Lebenswerter, sauberer, gesünder: So stellen sich 4 junge Architekten die Stadt der Zukunft vor

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  • In Zukunft werden sehr viel mehr Menschen in den Städten wohnen als jetzt
  • Um mit den Belastungen für Menschen und Umwelt zurechtzukommen, müssen sich Städte radikal verändern
  • Vier junge Menschen haben sich Gedanken macht, wie die Stadt der Zukunft aussehen könnte

2050 werden laut einer Studie der UN 65 Prozent der Menschen in Städten leben - 1950 waren es nur 30 Prozent. Der Anteil der Städter an der Gesamtbevölkerung wird sich dann also in nur einem Jahrhundert verdoppelt haben.

Doch so, wie unsere Städte momentan beschaffen sind, werden sie diesem Ansturm nicht gerecht werden.

Und natürlich werden die Menschen auch neue Städte bauen - besonders in Asien und Südamerika erwarten die Vereinten Nationen Megastädte mit mehr als zehn Millionen Einwohnern.

Aber wie müssen Städte aussehen, dass sie diese Bewohnermassen aushalten - und dass diese Bewohner auch noch eine hohe Lebensqualität haben können.

Vier junge Architekten, Stadtplaner und Ingenieure haben Konzepte entwickelt, die die Städte der Zukunft lebenswerter, sauberer und gesünder machen sollen.

Sonja Heikkiljä, 27, Stadtplanerin aus Helsinki

Die finnische Stadtplanerin Sonja Heikkiljä will ihre Heimatstadt Helsinki autofrei machen - zumindest die Privatautos sollen verbannt werden. Erreichen will die 27-Jährige das mit einer App.

Damit soll die Stadt sauberer, umweltfreundlicher und lebenswerter werden.

Die Idee: Die Nutzer sollen sich mit Hilfe der App die passenden Verkehrsmittel für eine bestimmte Strecke aussuchen können. Also Bus, Bahn, Leihfahrrad, Car-Sharing-Autos oder Fähren. Über die App können die Nutzer dann die Transportangebote buchen können, die sie benötigen. Mit der Daimler-Tochter Moovel gibt es eine ähnliche App bereits in Deutschland.

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Sonja Heikkiljä will private Autos aus der Stadt verbannen.

Heikkiläs Argument ist simpel: 95 Prozent der Zeit stehe ein Auto ungenutzt auf dem Parkplatz. Die 27-jährige sagt voraus, dass auf Helsinkis Straßen bald keine Privatfahrzeuge mehr unterwegs sein werden. Schließlich gehe es nicht darum, ein Auto zu haben - sondern darum, möglichst gut von A nach B zu kommen.

Vincent Callebaut, 40, Architekt aus Paris

Einer der wohl umtriebigsten Visionäre der Zukunft des Wohnens ist der belgische Architekt Vincent Callebaut, der sein Büro in Paris hat.

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Schon vor einiger Zeit hat er seine Ideen für futuristischen Hausboote in der brasilianischen Stadt Rio de Janeiro vorgestellt(mehr über das Projekt erfahrt ihr oben im Video). Die Wohninseln sollen aus dem 3-D-Drucker kommen. Die Energie für die Gebäude liefern Meereskraftwerke. All das ist heute schon Stand der Technik.

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Baustoff aus Müll und Algen

Doch äußerst ungewöhnlich ist der Baustoff für die Inseln. Er soll aus einem Plastik-Algen-Gemisch bestehen. Das Plastik soll aus Abfällen stammen, die im Meer treiben. Bisher ist es nicht möglich, große Mengen Plastik aus dem Ozean zu fischen. Doch derzeit arbeiten zahlreiche Unternehmer und Erfinder an Technologien, die genau das ermöglichen sollen.

Die Inseln sehen aus wie Quallen. Daher stammt auch der Name des Projekts: Aequorea, benannt nach einer fluoreszierenden Quallemart.

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Stabilität im wogenden Ozean geben den Inseln Verankerungen im Meeresboden und in sich selbst verdrehte keilförmige Türme.

Statt Wolkenkratzern gibt es Meeresgrundkratzer

Bis zu 1000 Meter tief mit 250 Etagen reichen die Türme in den Ozean. Jede Insel soll 1,3 Quadratkilometer groß werden, was ungefähr der Größe von 100 Fußballfeldern entspricht.

Dort finden 10.000 Wohnungen und 20.000 Menschen Platz. Eine Wohnung soll zwischen 25 und 250 Quadratmeter groß sein. Auch die Baukosten hat der Architekt schon kalkuliert: 1950 Euro pro Quadratmeter.

