POLITIK
06/08/2017 21:25 CEST | Aktualisiert 06/08/2017 22:46 CEST

Ich war in einem der ärmsten Viertel Berlins – diese 6 Dinge habe ich über Deutschland gelernt

  • Viele Arme, viele Menschen, die Populisten wählen: Berlin-Hohenschönhausen ist auf den ersten Blick ein Stadtteil der Extreme

  • Wer aber glaubt, dass es die Probleme nicht auch andernorts gibt, macht einen schweren Fehler

  • Die HuffPost war eine Woche vor Ort - und hat diese sechs Dinge über Deutschland gelernt

Die meisten Berliner kennen den Stadtteil Hohenschönhausen nur vom Vorbeifahren. Die tristen, hohen Plattenbauten sehen sie dann. Eine endlose Betonwüste.

Die AfD hat hier eines ihrer wenigen Direktmandate bei der Berlin-Wahl erhalten. 40 Prozent der jungen Erwachsenen sind in den vergangenen fünf Jahren hier weggezogen. 55 Prozent der Mütter sind alleinerziehend. 60 Prozent der Kinder wachsen in Familien auf, die von Transferleistungen wie Hartz-IV abhängen.

Viele arme Kinder, viele Alte - und viele, die sich für Populismus begeistern: Berlin-Hohenschönhausen ist ein Stadtteil der Extreme.

Wer aber durch die Straßen spaziert, bekommt ein völlig anderes Bild. Es gibt viele Alleen, Parks, Teiche und wenig Verkehr. Außerdem gibt es hier neben den Plattenbauten auch viele, wunderschöne Viertel mit Einfamilienhäuser. Der Stadtteil ist fast idyllisch.

Man muss also hinter die Kulissen blicken, um zu erfahren, wie die Statistiken in den Alltag übersetzt aussehen.

Dabei zeigt sich, dass es in Hohenschönhausen ganz ähnlich wie in Deutschland ist - ein Land, dem man seine Probleme vielerorts nicht ansieht. Wer den Stadtteil besucht, lernt also auch etwas über die Probleme der gesamten Republik.

Wir waren eine Woche vor Ort - und haben diese sechs Dinge über Deutschland gelernt.

1. Wie weit weg Hauptstadtpolitik von der Lebensrealität vieler Menschen sein kann

Wer Kevin Hönicke fragt, warum in Berlin-Hohenschönhausen Populisten so erfolgreich sein können, bekommt eine ehrliche Antwort.

kevin hönicke

SPD-Politiker Hönicker: "Haben uns meilenweit von einem Teil der Bürger entfernt

"Wir Politiker haben uns meilenweit von einem Teil der Bürger entfernt. Gefährlich weit", sagt der SPD-Politiker, der im Wahlkreis Lichtenberg für den Bundestag kandidiert, in dem auch Hohenschönhausen liegt.

Wer wissen will, was er damit meint, muss nur einmal auf die aktuellen politischen Debatten schauen.

Diesel-Fahrverbote, Maut, einen Euro-Finanzminister. All diese Themen sind wichtig. Aber ihre Bedeutung verschwimmt im Anblick der eigenen Probleme, wenn man heute nicht weiß, wie man morgen über die Runden kommen soll.

Hönicke drückt das so aus:

Die alleinerziehende Mutter oder auch der alleinerziehende Vater hat in den meisten Fällen keine Zeit, sich über Politik genau zu informieren. Sie sind froh, wenn sie ihr Leben mit dem Kind gemanagt bekommen und den Tag hinter sich gebracht haben. Gleichzeitig merken sie, dass ihnen ständig Steine in Weg gelegt werden: Sie finden keinen Kita-Platz. Sie machen eine Jobcenter-Maßnahme nach der anderen, ohne einen Job zu bekommen. Und sie fürchten sich vor steigenden Mieten.

Das erzeuge ein Gefühl des „abgehängt seins“, mit dem Populisten spielen.

Dieses Gefühl gibt es nicht nur in Hohenschönhausen. Rund zwei von drei Deutschen sind der Meinung, dass die Politik ihre Sorgen nicht ernst nimmt, heißt es in einer Forsa-Umfrage aus dem November.

Dieses Gefühl lässt sich nicht wegdiskutieren, es lässt sich auch nicht durch Plastiksprache wie „Zeit für mehr Gerechtigkeit“ auffangen, dem Wahlkampfslogan der SPD, die in Hohenschönhausen noch nie richtig Fuß fassen konnte.

Es lässt sich nur auffangen, wenn Politik den Alltag der Menschen ganz konkret verbessert.

2. Egal ob Job oder großes Vermögen: Jeder kann ins soziale Aus geraten

Ob es nun die Geschichte einer Wurstmacherin ist, die seit 30 Jahren in Vollzeit arbeitet, sich keinen Luxus leistet und trotzdem über die Jahre Schulden anhäuft, weil mal der Kühlschrank kaputt geht oder die Waschmaschine.

Oder ob es die Millionärin ist, die ihr Vermögen verliert, obdachlos wird und vom Jobcenter abgewiesen wird, weil ihr niemand ein Wort glaubt.

