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07/08/2017 18:00 CEST | Aktualisiert 07/08/2017 18:05 CEST

Immer mehr Menschen heiraten sich selbst - das zeigt, was in unserer Gesellschaft schief läuft

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Immer mehr Menschen heiraten sich selbst - es zeigt, was in unserer Gesellschaft schief läuft

  • Das Supermodel Adriana Lima hat sich kürzlich selbst geheiratet - und immer mehr Frauen folgen ihrem Beispiel

  • Die Selbst-Heirat soll verdeutlichen, wie stark und selbstbewusst Frauen sind

  • Dabei zeigt es eigentlich etwas ganz anderes

Vor wenigen Wochen hat das Supermodel Adriana Lima ein Foto auf Instagram geteilt, das Fragen aufwarf. Denn an ihrem Finger prangte ein glitzernder Ring. Das Model hat tatsächlich geheiratet - und zwar sich selbst.

"Was mit dem Ring ist? Er ist ein Symbol dafür, dass ich mich mir selbst und meinem eigenen Glück versprochen habe und mit mir selbst verheiratet bin", schrieb das Model zu ihrem Foto. "Mädels, liebt euch selbst. Und ja, ich bin Single."

Frauen aus aller Welt brachen in Begeisterungsstürme aus.

"Das nennen wir mal Girlpower!", jubelten Frauenmagazine.

"Frauen brauchen keine Männer!", kommentierten Limas Fans.

"Sich selbst zu heiraten ist die beste Idee, die Frauen haben können. Wir müssen uns selbst mehr respektieren als jeden Menschen, den wir kennen! Herzlichen Glückwunsch!" oder "Du bist so stark!", schrieben sie unter das Foto.

Als Frau will ich fast schon mit jubeln

Als Frau fällt es leicht, sich dem Jubel anzuschließen. Schließlich wollen die meisten Frauen (mit wenigen Ausnahmen) nicht wie in früheren Zeiten abhängig von Männern sein - und erst recht nicht darüber definiert werden, ob sie verheiratet sind oder nicht.

Dennoch frage ich mich, ob eine Hochzeit mit sich selbst wirklich der beste Weg ist, seine Stärke zu demonstrieren.

Keine Frage: Selbstliebe ist super, Unabhängigkeit ist auch super. Aber sich selbst zu heiraten, hat doch bei genauerer Überlegung ziemlich wenig damit zu tun.

Auch Autorinnen und Geschäftsfrauen heiraten sich selbst

Es ist doch eigentlich traurig, wenn eine Frau erst dann als stark und unabhängig angesehen wird, wenn sie sich selbst erst öffentlichkeitswirksam beweisen muss, wie sehr sie sich liebt. Für mich klingt das eher nach Unsicherheit als nach Stärke.

Viele Frauen scheinen das jedoch anders zu sehen.

Denn es sind nicht nur Supermodels wie Adriana Lima, die sich selbst heiraten - wenn auch nicht rechtlich gültig. Noch nicht.

Auch Geschäftsfrauen aus dem Silicon Valley oder Autorinnen wie die Amerikanerin Erika Anderson haben sich Medienberichten zufolge schon selbst geheiratet.

Anderson ist mit sich auf ihrer Dachterrasse in Brooklyn den ewigen Bund der Ehe eingegangen. "Ich habe mich heute für dich entschieden", soll sie laut dem Magazin "Cosmopolitan" vor ihren besten Freundinnen zu sich selbst gesagt haben.

Agenturen haben sich auf die Selbst-Heirat spezialisiert

In Kanada existiert sogar schon ein passender Service: "Marry Yourself" hilft dabei, die Traumhochzeit mit sich selbst zu organisieren. Es gibt auch eine Auswahl von Hochzeits-Fotografen für Erinnerungsfotos von, nun ja, sich selbst an einem Baum lehnend zum Beispiel.

In Japan bietet eine Agentur gleich ein "Zwei-Tages-Paket" für die Selbst-Hochzeit an - und auf der Website "I married me" können sich Frauen ein Heirats-Paket für sich selbst bestellen.

Inklusive Glückwunschkarten. Falls sie keine bekommen.

Das ist keine gesunde Selbstliebe, das ist Narzissmus

Glückwunschkarten, eine Hochzeitsreise und ein Fotograf nur für sich selbst? Das klingt schon nicht mehr nach gesunder Selbstliebe, sondern nach etwas anderem: unglaublichem Narzissmus.

Denn, seien wir ehrlich, eigentlich sagt die Selbst-Hochzeit doch nicht aus "Ich bin so stark", sondern viel mehr:

"Ich habe dummerweise keinen Menschen gefunden, der so liebenswert, klug und schön ist wie ich und es auch nur ansatzweise mit mir aufnehmen kann - also habe ich mich einfach selbst geheiratet."

Ist "Sex and the City" an allem schuld?

Angeblich soll es schon vor Jahrzehnten Selbst-Hochzeiten gegeben gaben - aber niemals so viele wie heute. Vielleicht ist Carrie Bradshaw an allem schuld. In einer Folge der Kult-Serie "Sex and the City" verkündete sie, sich selbst zu heiraten. Sie hatte genug davon, dass sie ihren Freundinnen ständig Hochzeitsgeschenke kaufen musste, während sie selbst Dauer-Single war.

Also sprach sie einer ihrer Freundinnen auf den Anrufbeantworter: "Ich heirate mich übrigens selbst und meine Hochzeitsliste führt Manolo Blahnik."

Das war lustig - weil es erstens überraschend und zweitens in einer Fernsehserie geschehen ist.

Wer hätte gedacht, dass sie Jahre später hunderte Frauen damit inspirieren würde - und zwar nicht zum Schuhkauf, sondern zur Selbst-Heirat.

Der Trend passt perfekt zur Generation Y

Vielleicht ist es aber auch nicht Carrie Bradshaw, sondern der Einfluss der Generation Y, der zu den vermehrten Selbst-Hochzeiten geführt hat. Die meisten Mitte-20-Jährigen streben gerade so sehr nach der Perfektionierung ihrer eigenen Individualität, dass die logische Krönung des Ganzen nur die Selbst-Heirat sein kann.

Mehr zum Thema: Wir sind die Generation, der kein Partner gut genug ist

Zugegeben: Ein paar Vorteile hat so eine Selbst-Heirat ja auch.

Das Ehegatten-Splitting muss nie thematisiert werden und die Hochzeitstorte kann man ganz alle essen.

Und: eine Scheidung gibt es auch nicht. Hoffentlich - ansonsten könnte das böse enden.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

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(ujo)

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