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Auf der Insel können die Bewohner Algen, Obst und Gemüse anbauen. Die Einwohner müssten nicht mehr aufs Festland, sondern könnten sich selbst ernähren.

Doch das ist nicht alles. Architekt Callebaut hat in Zusammenarbeit mit den Ingenieuren vom Setec Bâitment ein Forschungs- und Entwicklungsprojekt für die Hochhausarchitektur in Paris entworfen. “2050 Paris Smart City” besteht aus acht Hauptgebäuden, die Naturelemente und nachhaltige Energiequellen kombinieren.

Obwohl alle Gebäude ein anderes Design haben, erfüllen sie den gleichen Zweck – maximale Nutzung der Energie auf eine umweltfreundliche Weise, Lebensmittelversorgung, Wassernutzung und ein Leben in perfekter Harmonie mit der Natur.

Im Smart City Projekt sind auch innovative Technologien eingesetzt, die die Naturenergiequellen optimal aufbrauchen. So besteht zum Beispiel die Außenverkleidung eines Gebäudes aus individuellen Zellen, die eine lichtempfindliche, elektrochemische Umhüllung bilden - und die nutzt das Sonnenlicht maximal aus und soll so das ganze Gebäude mit Strom versorgen.

Liam Young, 38, Architekt und Filmemacher aus London

Der Architekt Liam Young zeigt eine nicht ganz so grüne Zukunft der Städte wie Callebaut. Sein Unternehmen Tomorrow’s Thoughts Today beschäftigt sich mit der urbanen Zukunft und bewegt sich dabei zwischen den Spielarten Architektur, Film und Fiktion.

Young übertreibt es in seinen Filmen oft - mit Absicht. Er übertreibe die Zukunft, um sich auf seine heutigen architektonischen Projekten besser vorbereiten zu können, sagte er dem Architektur-Fachmagazin “Dezeen”.

Young wird gerne als Zukunftsarchitekt bezeichnet. In seinem Think Tank entwickelt er gemeinsam mit anderen Architekten, Wissenschaftlern, Zukunftsforschern und Ingenieuren fiktive Städte. Die sollen zeigen, dass neue digitale Technologien bereits unser alltägliches Leben bestimmen. Außerdem sollen die Visionen zeigen, wie diese die Welt außerhalb der Städte und unser Verhältnis zur Natur verändern.

Brandon Araki, 25, Ingenieur am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge

In vielen Zukunftsszenarien spielen sie eine Rolle: fliegende Autos. Zugegeben: Noch sind die als fliegenden Autos angepriesenen Geräte eher Flugzeuge. Ihre Piloten brauchen einen Pilotenschein, eine Start- und Landebahn.

Doch viele Visionäre sind sich sicher: die fliegenden Autos werden kommen. Und mit ihnen das Chaos in der Luft. Denn die Autos der Zukunft sollen selbständig fliegen, mit Autopilot.

Um das Chaos in der Luft in den Griff zu bekommen, haben Wissenschaftler vom renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) nun ein Konzept entwickelt, wie die Autos fliegen können, ohne sich in die Quere zu kommen. Teil des Teams: Der 25-jährige Ingenieur Brandon Araki.

Araki und seine Kollegen gehen davon aus, dass jeder Mensch ein fliegendes Auto haben will - also werden sehr viele der Geräte in der Luft unterwegs sein.

"Fliegende Roboter sind zwar agil und flexibel, in der Luft verbrauchen sie jedoch sehr viel Energie und haben nur eine begrenzte Batterielaufzeit“, sagte Araki dem Tech-Portal “Wired”.

Roboter, die auf dem Boden fahren, seien hingegen sehr stabil und energieeffizient, würden aber nicht gut mit Hindernissen zurecht kommen.

Daher haben die Forscher um Araki für ihre Tests eine Drohne entwickelt, die sowohl in der Luft, als auch auf dem Boden unterwegs sein kann. Dieser Prototyp verhalte sich wie eine Stubenfliege, sagt das MIT-Team.

Wenn er kann, ist er in der Luft unterwegs, ansonsten bewegt er sich auf dem Boden, um Energie zu sparen. ”Wir haben Algorithmen entwickelt, die die beste Strecke vorausplanen und dabei berücksichtigen, welche Fortbewegungsart die jeweils passende ist“, sagt Araki.

Mehr zum Thema: 18 gute Gründe, warum unsere Innenstädte autofrei werden müssen

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(jg)

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