All diese Schicksale aus Berlin-Hohenschönhausen haben die gleiche Botschaft: Der soziale Abstieg ist grausam – und er kann jeden treffen.

"Meine Klienten arbeiten hart und leben bescheiden - und stürzen trotzdem ab", sagt etwa Anke Seiß, Schuldnerberaterin in Hohenschönhausen.

Und Rechtsanwalt Dan Mechtel, der Hartz-IV-Empfänger aus Hohenschönhausen vor Gericht vertritt, sagt:

heißt

Hartz IV ist schon lange in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Zu mir kommen Wissenschaftler, Künstler, Intellektuelle und Kleinstunternehmer, die einen Shop haben und damit nicht über die Runden kommen
.

Das belegen auch Zahlen.

Beispiel Verschuldung: Es sind vor allem Menschen aus der Mittelschicht, die sich gerade verschulden, weil sie sich Konsum auf Pump leisten wollen.

Im dritten Jahr in Folge ist die Zahl der überschuldeten Haushalte in Deutschland angestiegen - vor allem in den wohlhabenden Bundesländern Bayern und Baden-Württemberg. Trotz Rekordbeschäftigung, trotz boomender Wirtschaft.

3. Welche verheerenden Folgen steigende Mieten haben können

Die Furcht vor steigenden Mieten ist nicht neu.

In nahezu allen deutschen Innenstädten steigen die Preise für den Quadratmeter auf immer neue Rekorde. In Berlin ging kürzlich sogar ein PKW-Stellplatz für einen Preis weg, mit dem man hier vor zehn Jahren in guter Lage noch eine kleine Wohnung hätte kaufen können.

Alarmierend ist, dass diese Furcht nun auch durch die Speckgürtel wie Hohenschönhausen geht. So rechnen laut einer Allensbach-Studie 73 Prozent der Bewohner der fünf größten Städte Berlin, Hamburg, München, Köln und Frankfurt mit steigenden Mieten.

In der Studie heißt es: „So bestehen in vielen kleineren und mittleren Universitäts- und Hochschulstädten, großräumigen Einzugs- und Umlandbereichen von Ballungsräumen sowie zunehmend auch in wirtschaftsstarken ländlichen Regionen, insbesondere in Süddeutschland, deutlich angespannte Wohnungsmärkte.

Wer weiß, dass Hohenschönhausen bislang vor allem ein Rückzugsort für jene war, die sich die teuren Mieten in der Innenstadt nicht mehr leisten konnten, weiß, was das bedeutet: Früher oder später müssen diese Menschen ihre Koffer packen und aus Berlin rausziehen, wenn die Mieten noch weiter steigen.

emmrich

Vereinsvorsitzende Emmrich: "50 Cent mehr Miete pro Quadratmeter können schon Existenzen vernichten"

Hier drohe der Exodus, warnt etwa Christine Emmrich, Vorsitzende des Vereins für ambulante Versorgung in Hohenschönhausen Nord. Sie sagt:

„Besonders schwierig haben es Alleinerziehende, im Zweifel auch noch mit einem oder mehreren Kindern. Für sie reicht es finanziell hinten und vorne nicht. Da können 50 Cent mehr pro Quadratmeter schon existenzvernichtend sein oder ihr Leben spürbar verschlechtern."

Die steigenden Mieten sind eine Katastrophe für die unteren und mittleren sozialen Schichten. Und daran hat auch die Mietpreisbremse nichts geändert. Statt auf diese planwirtschaftliche Schnapsidee zu vertrauen, hätten Städte wie Berlin viel früher gegen den Wohnungsmangel vorgehen müssen.

Der Senat hat deswegen tausende neue Wohnungen in Berlin für die kommenden Jahre geplant. Planen ist das eine, umsetzen das andere - und damit hat die Stadt bekanntlich ihre Probleme.

4. Wie schwer es Alleinerziehende und Kinder wirklich haben

So geballt wie in Hohenschönhausen werden die Probleme von Alleinerziehenden und ihren Kindern fast nirgends in Deutschland sichtbar.

60 Prozent der Mütter sind in Hohenschönhausen alleinerziehend. Vielen von ihnen fällt es schwer, einen Job zu finden, weil es wenige Arbeitgeber in Hohenschönhausen gibt und Chefs vor Sorge, die Mutter könne häufig zu Hause bleiben, die Stelle lieber an Männer vergeben.

Alleinerziehende Mütter sind deswegen auch häufig von Transferhilfe abhängig - nicht nur in Hohenschönhausen, wo jedes zweite Kind in Armut aufwächst. Sondern in ganz Deutschland. 40 Prozent der Ein-Elternteil-Familien leben mit Hartz-IV - eine erschreckend hohe Zahl.

Das sorgt für extreme Situationen in den Familien.

„Immer mehr Familien hier können nicht mehr für Kinder sorgen“, sagt etwa ein Sozialarbeiter einer Organisation, der nicht namentlich zitiert werden will.

