Wie ein harmloses Foto aus Freiburg zu einer neuen Debatte über das Judentum führt

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FREIBURG
Wie ein vermeintlich harmloses Foto aus Freiburg gerade zu einer neuen Debatte über das Judentum in Deutschland führt | dpa
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  • In Freiburg hat die Stadt eine Gedenkstätte für eine von den Nazis zerstörte Synagoge gebaut
  • In dem Brunnen haben kurz nach der Eröffnung Menschen abgekühlt
  • Viele Beobachter sind entsetzt - doch die jüdische Gemeinde hat eine ganz andere Meinung

In Freiburg stand fast sieben Jahrzehnte lang die Alte Synagoge - bis die Nazis sie 1938 in der Reichspogromnacht zerstörten. Vergangenes Jahr entdeckten Bauarbeiter Reste des Gebäudefundaments. Daraufhin baute die Stadt einen Brunnen in Form des Umrisses der Alten Synagoge - als Gedenkstätte.

Am Mittwoch wurde das Mahnmal eröffnet. Kurz darauf plantschten schon Kinder und Hunde in dem Becken, junge Menschen stellten Campingstühle ins kühle Nass und streckten ihre Füße ins Wasser - es war an diesem Tag schließlich über 30 Grad in Freiburg.

Ganz so, als sei das Wasserbecken ein Freibad und keine Gedenkstätte.

Auch wenn es den Kindern und Hunden wohl egal war, wo sie da plantschten, missfiel vielen Beobachtern das Pool-Verhalten im Gedenkbrunnen.

"Mir würde das Herz bluten"

"An dem Ort, an dem Freiburg der in der Reichspogromnacht zerstörten Synagoge Gedenken will, wird nun fröhlich herumgeplanscht", schrieb Aras-Nathan Keul, Mitarbeiter des Grünen-Politikers Volker Beck auf Twitter.

Laut der "Badischen Zeitung" waren auch Anwesende von dem Verhalten der Menschen entsetzt.

"Schockierend", soll ein älterer Herr gesagt haben, "das ist doch eine Gedenkstätte." Ein anderer sagte laut der Zeitung, wenn er von der jüdischen Gemeinde gewesen wäre, hätte ihm das Herz geblutet.

Die Debatte, was Menschen in einer Gedenkstätte oder einem Mahnmal dürfen und was pietätlos ist, ist nicht neu.

Coole, urbane Kulisse

In Berlin wird über die Mahnmal-Selfies diskutiert, die Besucher des Holocaust-Denkmals machen, um sich in den sozialen Netzwerken zu präsentieren.

Auch in früheren Konzentrationslagern ist dieser gruselige Trend zu beobachten. In den Lagern gibt es mittlerweile fast so etwas wie einen Ausflugstourismus - Shorts, Sandwiches und Selfies inklusive.

Ein bisschen anders ist die Lage in Freiburg.

Denn offenbar sieht es die jüdische Gemeinde nicht ganz so dramatisch, dass Kinder und Hunde in dem Becken baden. "Ich habe kein Problem damit, dass Kinder oder Erwachsene mit dem Wasser spielen", sagte Rami Suliman, der Vorsitzende des Oberrats der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden der "Badischen Zeitung".

"Es gibt so viele traurige Gedenkstätten. In diesem Fall ist das Wasserbecken Teil des Lebens auf dem Platz." Das sei kein Mahnmal, kein heiliger Ort, "es ist vielmehr ein Zeichen, dass Judentum in Freiburg Teil der Gesellschaft ist".

"Man vergisst die Tragödie"

Zufrieden war die jüdische Gemeinde ohnehin nicht mit den Plänen und deren Umsetzung für die Gedenkstätte. Denn eigentlich wollte die Gemeinde, dass die Überreste der Synagoge, die bei den Bauarbeiten gefunden wurden, in das Becken integriert werden - doch die Stadt wollte das offenbar nicht.

Wenn diese Steine integriert werden könnten, wäre das Wasserbecken als Gedenkstätte kenntlicher, sagt Irina Katz von der Jüdischen Gemeinde der "Badischen Zeitung". "Jetzt ist der Platz ästhetisch und schön, man vergisst, dass hier eine Tragödie geschehen ist."

Immerhin eine Gedenktafel ist in den Brunnen eingelassen: "Hier stand die Synagoge der israelitischen Gemeinde Freiburg. Erbaut 1870 - sie wurde am 10. November 1938 unter einer Herrschaft der Gewalt und des Unrechts zerstört“, ist auf ihr zu lesen.

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(ben)

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