehmen."

Ex-Gefängnisinsasse Rast teilt diese Sichtweise. Er habe zahlreiche Leute kennengelernt, die drogenfrei ins Gefängnis kamen "und am Ende an der Nadel hingen". Wegen des Überangebots und der umfangreichen Palette an Drogen sei dies wenig verwunderlich.

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Die JVA in Berlin-Moabit

Drei Hauptrouten für den Drogenschmuggel ins Gefängnis

Doch wie kommen die Rauschmittel in die JVAs? Rast zufolge gebe es drei Hauptrouten:

Erstens durch die Bediensteten und die Häftlinge selbst, wenn diese Freigang oder externe Termine haben.

Zweitens durch externe und anstaltseigene Fahrer, die jeden Tag zahlreiche Rohmaterialien und Gerätschaften in die Gefängnisse bringen und so leicht Drogen schmuggeln können.

Drittens direkt von außen. "Da werden entweder Drohnen eingesetzt oder traditionell von außen über die Zäune und Mauern geworfen", erzählt Rast. Es gebe Werfer, die auf bis zu 100 Meter eine Punktlandung schaffen würden.

Das Schmuggeln durch Besucher komme hingegen eher selten vor. Auch, weil diese unter besonderer Beobachtung der JVA-Mitarbeiter stehen oder die Anstalten Präventivmaßnahmen ergreifen, zum Beispiel Trennschreiben zwischen Besuchern und Insassen.

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JVA-Leiter Vogt: "Das Gefängnis ist kein Dornröschen-Schloss"

Der Leiter der JVA Nürnberg ist sich der Drogenproblematik bewusst: "Abhängige Gefangene sind eine sehr, sehr spürbare Gruppe in der JVA. Etwa 80 Prozent hatten bereits Kontakt mit Betäubungsmitteln", erläutert Thomas Vogt.

Er betont: "Das Gefängnis ist kein Dornröschen-Schloss. Die Gewaltneigung genauso wie der Drogenmissbrauch geht nach oben." Das sei ein latentes Problem, das in Zukunft noch schwieriger werden könnte.

Vielleicht könnte verstärkte Substitution helfen, findet Vogt. "Die ist zwar nicht das Mittel der Wahl, aber es ist eines." Die Behandlung mit legalen Ersatzstoffen müsse dann aber nach der Haft weitergehen.

Zugleich berichtet Vogt von einer hohen Nachfrage nach Suchtberatung. "Gerade weil es von außen kommt und nicht von der JVA", glaubt der Anstaltschef.

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Ein Gefangenentransporter verlässt die JVA München

Viele Häftlinge brechen die Therapie ab

Barbara Kortland ist eine der vielen externen Drogenberater. Sie betreut Strafgefangene in der JVA Geldern in der Nähe der niederländischen Grenze. Bereits seit 12 Jahren arbeitet sie beim Caritasverband, davon seit 8 Jahren in Geldern.

Einmal in der Woche sprechen sie und ein Kollege mit drogenabhängigen Gefangenen, die dort ihre Strafe absitzen - wegen Drogendelikten, Raub, Totschlag oder gar Mord.

Aktuell gebe es etwa 580 Inhaftierte in der JVA Geldern, davon hätten etwa 60 bis 70 Prozent eine Abhängigkeitserkrankung von Drogen - "Tendenz steigend", sagt Kortland.

Sie und ihr Kollege behandeln etwa 250 bis 280 Gefangene im Jahr. Doch Kortland klagt: "Viele Häftlinge brechen die Therapie schnell ab. Sie schaffen es nicht, in der JVA stabil clean zu werden." Das liegt vor allem an der Drogenszene in den Gefängnissen. "Wenn man etwas braucht, findet man Mittel und Wege", berichtet die Suchtberaterin.

Selbst wenn es die Gefangenen schaffen, bei der Urinkontrolle sauber zu sein, "sind die Versuchungen und Anreize der Freiheit nach mehreren Monaten oder gar Jahren Gefangenschaft sehr hoch", erklärt die Sozialarbeiterin.

Drogenabhängige sind Drehtürpatienten

Die Rückfallquote ist dementsprechend hoch: "Bei Alkohol sind es etwa 30 Prozent, bei den Drogen noch weit höher", sagt Kortland. "Die Drogenabhängigen sind Drehtürpatienten. Auch wenn sie in die Therapie vermittelt werden, kommen sie ständig wieder."

Denn die Justizvollzugsanstalten sind nicht für die Rehabilitation und die Therapien von Drogenabhängigen ein- und aufgestellt.

"Meine Arbeit ist aktuell nur ein Tropfen auf dem heißen Stein", kritisiert Kortland. Sie wünscht sich eine Nachbesserung durch die Politik.

Doch deren primäres Ziel bleibt die Drogenabstinenz - das derzeit in weite Ferne gerückt ist.

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(ll)

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