Er erlebt Eltern, die völlig überfordert mit ihren Kindern und Jugendlichen sind. Die ihre Kinder im Suff schlagen. Die ihren Alltag nicht mehr geregelt bekommen und in der Langzeitarbeitslosigkeit gefangen sind. Die ihre Kinder deswegen nicht mehr unterstützen können – und ihnen somit nichts als Probleme mit auf den Lebensweg geben.

„Die sind völlig perspektiv- und chancenlos“, sagt er.

Das führt auch dazu, dass in den vergangenen fünf Jahren 40 Prozent der 18- bis 25-Jährigen aus dem Viertel weggezogen sind.

wartenberg

Vizepräsident des SV Wartenberg, Heese Steinmetz: "Kinder sind die Zukunft unseres Kiez"

Umso wichtiger sind etwa Vereine "Die Arche", die Jugendliche betreut. Oder etwa der Sportverein Wartenberg, die Großartiges in der Nachwuchsarbeit leisten. "Kinder sind die Zukunft - nicht nur für unseren Verein, sondern für den gesamten Kiez", sagt der Vizepräsident Matthias Heese-Steinmetz. Sie sind der Kitt zwischen den Schichten, von dem es gar nicht genug geben kann.

5. Wie und wo die AfD Wahlen immer noch gewinnen kann

Egal, mit wem ich gesprochen habe: Alle waren überrascht vom Erfolg der AfD bei den Berliner Wahlen im vergangenen Jahr.

Dass hier mit Kay Nerstheimer ein Kandidat das Direktmandat holte, der selbst der Partei später zu rechts war und aus der Fraktion ausgeschlossen wurde – das hätte niemand erwartet. Umso überraschender war das, weil Nerstheimer kaum Wahlkampf vor Ort machte.

Wie es soweit kommen konnte, dafür gibt es verschiedene Theorien. Die einen lassen sich mehr auf andere Regionen in Deutschland beziehen, die anderen weniger.

Einige erklären den Erfolg mit der Enttäuschung und dem Frust, der sich hier nach der Wende breitgemacht hat. Statt blühender Landschaften gab es Arbeitsamt und Alkohol – da macht man sein Kreuz lieber bei einer Partei, die für Protest steht.

Andere wiederum erklären den Erfolg damit, dass hier mehr Flüchtlingsheime gebaut wurden als in anderen Berliner Stadtteilen.

Und wieder andere sehen den Fehler bei anderen Parteien, von denen alle in irgendeiner Weise zu verantworten haben, was in Hohenschönhausen schief läuft.

Es kamen also viele Faktoren zusammen, die am Ende dieses Wahlergebnis ermöglichten.

Mittlerweile ist über die AfD übrigens kaum mehr etwas zu hören in der Lokalpolitik. Nerstheimer hat sich zurückgezogen, in der BVV stimmt sie weitestgehend wie die CDU ab und hält sich ansonsten zurück. Wahl gewonnen, danach abgetaucht.

6. Ohne die vielen engagierten Bürger würde unsere Zivilgesellschaft zusammenbrechen

Ob es nun Detlef Schmidt-Ihnen ist, der 25 Jahre das Barnim-Gymnasium leitete und ein beispielhaftes Programm für Flüchtlingskinder an seiner Schule aufgelegt hat. Hundert Schüler aus Syrien, Afghanistan und dem Irak werden dort unterrichtet, in den Sommerferien gehen Ehrenamtliche mit ihnen in ein Sommercamp.

Ob es Wolfgang Horn ist, der sich dafür einsetzt, dass die S-Bahnlinie 75 wieder regelmäßiger fährt.

Oder die vielen Beratungsstellen, Organisationen, Vereinen: Was Bürger in Hohenschönhausen auf die Beine gestellt haben, ist beachtlich. In der Bundesrepublik engagieren sich etwa 15 Millionen Menschen im Ehrenamt. Ohne sie würde unsere Zivilgesellschaft zusammenbrechen.

Ob in Hohenschönhausen oder anderswo in Deutschland.

Die HuffPost berichtet eine Woche aus Berlin-Hohenschönhausen. Hier findet ihr die bereits erschienen Beiträge:

Stadtteil der Extreme: Warum die HuffPost diese Woche aus Berlin-Hohenschönhausen berichtet

"Hier droht der Exodus": Wie ein Viertel in Berlin-Hohenschönhausen vor steigenden Mieten warnt

Tatort Plattenbau: Ein Polizist zeigt uns die wahren Probleme in Berlin-Hohenschönhausen

"Der Nachwuchs flieht aus Berlin-Hohenschönhausen - mit dramatischen Folgen für unseren Kietz"

Schulleiter Schmidt-Ihnen: "Die Flüchtlingskrise veränderte Hohenschönhausen - aber anders, als befürchtet"

Ich habe ein Startup in einem der ärmsten Viertel Berlins gegründet - so hat mir das Jobcenter das Leben schwer gemacht

Schuldnerberaterin: Meine Klienten arbeiten hart und leben bescheiden - und stürzen trotzdem ab

Flüchtlingskrise: Helft den Helfern!

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Wie ihr selbst aktiv werden könnt, erfahrt ihr bei unserem Kooperationspartner Betterplace..

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